, wie müssen wir antworten ? “ „ Herr , hier bin ich ! “ sagte die Frau und in dem Tone , mit dem sie die Worte sprach , lag eine wunderbare Ergebung und Opferfreudigkeit . Sie umschlang den greisen Gatten und ihre Tränen flössen milder , als sie fortfuhr : „ Ich will Dich führen und stützen und nimmer müde werden ! “ „ Ich danke Dir , Du treues Herz — und nun tu ’ mir ’ s auch zu Liebe und fasse Dich ! Denke nur , wie es wäre , wenn Du mich diesen Morgen tot im Bette gefunden hättest — wäre das nicht schlimmer ? “ „ Ja — ach , tausendmal schlimmer ! “ „ Nun siehst Du , so laß uns nicht mit Gott hadern , daß er mir von den fünf Sinnen , die er dem Menschen verleiht , um die Herrlichkeit seiner Welt zu genießen , einen nahm , — ließ er mir doch deren noch vier . Kann ich auch Dein liebes Gesicht nicht mehr sehen , so höre ich doch Deine milde , tröstende Stimme , fühle Dein treues Walten um mich her . Und kann ich auch die Sonne nicht mehr sehen , so wärmen mich doch ihre Strahlen , ich atme den Duft der Blumen , die sie erschließt , ich genieße die Früchte , die sie reift , ich höre den Gesang der Vögel , die sie jubelnd preisen — und ich werde sie mit ihnen preisen und meinen Schöpfer loben — ja , aus vollstem Herzen ! Denn viel , viel hat er mir gelassen ! Wir wollen nicht mit ihm rechten um das Maß seiner Großmut dem undankbaren Bettler gleich , der eine Gabe dadurch lohnt , daß er klagt , es sei nicht genug ! — Ich habe achtundsechzig Jahre die Sonne gesehen , wie könnte ich darüber murren , daß Gott mir noch vor meinem Eingang zum ewigen Lichte die Binde um die Augen legt , wie man es wohl dem Kinde tut , wenn man es zum hellen Weihnachtsbaum führt ! — Ich will die Binde geduldig tragen und meine Seele würdig auf den Anblick der Herrlichkeit vorbereiten , die meiner wartet ! So , meine liebe Frau , wollen wir es betrachten , dann werden wir nicht mehr traurig sein ! “ Der Greis schwieg — seine blinden Augen erglänzten von einem inneren Lichte — es war der Wiederschein jener himmlischen Strahlen , die er im Geiste voraussah . Seine Frau hatte ihm mit gefalteten Händen zugehört , auch ihre einfache Seele hob eine Ahnung seiner Größe über sich selbst empor und die friedliche Stille , die sie nun umgab , war zu heilig , um sie durch einen Laut irdischen Schmerzes zu stören . Tränenlos hing ihr Blick an den edlen Zügen des Mannes , der ihr das Höchste in der Welt war und sie harrte demütig eines weiteren Wortes von ihm . Endlich rang sich ein Wort über ihre Lippen , das einzige , das in diese Stimmung paßte . „ Und unser Sohn ? “ fragte sie leise . Ein schmerzliches Zucken glitt über sein Gesicht : „ Das ist das Bitterste — unser armer Sohn ! Gott möge ihm die Kraft geben , die er mir einst gab , als ich der akademischen Laufbahn entsagte und Schullehrer ward ! Ich habe ihm schon neulich den Ausspruch der Ärzte mitgeteilt , den ich Dir verschwieg , um Dir den Schmerz zu ersparen , so lange es ging . Er schrieb mir noch an demselben Tage einen Brief heraus , den ich Dir jetzt mitteilen werde , wo Dir nichts mehr zu verbergen ist . Du sollst ihn lesen und Dich freuen , einen solchen Sohn geboren zu haben ! “ „ Der gute Junge ! “ „ Er will seine Studien aufgeben und meine Stelle hier antreten , damit wir vor Mangel geschützt sind . “ „ Wird das aber die Obrigkeit erlauben ? “ „ Ja , es ist mir bereits gelungen , die Erlaubnis vom Ministerium zu erwirken . “ „ Du weiser , vorsichtiger Mann — “ rief die Frau gerührt . „ So vorsorglich hast Du alles bedacht und eingerichtet mit dem schweren Kummer auf dem Herzen und hast mir ’ s verschwiegen — und tröstest mich jetzt , anstatt daß ich Dich tröstete ! O Du lieber Gott , wie hab ’ ich schlichte Frau solch einen Mann verdient ? ! “ Sie drückte einen Kuß auf seine hagere Hand . Da erschallten die Tritte der Schulkinder auf der Hausflur . Herr Leonhardt erhob sich und schritt der Tür zu . „ Warte , ich will Dich führen ! “ rief Brigitte . „ O , laß nur — “ wehrte er lächelnd ab . „ Ich habe mich schon lange auf meine Erblindung vorbereitet und mich im Gehen und Hautieren mit geschlossenen Augen geübt , um , wenn der Fall einträte , nicht gar so hilfsbedürftig zu sein . Siehst Du — das kommt mir jetzt zu Statten — ich finde ganz gut meinen Weg . “ Er hatte die Türe erreicht und trat hinaus . „ Guten Tag , Ihr Kinder ! “ rief er den Kleinen entgegen und tastete sich , von Frau Leonhardt ängstlich gefolgt , an der Wand entlang zum Schulzimmer . Über die Schwelle stolperte er ein wenig „ Laß nur , laß nur “ — sagte er Brigitten , die ihn unterstützen wollte . „ Es will geübt sein , aber es wird bald besser gehen ! “ Er suchte und fand sein altes Pult , dort stellte er sich hin und wartete , bis die Kinder ihm gefolgt waren . „ Seid Ihr Alle da ? “ „ Ja ! “ erscholl es . „ Nun , so setzt Euch nicht erst , wir können heute keine Schule halten . Liebe Kinder , ich muß Abschied von Euch nehmen , ich darf Euch