Blatt bekommen soll - kann sich leicht denken , über wen das Wochenbuch geführet werde ; nicht über mich . Ein Tagebuch über sich macht jeder Dinten-Mann schon an und für sich , wenn er seine opera omnia schreibt ; bei einem Schauspieler sinds die Komödienzettel ; bei einem Zeitungsschreiber die Jahrgänge voll Welthändel ; bei einem Kaufmann das Korrespondenzbuch ; bei einem Historienmaler seine historischen Stücke ; Angelus de Constantio , der an seiner storia del regno di Napoli 53 Jahre verschrieb , konnte bei jeder Reichsbegebenheit sich die seinigen , obwohl nur auf 53 Jahre , denken ; und so schreibt jeder Verfasser einer Weltgeschichte damit seine eigne mit unsichtbarer Dinte dazwischen , weil er an die Eroberungen , innern Unruhen und Wanderungen der Völker seine eignen herrlich knüpfen kann . Wer aber nichts hat und tut , woran er seine Empfindungen bindet , als wieder Empfindungen : der nehme Lang- und Querfolio-Papier und bringe sie dazu , nämlich zu Papier . Nur wird er Danaiden- und Teufelsarbeit haben : während er schreibt , fällt wieder etwas in ihm vor , es sei eine Empfindung oder eine Reflexion über das Geschriebene - dies will wieder niedergeschrieben sein - kurz der beste Läufer holet nicht seinen Schatten ein . Und welch ein lumpiges knechtisches katoptrisches Nach-Leben , dieses grabes-luftige Zurückatmen aus lauer Vergangenheit statt eines frischen Zugs aus frischer Luft ! Das flüchtige Getümmel wird ein Wachsfigurenkabinett , der blühende flatternde Lebensgarten ein festes pomologisches Kabinett . Ists nicht tausendmal klüger , der Mensch ist von Gegenwart zu Gegenwart wie Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit , und der fröhliche Trieb tut seinen Windstoß in die Blumen und Wellen hinein , wirft Blumenstäubchen und Schiffe an ihren Ort und gähnt und stöhnt nicht wieder erbärmlich zurück ? Hingegen ein Tage- und Wochenbuch über andere ! - Ich gesteh ' es meinem geneigten Leser , dem guten Vult , dies ist etwas anderes ; aber ich muß freilich sehen und - anfangen . Doch so viel lässet sich auch , ohne anzufangen , annehmen , daß mein Hausherrlein und Brüderlein Walt vielleicht zu einem historischen Roman ( den Titel Tölpeljahre eines Dichters verschwör ' ich nicht ) zu verbrauchen ist , nämlich als Held , besonders da er eben in Liebes-Blüte und vollends gegen eine Häßlichkeit47steht ; wenn mich nicht der ganze neuliche Wechsel-Prozeß und sein heißes Verteidigen und Beschauen ihres Gesichts und Herzens zu sehr betrügt . Nur ist durchaus erforderlich , daß ich als der Beschreiber des Lebens ihn geschickt , wie eine herkulanische Bücherrolle , auseinanderwinde und dann kopiere . Ich seh ' auch nicht ein , warum ich nicht überhaupt so gut einen göttlichen Roman schreiben sollte wie Billionen andere Leute . Mir selber ist Schriftstellerei so gleichgültig , Vult ! Wie ich lebe , nicht um zu leben , sondern weil ich lebe , so schreib ' ich bloß , Freund , weil ich schreibe . Worin soll denn das Ebenbild Gottes sonst bestehen , als daß man , so gut man kann , ein kleines Aseitätchen48 ist und - da schon Welten mehr als genug da sind - wenigstens sich Schöpfer täglich erschafft und genießt , wie ein Meßpriester den Hostiengott ? - Was ist überhaupt Ruhm hienieden in Deutschland ? Sobald ich mir nicht einen Namen machen kann , daß ich vom Niedrigsten bis zum Höchsten täglich genannt , gelobt und vor Begierde verschlungen werde - diesen Namen aber hat in Deutschland weiter niemand als Broihann , nämlich der erste Brauer des Broihanns - , so erhebe mich doch nie ein Journal , fleh ' ich . Ebensogern als einer Vergrößerung durch dasselbe will ich einem Erzengel zu Gebote stehen , welcher mit einem mittelmäßigen Sonnen- und Weltenmikroskop auf dem Marktplatz der Stadt Gottes etwas verdienen will und daher , um andern neugierigen Markt-Engeln die Wunder Gottes und des Mikroskops zu zeigen , mich als die nächste Laus einfängt und auf den Schieber setzt mit vergrößerten Gliedmaßen zum allgemeinen Bewundern und Ekeln . Dies beiseite , so merk ' ich noch für dich besonders an , liebes Wältlein , falls du der zweite Leser dieses Wochenbuchs würdest , wie dein Vult der erste ist - in welchem Falle du aber ein ausgemachter ausgebälgter Spitzbube wärest , der sein gestriges Wort bräche , nie in meine Papiere zu blicken - , ja ich setz es absichtlich zur Strafe der Lesung für dich her , was ich jetzt behaupten werde , daß ich nämlich dich echter zu lieben fürchte , als du mich liebst . Wäre dies gewiß : so ging ' es schlimm . Sehr zu besorgen ist , mein ' ich , daß du - ob du gleich sonst wahrlich so unschuldig bist wie ein Vieh - nur poetisch lieben kannst , und nicht irgendeinen Hans oder Kunz , sondern bei der größten Kälte gegen die besten Hänse und Künze , z.B. gegen Klothar , in ihnen nur schlecht abgeschmierte Heiligenbilder deiner innern Lebens- und Seelenbilder kniend verehrst . Ich will aber erst sehen . Du wirst dich nicht erinnern , Wältchen , daß ich dir gestern oder heute morgen weisgemacht , daß ich nicht aus andern Gründen , sondern deinetwegen allein in deine Schweiß- , Dachs- und Windhunds-Hütte eingezogen bin . Folglich log ich nichts vor . Nur keine Lüge sage der Mensch , dieser Spitzbube von Haus aus ! Fast alles ist gegen einen Geist eher erlaubt , weil er gegen alles sich wehren kann , nur keine Lüge , welche ihn , wie ein altrömischer Henker die unmannbare Jungfrau , in der Form der innigsten Vereinigung schänden und hinrichten will . Schauest du also so sehr spitzbübisch und ehrvergessen in dieses Journal : so erfährst du hier nach dem vorigen Doppelpunkt , daß ich ein Narr bin und eine Närrin will , mit einem Wort , daß ich eben ein Fenster von dir - wie zu einer Hinrichtung Damiens ' um vieles Geld - gemietet , bloß um aus dem Fenster