- in meiner Nähe - und ich wußt ' es nicht ! « wiederholte Ulrike . » Erzählt mir mehr davon , wie Alles kam und was er that ! « bat sie mit eindringlich flehender Stimme und Geberde . Und Charitas gehorchte gern dieser Bitte . Sie gab eine beredte Schilderung jenes Ereignisses von dem Einsturz des Thurmgerüstes , von Hieronymus ' hülfloser Lage und Ulrich ' s Rettungswerk ; sie schilderte ihn und seinen Heroismus im glänzenden Licht und das feierliche Te Deum , das man nach ihrer Rettung gehalten . Sie hatte auch des Propstes Kreß mit dabei erwähnt als Ulrich ' s Gönner . Ulrike verlor kein Wort von dem Allen . Mit athemloser Angst folgte sie der Schilderung von Ulrich ' s Gefahr - an diesem Zug erkannte sie den Sohn , der schon als Knabe bereit gewesen mit Gefahr seines Lebens Andern beizustehen . Welche Empfindungen für eine Mutter , zu wissen , daß ihr einziger Sohn schon seit Jahren so in ihrer unmittelbaren Nähe lebte , ohne daß sie eine Ahnung davon gehabt - daß er in derselben Stunde , in der sie vielleicht ruhig betete hätte sterben können ! Und jetzt - wie war ihr denn bei dem Gedanken , daß vielleicht nur diese Klostermauer Mutter und Sohn von einander trennte . Nur ! - ach , das war ja genug , das war ja eine Trennung für das ganze Leben ! - Sie hatte ihren Sohn verlassen , um dem wiedergefundenen Mann ihrer Liebe zu folgen - und da sie erkannte , daß sie damit ein Verbrechen begangen , das sie der Verzweiflung nahe brachte , da suchte sie für immer vor dem theuren Verführer , vor sich selbst und vor einem ganzen Leben voll Schmach und Hohn im ersten Augenblick nur bei dem Bruder , aber dann in diesem Kloster Schutz . Sie hatte den Tod gewünscht und darum gefleht in tausend heißen Gebeten ; aber da er nicht von selbst kam und sie noch leben mußte , so wollte sie doch todt sein für alles Leben außer diesen geweihten Mauern , und in ihnen nur still büßen in Entsagung und Gebet , und warten , bis der Tod endlich komme sie zu erlösen . Daß auch ihr einziger Sohn in einem Kloster eine Freistatt gefunden , daß er dort eine bessere Erziehung fand , als wenn er bei ihr und dem rohen Manne geblieben wäre , den er für seinen Vater hielt , das gereichte ihr zum Trost für sein und ihr Geschick . Wohl betete sie für ihn , als sie erfuhr , daß er ein Baubruder geworden ; denn sie wußte wohl , wie viel schwerer es war , mitten im Leben allen Lockungen und Versuchungen desselben zu widerstehen , wie es so gleicher Weise seine Pflicht war , als wie außerhvlb desselben in den bergenden Klostermauern ; aber sie freute sich auch , daß ihn ein höheres Streben beseelte und er thätig mithalf an den unsterblichen Bauwerken , welche zur Ehre des Höchsten von geweihten Händen aufgeführt wurden . Ulrike hatte ihren Bruder des Jahres ein- oder zwei Mal gesehen und er ihr wohl erzählt , daß er Nachrichten von ihrem Sohn habe , wie er zum freien Steinmetzgesellen sei gesprochen worden und wie er sich auszeichne durch Geschicklichkeit seiner Hände und Erhabenheit seiner Darstellungen ; aber nie war davon ein Wort über seine Lippen gekommen , daß er ihn wiedergesehen , daß er hier sei in Nürnberg und nun ihr so nahe . Um jeden Preis mußte sie nun mehr von ihm erfahren . Zwar , sie konnte es begreifen , aus welcher Absicht ihr Bruder das Alles verheimlicht . Er hatte es wohl denken können , daß eine Mutter mehr bei dem Gedanken leiden mußte , ihren Sohn nicht wiedersehen zu dürfen , wenn sie wußte , daß er nur wenige Schritte von ihr entfernt weilte , als wenn sie sich durch eine Entfernung vieler Tagreisen von ihm getrennt sah , und daß aus guter Absicht geschehen , was sie doch wie einen Betrug an ihrem Mutterherzen empfand . Eben erst hatte sie es gegen die Novize ausgesprochen , wie schwer es sei , sich in ein Kloster einzuschließen , wenn das Leben draußen auch nur noch ein geliebtes Wesen habe - und nun traf sie dieser Ausspruch wieder selbst mit seiner schmerzlichsten Gewalt , und das rein menschliche Gefühl , das jetzt in ihr zum Ausbruch kam , erfüllte sie doch mit dem Bewußtsein einer Sünde gegen ihr Gelübde : alle Bande zu zerreißen , die an die Welt sie knüpften , und allein dem Himmel und dem Dienst der Heiligen sich zuzuwenden . Indeß sie jetzt neben Charitas in die schmerzlichsten Gedanken versank und jetzt nicht mehr durch ihre Worte , sondern durch das krampfhafte Zucken ihrer Gesichtszüge , das Zittern ihrer ganzen Gastalt und die Thränen , die in ihren Augen glänzten , bestätigte , wie schwer auch im Kloster Seelenfrieden zu erringen , und noch schwerer zu bewahren sei , schreckte sie das Läuten des Glöckchens auf , das alle Klosterbewohnerinnen zum Abendgebet in die Kirche rief . Mit klopfendem Herzen und nassen Augen gehorchten Beide diesem Ruf , und damit war eine Unterredung ganz abgebrochen , die für die Eine wie die Andere eine so unerwartete Wendung genommen . Am folgenden Tage sah sich Charitas vergeblich in der Kirche , im Garten und im Speisesaal nach der Schwester Ulrike um - sie fehlte überall , und am Abend erfuhr Charitas auf ihr Befragen , daß sich die Nonne gestern im Garten erkältet habe und krank geworden , mithin in ihrer Zelle bleiben müsse . Als sie auch am nächsten Tage nicht erschien , erbat sich die Novize bei der Priorin die Erlaubniß , der kranken Nonne als Pflegerin dienen zu können ; die Bitte ward ihr bereitwillig gewährt . Ulrike lag im Fieber , als Charitas zu ihr kam . Sie neigte sich über das Lager der Kranken ,