Stadtpfarrei ... es war ihr , als müßte sie doch vielleicht irgendwo Benno sehen ... Den hätte sie nicht lieben können , den schroffen Humoristen ... er gab sich absichtlich so unpoetisch , - er kehrte so oft die Seiten nur seines Verstandes heraus - er schien ihr zu sicher , klar und zu bewußt in sich selbst - Thiebold de Jonge erinnerte sie fast an Oskar Binder - aber beide Männer waren zuvorkommend , man konnte mit ihnen scherzen , ausgelassen sein - jetzt hätte sie sich an Benno ' s Erstaunen weiden mögen , wenn er sie Abends fast gegen halb zehn Uhr im Mondenschein so durch die Straßen wandern sah in der allgemeinen Aufregung ... sie würde seinen Arm aufgegriffen und ihn fortgezogen haben ... Entdeckte man ihren Ausgang in der Dechanei , so sann sie , was sie vorschützen würde , die dringenden Briefe an den Stadtpfarrer , die sie vergessen gehabt hätte am Tage abzugeben . Und wenn dieser wirklich noch zu sprechen war - sie hatte sich schon bis zum Marktplatz durchgefragt - wenn sie von ihm allzu lange aufgehalten werden sollte , konnte sie nicht das Interesse für die Erzählung des Dechanten von der sterbenden Frau Ley und den wirklichen Drang , den sie hatte , Treudchen beizustehen , zu ihrer Entschuldigung benutzen ? Lucinde gehörte zu den Naturen , die bei großen Schwierigkeiten sich durch das Wort zu helfen wissen : Ans Leben wird mir ' s doch nicht gehen ! Das hatte sie schon in Langen-Nauenheim so gehalten , wenn andere Theilnehmer einer gemeinschaftlichen Schuld sich der Strafe entgegenängstigten . Für die Dechanei freilich lag ihr alles daran , an der Lage , in der sie sich bisjetzt dort befand , nichts zu ihren Ungunsten zu ändern . Sie ahnte ihre Gefahren nicht ... Endlich war sie an der Stadtpfarrei . Im ersten Stock war noch Licht . Eine Klingel hing am Hause ... Sie zog daran und unerschrocken . Viel schneller , als sie in geistlichen Häusern gewohnt war , ging die Thür auf . Lucinde war schon auf der Treppe und von einer Magd empfangen und forschend angeleuchtet . Das späte Klingeln brachte Hunnius mit einer Aufregung in Verbindung , in der er sich seit einigen Stunden mehr noch als in der Conferenz befand . Man hatte in der That die letzte , eben zum Druck bestimmte Nummer seines Kirchenboten auf der Polizei von Anfang bis zu Ende gestrichen . Der Fall war schon oft vorgekommen ; immer aber regte er ihn so auf , daß er die halbe Nacht darüber verlor . In jeder Minute , da er Aenderungen vorschlug , dann neue Botschaft erwartend , konnte das Ziehen der Klingel ihn veranlassen , sogleich selbst auf die Treppe zu eilen , die Brille auf die vor Aufregung geröthete breite Stirn zu ziehen , im Schlafrock , in Pantoffeln , mit der brennenden Pfeife in der Linken , mit der Studirlampe in der markigen Rechten ... und forschend , fragend , eher einem aufgeregten , nach Ordnung sehenden Wirthe ähnlich , als einem Gelehrten , jedem entgegenzurennen . So auch heute . Er kam , wie nur ein Mann seines Temperamentes , dann aber auch freilich ein Schriftsteller kommen konnte , der sich in jener traurigen Zeit jede geschriebene Zeile vom Censor begutachten lassen mußte ... Hunnius , ungestüm und überreizt , fand eine Dame ... eine elegante noch dazu ... Rasch bedeckte er mit den Flügeln des Schlafrocks sein Négligé , zog die Pfeife aus dem Munde , überließ Lucinden der Dienerin und entfernte sich mit einigen Worten der Entschuldigung . Lucinde wurde in ein Empfangszimmer geführt . Die Magd stellte ihr die Lampe hin und entfernte sich . Nach einer Weile öffnete wieder der Stadtpfarrer und bat Lucinden näher zu treten in sein eigenes Zimmer . Er hatte inzwischen schnell seinen schwarzen Rock und seine Stiefel angezogen und bot seinem Besuche einen Platz auf dem Kanapee , während er selbst mit großer Beweglichkeit in gespannter Verlegenheit einen Stuhl ergriff ... Das Zimmer bot die oft etwas gesuchte Einfachheit geistlicher Wohnungen . Auf dem Tische vor dem harten Kanapee lag eine fast wie in absichtlichem Ungeschmack gewählte baumwollene Decke ; in der Mitte stand ein Crucifix von wurmstichigem alten Holze . Schildereien , Bücherschränke , Sessel , alles war von der größten Einfachheit . Im Volke setzt man solche Entbehrungen beim geistlichen Stande voraus , beurtheilt ihn und dieser selbst richtet sich danach . Hochwürdiger Herr Pfarrer ! begann Lucinde . Ich bin eine Nichte der Frau von Gülpen in der Dechanei und heute erst angekommen ! Ich nahe mich Ihnen , verlangend , die erste Nacht , die ich in einem neuen Wirkungskreise zubringe , mit einem Gebete unter geistlichem Beistand anzutreten . Beim Herrn Dechanten fürcht ' ich eine Misdeutung dieser Absicht durch meine gütige Tante und wage mich deshalb zu Ihnen . Auch hab ' ich Briefe und einen dringenden vom Herrn Curatus Joseph Niggl an Sie abzugeben ! Ein Wunder die erste Anrede - und leider so schnell natürlich erklärt ! Eine Nichte aus der Dechanei , die mit dem Stadtpfarrer beten wollte ? Eine religiöse Schwärmerin ? Jetzt nur eine einfach an ihn Empfohlene - die zwei Briefe abgibt , auf deren einem » pressant « zu lesen ist ! Der letztere kam allerdings von einem seiner vertrautesten Freunde und Hunnius fand sich zurecht . Doch las er den Brief nicht sogleich , sondern fragte Lucinden nach ihrer Reise , ihrem frühern Aufenthalt . Was eine Nichte in der Dechanei bedeutete , wußte Hunnius , doch behandelte er das Verhältniß mit Schonung , ja er war sogar höchst überrascht , als Lucinde wirklich den Kopf mit dem nicht abgenommenen Hute auf die gefalteten Hände beugte und nicht eher aufblickte , bis er nicht ein Confiteor , das er in Versen übersetzt sogleich zur Hand hatte , laut vorgesprochen und sie gesegnet hatte . Ohnehin erregt und nun vollends von einer so ihm