hatten einen erstarrenden Hauch um sie verbreitet . Jene beiden Momente ihres Erscheinens im Schillingshofe waren nicht mehr in Einklang zu bringen mit dem jungen Weib voll unbeschreiblichen Liebreizes , das eben , schlank wie ein Reh , die südlich blaßgelbe Haut vom nordischen Hauch zu unvergleichlicher Blüte und Frische gewandelt , durch das Wäldchen ging und den Blick ängstlich prüfend in sichtlicher Beklommenheit über die Ostseite des Säulenhauses hinschweifen ließ ... Ob auch alles seinen Wünschen entsprach ? – Er war so unlenkbar fest in seiner Ansicht , die ein » Familienheim « – wie er so oft in seinen Briefen betont – nur durch traute , gemütliche Einfachheit beglückend finden wollte . Und er hatte ja unbedingt recht , vollkommen recht , wie – in allem . Nun , dort hinter den Fenstern des Oberbaues waren ja alle kostbaren Tüll- und Spitzenvorhänge verschwunden . Sie waren , in Kisten verpackt , nach Koblenz gewandert , um mit allem was » steinbrückisch « versteigert zu werden . – Keinen Leinenfaden , keinen Nagel in der Wand , von dem sie nicht mit gutem Gewissen sagen konnte , daß es Schillingscher Besitz sei , hatte Mamsell Birkner im Hause geduldet – sie hatte auf jede verirrte Flaumfeder , auf jedes wertlose Medizinfläschchen in den Zimmern der Gnädigen Jagd gemacht und alles pünktlich notiert und mit verpackt . Baron Schilling hatte die selbstentworfenen Zeichnungen zu den neuen Möbeln seines Heims und die Mittel zu ihrer Beschaffung an » seine gute alte Birkner « eingeschickt , allein sie war halsstarrigerweise dabei verblieben , nicht ein Stück ohne Donna Mercedes ' Rat und Genehmigung anzukaufen . Und so hingen nun dort in den mächtigen Bogenfenstern einfarbige , oder auch in buntem Teppichmuster leuchtende Wollvorhänge , die in Ringen liefen . Es ließ sich nicht leugnen , jetzt erst verschärfte sich der Charakter des Bauwerkes , der eines venezianischen Prachthauses – man meinte , dort unter dem wogenden Faltenwurf eines halbzurückgeschlagenen Vorhangs müsse der Kopf einer schönen Dogen- oder Patriziertochter auftauchen . Es webte heute eine so lautlose Stille um das Säulenhaus . Weder Mamsell Birkner noch Hannchen ließen sich sehen , und sonst kamen sie doch stets voll Freude gelaufen , um Donna Mercedes zu begrüßen . Sie waren jedenfalls in Küche und Keller emsig beschäftigt , um auch da die letzte Hand zum Empfang des heimkehrenden Gebieters anzulegen . Die junge Dame kehrte deshalb wieder über die Wiesen zurück und fing an , im langsamen Weiterwandeln da und dort eine langstielige , morgenfrische Feldblume zu pflücken . Kamillen , Butterblumen , weiße Glöckchen auf schwankem Stengel , hier ein wildes Röschen an der Hecke , dort eine Gruppe der Vergißmeinnichte , die am Bachufer üppig wucherten , und darüber ein feiner , wallender Schleier bräunlich grüner Zittergräser – so entstand in den schmalen Frauenhänden ein köstlicher , malerisch geordneter Strauß einfacher Wiesenblumen . Wer es der » Plantagenfürstin « einst gesagt hätte , daß sie den stolzen Leib unzähligemal nach einer armseligen deutschen Feldblume bücken würde ! Nicht einmal den Blick hatte sie damals gesenkt nach den demütigen Kindern der Natur , an denen ihre Sohle knickend hingestreift ... Und war es nicht die verhaßte deutsche Luft , die sie , manchmal stehen bleibend , mit so durstig tiefen Zügen einsog , als sei dieser würzige , kräftige Odem voll Fichtenduft von Anfang an das Element gewesen , in dem sie einzig und allein zu leben vermöge ? – Der Strauß war so umfangreich geworden , daß ihn die Hand kaum zu umfassen vermochte – er war fertig , um in die Vase gestellt zu werden . Donna Mercedes schritt nach dem Glashause , aber es war verschlossen . Sie stieg deshalb , wie sie so oft tat , die Treppe nach dem Oberbau hinauf . In dem kleinen Salon , den Baron Schilling einst um ihretwillen bewohnt hatte , hielt sie sich oft stundenlang auf ; fast alle an ihn gerichteten Briefe hatte sie auf dem einfachen Eichenholzschreibtisch am Fenster geschrieben . Mamsell Birkner und Hannchen wußten das und sorgten stets dafür , daß irgend eine Erfrischung für den Besuch bereit stand ... Auch jetzt blinkte eine schöne Kristallschale voll frischer Erdbeeren auf einem weißgedeckten Seitentischchen . Donna Mercedes warf ihren Hut auf einen Stuhl und zog das Reitkleid schürzend durch eine Gürtelkette . Das Hütchen hatte ihr die Haarwellen lose und lockig in die Stirn geschoben , und beim Herausziehen der Nadeln , die es festgehalten , war eine Flechte locker geworden und seitwärts bis tief über die Hüfte hinabgeglitten . Sie bemerkte es nicht . In der einen Hand den kleinen Silberteller mit der beerengefüllten Kristallschale , in der anderen den Feldblumenstrauß , stieg sie die Wendeltreppe in der Atelierecke hinab . In diesem Moment wäre für jedes fremde Auge das zweite Gesicht wahr geworden , das ihr einst wie im Fluge ein fürsorglich herabsteigendes schönes , junges Eheweib mit der erfrischenden Labung in den Händen gezeigt hatte . Sie selbst dachte jetzt nicht daran . Ihre Augen flogen forschend und streng prüfend durch den Raum , ob auch alles unverrückt an seinem Platze stehe , ob kein Stäubchen auf all dem blinkenden und blitzenden Glas- und Metallgerät liege , und Licht und Schatten durch die Anordnung der Vorhänge so verteilt sei , wie Hannchen gesagt , daß er es liebe . Er hatte seiner Korrespondentin die Stätte seines Schaffens wiederholt an das Herz gelegt , und sie behütete den Raum wie ein Heiligtum . Jede Spur des Attentates , das einst die rachsüchtige weibliche Hand hier verübt , war längst verwischt . Im Glashause rauschte leise die eine große Fontäne und hauchte erfrischende Kühle in das Atelier ; die Palmen hatten sich herrlich entwickelt und drohten mit ihren Kronen das Glasdach zu sprengen , und zwischen den samtschimmernden Blättern der Gloxinien leuchtete schon manch frühverblühter Kelch . Donna Mercedes rückte ein Rokokotischchen mit ausgelegter Platte neben die Staffelei und stellte die Kristallschale darauf . Dann nahm sie ein