Last der Staatsverwaltung zu tragen , er kündigte seinen Entschluß an , sich dieser Bürde zu entziehen , und das Ruder des Staates jüngeren , stärkeren Händen anzuvertrauen . Er hielt von Neuem inne - es regte sich Niemand . Da rief er den Cäsar Galerius zu sich , stellte ihn dem Volke als den künftigen Augustus vor , zog den Purpur aus , mit dem er sogleich seinen Nachfolger bekleidete , und verließ die Tribüne . Nun erhob sich ein lautes Beifallrufen , von dem man nicht recht wußte , ob es der Abdankung des alten , oder der Wahl des neuen Augustus gelte . Galerius nahm auf der Stelle den Platz seines Vorfahrers ein , dieser stieg mit seiner Tochter in den Wagen , und fuhr schnell in die Stadt zurück , wo bereits Alles zu seiner schleunigen Abreise nach Salona bereitet ist . So endigte die große Komödie , und ich muß dir bekennen , daß sie meine Achtung für das Menschengeschlecht nicht vermehrt hat . Ueberhaupt habe ich , seit der Zufall mich zur Gattin eines Königs machte , in dieser Rücksicht widerliche Erfahrungen gemacht , und meine kalte , nüchterne Ansicht der Welt ist noch viel kälter geworden . Wie armselig sind die meisten Menschen ! An was für elenden Faden werden sie gezogen ! Wäre ich vielleicht nicht glücklicher gewesen , wenn ich das nie erkannt hätte ? Es gibt doch menschliche Verhältnisse , wo die Verächtlichkeit des Geschlechts sich nicht so unverhüllt zeigt , wie an Höfen , wo vielleicht bei wenigeren Anlockungen auch weniger Böses geschieht , und unversucht sich stille Tugenden entwickeln . Ein solches Loos hätte einst mein werden können , wenn nicht ein neidisches Schicksal mich tückisch verfolgt hätte . Ich bin nicht unglücklich , aber ich kann der Erinnerung nicht verbieten , zuweilen ihren welken Blumenkranz neben meine schimmernde Thiare zu legen , und verborgner Schmerz im Innersten meiner Seele löst sich dann in einen Seufzer auf . 103 . Agathokles an Phocion . Nikomedien , im Mai 305 . Nun ist der wichtige Schritt geschehen . Gestern Morgens hat Diocletian auf eine sehr feierliche Art der Regierung entsagt , und den Purpur an Galerius übergeben , und diese Nacht ist Constantin von hier fort . Eher war es nicht möglich , ohne auffallend Verdacht zu erregen , und morgen möchte es vielleicht nicht mehr möglich seyn , weil Galerius bereits Schritte gethan hat , um sich seiner Person zu versichern . Um die Rechtmäßigkeit selbst , um den Vorwand zu dieser empörenden Greuelthat kümmert sich ein Augustus , wie der , nicht , und die Geschichte liefert genug Beispiele solcher Thaten , wenn Beispiele ein Verbrechen entschuldigen können . Die Anstalten zu Constantins Entweichung sind zweckmäßig getroffen , und ich erwarte mit Ungeduld einen Boten aus Chalcedon , der mir die Nachricht bringen soll , daß er das Schiff bestiegen hat . Von Byzanz aus ist sodann Alles geheim bereitet . Nichts wird seine Reise aufhalten , er kann ungehindert bis nach Lutetien1 , oder nach Eboracum gelangen , wo immer er seinen Vater zu treffen hofft , und dieser wird als Augustus den Sohn zum Cäsar ernennen . So ist dann die nothwendige erste Stufe erstiegen , und das Künftige wird Klugheit und Glück sichern . Am andern Tage . Der Bote von Chalcedon ist noch nicht zurück . Dreißig tödtlich lange Stunden sind vorüber , er könnte längst da seyn . Meine Brust ist voll banger Unruhe , und trübe Ahnungen sinken , wie Mitternächte , über meinen Geist herab . Was ist geschehen ? Was haben wir zu fürchten ? Ich sende den Brief nicht ab , bis ich dir etwas Bestimmtes sagen kann . Gott gebe , daß es nichts Schlimmes ist . Fußnoten 1 Lutetiä , das heutige Paris . 104 . Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus . Nikomedien , im Mai 305 . Der Vogel geht in die Schlinge . Nun ist es an dir , sie geschickt zuzuziehen . Der Bote , der dir diesen Brief bringt , ist um einige Stunden vor Constantin voraus . Er bildet sich ein , den Augustus überlistet zu haben , und wir lassen ihm die Freude , sich eine Weile an dem stolzen Gedanken zu ergötzen . Einige Drohungen , und ein ziemlich merklicher Versuch des Galerius , ihn mit Gewalt hier zu behalten , haben seinen Entschluß bestimmt . Du ergreifst ihn , und schickest ihn unter starker Bedeckung , und unter dem strengsten Geheimniß zurück ; denn das Volk liebt ihn , und die Armee hängt an ihm . Leb ' wohl . 105 . Theophania an Phocion . Nikomedien , im Mai 305 . Einschluß in dem hundert und dritten Briefe . Alles ist verloren , Phocion ! Was wird aus uns , was wird aus meinem Gemahl , meinen Kindern werden ? Constantin ist in Chalcedon ergriffen , und vor einer Stunde gefesselt , und stark bewacht in den kaiserlichen Palast zurück gebracht worden . Ein vertrauter Sclave brachte Agathokles diese Nachricht . Ich sah ihn erbleichen , zittern , ohne Laut , ohne Antwort auf alle meine Fragen riß er sich von mir los , und ging auf sein Zimmer . In einer halben Stunde ungefähr kam er verstört und todtenbleich zurück , drückte mich und sein Kind heftig , fast schreiend an seine Brust , und trug mir auf , den Brief zu schliessen , und dir zu melden , was vorgefallen ist . Kein Bitten , kein Fragen hielt ihn auf . O mein Gott , was soll das bedeuten ! Ich thue , was er mir befahl ; aber meine Hand zittert , indem ich den Brief schließe . 106 . Calpurnia an ihren Bruder Lucius . Nikomedien , im Mai 305 . Welche unerhörte Sachen geschehen hier ! Es ist , als ob man sich den Mauern dieser unseligen Stadt nur nähern dürfte , um sogleich in den Strudel der Verwirrung , der Angst