Braut stehen auf einem hohen Gerüst . Er sieht sie straucheln , sinken , will sie halten , taumelt und stürzt mit einem gellen Schrei ihr nach in die Tiefe . Über dem Schrei wachte er auf . Der Greis stand an seinem Bette . » Du sollst nicht lügen , mein Sohn , « sagte er ruhig , und das kirchliche Aufgebot wurde nicht verkündet . Wochen vergingen ohne in die Augen springende Veränderung ; der Vater schien seinen Plan vergessen zu haben , und wer hätte ihn daran erinnern sollen ! In der Gemeinde hatte sich die Sage verbreitet , der Pastor habe , da er sich merklich kräftiger fühle , die Trauung verschoben , bis er sie zum Frühling in seiner Kirche zu vollziehen imstande sei . Möglich , daß Rose des beflissenen Adlatus Einbläserin gewesen ist ; vermutlicher indessen Fräulein Sidonie . In der Pfarre wurde die Weltbetrachtung fortgesetzt ; Sidonie spielte ihre Fugen . Dezimus dankte es Lydia , daß sie , ihre Sangesscheu vor fremden Ohren überwindend , jetzt regelmäßig an seiner Statt den Vater durch ein Beethovensches Gellertlied oder eines von seinem alten Bach erquickte . Nie hatte er einen reineren , edleren Alt gehört . Ohne daß ein aufklärendes Wort gefallen wäre , verstanden beide Freundinnen den Grund von des Bräutigams traurigen Augen . Sidonie , wenig von der heimlichen Lösung überrascht und sie noch weniger beklagend , dachte : » Er muß durch ! « suchte ihn mit Ernst und Scherz zu zerstreuen , brachte ihm gute Bücher , Karten , kleine optische Instrumente , machte ihm Freude , wo sie konnte . Mehr aber , wahrhaft wohl , tat ihm Lydia , die , ahnungslos von seiner Erfahrung betroffen und in seine Seele betrübt , ihn mit einer leisen , schwesterlichen Güte umspann und in deren Blicken geschrieben stand : » Ich weiß , was Sehnsucht heißt , mein Freund . « Zu ihrem von Tage zu Tage wachsenden Verständnis seiner wissenschaftlichen Interessen gesellte sich nun noch ein herzliches Mitleid , wie seinerseits der gewohnten hohen Verehrung sich eine dankbare Rührung verband , um ihre gegenseitige Freundschaft zu einer vollständigen zu machen . Oftmals aber schmerzte es ihn , daß von all dieser Güte er allein der Empfangende war , und um die arme Rose , die ihre Brautkrone doch so tapfer der Wahrhaftigkeit geopfert hatte - die Billigkeit dieser Einsicht hatte die Kränkung dem Verschmähten , Gott sei Dank , nicht geraubt - , um sie kümmerte sich keiner als er allein . Freilich sah Rose nicht danach aus , als ob ihr eine Zukunft verschüttet worden wäre . Ein neuer , seltsamer Geist schien in ihr aufgewacht . Oder wäre es der ihres Einst gewesen , der mit dem » reifenden Todesgesichte « um ein heimlich Werdendes rang ? Wallende Unruhe wechselte mit grübelndem Versinken ; manchmal war es , als fühle sie sich selbst ängstlich den Puls , manchmal , als dränge es sie , sich einem Menschen an die Brust zu werfen . Die ernste Lydia nannte ihren Zustand Gewissensbangen , die kluge Sidi dagegen einfach Langeweile ob Fugen und Weltbetrachtung . » Das Rosenkind weiß , was es will , wenn es am wenigsten es zu wissen scheint , « war heute wiederum ihr Satz . Ob die kluge Sidi sich aber heute nicht wiederum täuschte ? Ob das Rosenkind wirklich wußte , nach was es verlangte ? Und was verlangte es denn ? Sich freuen , gefallen , geliebt werden wie einst ? Oder was mehr ? War die » querköpfige Laune « verflogen ? das Blut des Bruders in ihren Adern versickert ? Bereute sie den heimlichen Bruch ? Hatte die » beste Liebe « der natürlichen Liebe wieder Raum gegeben ? Dezimus , wenn er ihren lächelnden Blicken begegnete , wenn sie ihm herzlich die Hand reichte , die er freiwillig nicht mehr zu berühren wagte , der arme , törichte Dezimus hoffte wieder nach armer , törichter Liebhaber Art. In diese lauernde Stimmung drang nun aber , sonderbar belebend , ein Hauch von dem prickelnden Atem der Zeit , und wie Sidonie es gewesen war , welche die Weltbetrachtung gegen die Todesbetrachtung auf die Tagesordnung gebracht hatte , so war sie es jetzt wieder , welche für die Streitfragen der Herzen in denen der Politik einen Ableiter fand . So zurückgezogen sie gegenwärtig lebte , sie hatte bis vor kurzem in einem regen Verkehr gestanden , stand noch mehrfältig und zumal mit ihrem Stiefvater Zacharias in einem Briefwechsel , der sich nicht mit Intimitäten befaßte ; sie hielt die bedeutendsten Zeitblätter und Publikationen auch des Auslandes , und was der Hauptfaktor war , bei starker Erhaltsamkeit der Gesinnung besaß sie einen scharfen Sinn für das Schürende und Treibende im Einzelleben wie im allgemeinen . Allerorten witterte sie Gärung und glimmende Glut , zumeist aber dort , wo das Herz schlug , in dem das ihre pulste . Für den Augenblick zwar wußte sie Max fern . Der Brief , in welchem sie ihn zu dem Herrenleben in Bielitz einlud , hatte sich mit einem gekreuzt , in welchem er ihr einen Winteraufenthalt in Andalusien meldete . Lange freilich würde es ihn , dem holdesten Himmel zum Trotz , unter maurischen Schönheitsresten nicht dulden ; seine Zone war die der Aktualität . Die Schwester war indessen schon froh genug , ihn fern zu wissen in einer Gegenwart , wo sie nun einmal , mochte es ein Nebelbild sein , bedrohliche Dämpfe dem Krater entsteigen sah . Die Stoffe , die sie am Tage gesammelt hatte , die trug sie am Abend nun hinauf in die stille Pfarre , und der sie am gierigsten verschlang , der sie einsog wie einen belebenden Wein , das war der friedliche , sterbensmatte Greis . Er konnte den Moment kaum erwarten , in welchem seine kundige , junge Freundin das Zimmer betrat ; er lauschte , fragte , las in kräftigeren Stunden mit der regsten Neubegier