segnete , niedergeschrieben worden , weshalb denn auch Jürgaß , bei der Wiederkehr jedes 14. Oktober , seiner Weise zu sagen pflegte : » Sonderbarer Tag , an dem ich nie recht weiß , ob ich ein Fest- oder ein Trauerkleid anlegen soll ; Preußen fiel , aber Dagobert von Jürgaß stieg . « Im übrigen hatte ihn die Tante richtig abgeschätzt ; es steckte ihm von der Mutter Seite her , neben einem Hange zu gelegentlich glänzendem Auftreten , auch das gute Haushalten der Zieten im Blute , so daß sich sein Vermögen , aller Zeiten Ungunst zum Trotz , in den seit der Erbschaft verflossenen sechs Jahren eher gemehrt als gemindert hatte . In besonders reicher Weise war das schon erwähnte Wohnzimmer von ihm ausgestattet worden , was denn auch zur Folge hatte , daß alle diejenigen Herren , die heute zum ersten Mal in diesen Räumen waren , ihre Aufmerksamkeit auf Pfeiler und Wände desselben richteten . Herr von Meerheimb entdeckte sofort eine in verkleinertem Maßstab gehaltene Kopie eines großen , eine Zierde der Dresdener Galerie bildenden Tintoretto , während von Hirschfeldt sich freute , einer langen Reihe von Buntdruckbildern zu begegnen , deren Originale er in London , bei Gelegenheit einer Ausstellung Josua Reynoldsscher Werke , gesehen hatte . Die Fülle aller dieser Ausschmückungsgegenstände , unter denen namentlich auch bemerkenswerte Skulpturen waren , gab dem Geplauder , das ohnehin im Auf- und Abschreiten geführt wurde , etwas Unruhiges und Zerstreutes , das dem Aufkommen eines gemütlichen Tones ziemlich ungünstig war , von Jürgaß aber , sosehr ihm unter gewöhnlichen Verhältnissen die Pflege des Gemütlichen am Herzen lag , nicht unangenehm empfunden wurde , da ihm nicht entgehen konnte , daß der Grund dieser beständig hin und her springenden Unterhaltung ausschließlich eine seiner Eitelkeit schmeichelnde Bewunderung für seine Kunstwerke oder aber Neugier in betreff der sonst noch vorhandenen Sehenswürdigkeiten war . Zu diesen Sehenswürdigkeiten gehörte vor allem der » große Stiefel « , der , sechs Fuß hoch , mit einer anderthalb Zoll dicken Sohle und einem neun Zoll langen Sporn daran , seinerzeit entweder selbst eine cause célèbre gewesen war oder doch zu einer solchen die Anregung gegeben hatte . Es hatte damit folgende Bewandtnis . Es war am Ende der neunziger Jahre , als Jürgaß , damals noch ein blutjunger Lieutenant bei Göckingk-Husaren , mit Wolf Quast vom Regiment Gensdarmes die Friedrichsstraße nach dem Oranienburger Tore zu hinaufschlenderte . Dicht vor der Weidendammer Brücke , gegenüber der Pépinière , fiel ihnen ein riesiger Sporn auf , der im Schaufenster eines Eisenladens hing . Sie blieben stehen , lachten , schwatzten und setzten fest , daß der erste , der in Arrest käme , den Sporn kaufen solle . Der erste war Jürgaß . Aber der Sporn war kaum erstanden , als ein neues Abkommen getroffen wurde : » Der nächste läßt einen Stiefel dazu machen . « Dieser nächste nun war Quast , und nach Ablauf von wenig mehr als einer Woche wurde der mittlerweile gebaute Riesenstiefel unter allen erdenklichen Formalitäten prozessionsartig erst in die Kaserne und dann in Quasts Zimmer getragen . Von den jüngeren Kameraden beider Regimenter fehlte keiner . Da stand nun der Koloß , und der Riesensporn wurde angeschnallt . Aber der einmal wachgewordene Übermut war noch nicht befriedigt , und eine Steigerung suchend , wurde beschlossen , dem großen Stiefel und großen Sporn zu Ehren auch ein entsprechend großes Fest zu geben . Der Stiefel natürlich als Bowle . Gesagt , getan . Das Fest verlief zu vollkommenster Genugtuung aller Beteiligten , aber keineswegs zur Zufriedenheit des Kriegsministers , der vielmehr dem Unfug ein Ende zu machen und den großen Stiefel tot oder lebendig einzuliefern befahl . Die betreffende Ordre war kaum ausgefertigt , als alle jungen Lieutenants einig waren , daß es Ehrensache sei , den Stiefel coûte que coûte zu retten , der nunmehr auch wirklich bei der bald darauf stattfindenden Kasernenrevision aus einem Zimmer in das andere und schließlich in Rückzugsetappen erst auf die havelländischen , dann auf die ruppinschen und priegnitzschen Güter der respektiven Väter und Oheime wanderte , die sich nolens volens in das von ihren Söhnen und Neffen eingeleitete Spiel mitverwickelt sahen . So kam er schließlich nach Gantzer und war auf ein ganzes Dutzend Jahre hin vergessen , als unser Jürgaß , bei Gelegenheit eines kurzen Besuchs im väterlichen Hause , des ehemaligen corpus delicti wieder ansichtig wurde und sofort beschloß , es als originelle Zimmerdekoration in seiner eben in Einrichtung begriffenen Wohnung zu verwenden . Er machte übrigens nicht mehr und nicht weniger von der Sache , als sie wert war , und wenn er , die Geschichte vom » großen Stiefel « erzählend , einerseits viel zuviel Urteil hatte , um einen Fähndrichsstreich als Heldentat zu behandeln , so war er doch auch keck und unbefangen genug , sich des Übermutes seiner jungen Jahre nicht weiter zu schämen . Der eintretende Diener , die Flügeltüren des Speisesalons öffnend , meldete durch diese stumme Sprache , daß das Frühstück serviert sei , und Jürgaß , vorausschreitend , bat seine Gäste , ihm folgen zu wollen . An einem runden Tische war gedeckt . Hirschfeldt und Meerheimb nahmen zu beiden Seiten des Wirtes Platz , Hansen-Grell ihm gegenüber ; Tubal , Lewin und Bummcke , auf die sich aus der Reihe der Kastaliamitglieder die Einladungen beschränkt hatten , schoben sich von rechts und links her ein . Die Jürgaßschen Frühstücke waren berühmt , nicht nur durch ihre Auserlesenheit , sondern beinahe mehr noch durch die Aufmerksamkeiten und Überraschungen , womit er das Mahl zu begleiten pflegte . Auch heute war er nicht hinter seinem Ruf zurückgeblieben . Unter dem Couverte von Hirschfeldt lag , aus einem französischen Reisebuche herausgeschnitten , die » Kathedrale von Tarragona « , ein kleines Bildchen , auf dessen Rückseite die Worte zu lesen waren : » In dankbarer Erinnerung an den 5. Januar 1813 « , während Hansen-Grell beim Auseinanderschlagen seiner Serviette eines zierlichen silbernen Sporns ansichtig wurde