Sonntag nach dem › Tunnel ‹ ( dessen Besuch wie Kirchendienst galt und selbstverständlich nicht versäumt werden durfte ) den Tee bei ihr zu nehmen « . Ich sagte natürlich in freudig gehobener Stimmung zu , war aber nach allem bis dahin in Erfahrung Gebrachtem , wonach das Fräulein etwas von einer Queen Elizabeth haben mußte , doch auch in hohem Grade beunruhigt , etwa wie wenn ich in einen geheimen Orden aufgenommen werden sollte . Schließlich waren Tag und Stunde heran und ich stieg mit Lepel , der den Introdukteur zu machen hatte , die drei Treppen zur Wohnung des Fräuleins hinauf , Behrenstraße 72. Es war ein stilles Haus , das einem Major von Häseler gehörte . Die altberlinische Klingel , deren verbogener Draht nicht recht durch die Öse wollte , wurde von Lepel stark , aber doch auch wieder diskret und wohlanständig gezogen und eine für den Abend engagierte Aufwärterin , die sich durch ein kleines vertrauliches Lächeln auszeichnete , öffnete . Nun legten wir ab und traten in ein einfenstriges Empfangszimmer , darin uns das Fräulein , eine Dame von damals nahe an fünfzig , in einem schwarzen Atlaskleid empfing . Mit einer Gewandtheit , die teils angeboren , teils innerhalb der verschiedensten Wilhelmstraßenzirkel ausgebildet war , wurden die Honneurs gemacht und mir natürlich gesagt : wie glücklich sie sei , mich nun auch bei sich empfangen zu können . Der Gräfin Schwerinsche Kreis , den ich , wie sie zu ihrer Freude vernommen , demnächst auch kennenlernen würde , sei , bei hundert Vorzügen , doch von ziemlich bunter Zusammensetzung , während sich der kleine Zirkel , der sich bei ihr versammle , lediglich dem Lyrischen und Dramatischen zuwende . So hoffe sie denn , es werde mir gefallen . Unter allen Umständen aber würde ich bald wahrzunehmen imstande sein , wie viele Verehrer meine Dichtungen in dem ihr bekannten Kreise bereits hätten . Ich verbeugte mich ; Lepel schmunzelte , was halb der gelungenen Rede , halb dem von ihm mit nur zu vielem Recht angezweifelten Tatbestande galt . Denn so befangen er war und so sehr er die literarischen Tugenden seiner und nun bald auch meiner Freundin überschätzte , so war er doch andererseits unbefangen genug , diese Gefühle nicht auf die Gesellschaft , die sich um das Fräulein versammelte , zu übertragen . Er wußte vielmehr umgekehrt , aus wie literaturabgewandten Persönlichkeiten sich dieser Kreis in seiner großen Mehrheit zusammensetzte . Noch zwei- , dreimal wurde die Klingel gezogen und ehe neuneinhalb Uhr heran war , waren alle Geladenen einander vorgestellt und die Tür zum Nebenzimmer ging auf . Jeder seine Dame führend , traten wir ein . Hier war es nun wirklich allerliebst . Das Zimmer niedrig , aber doch doppelt so groß als das Empfangszimmer , Lampen und Blumen auf dem Tisch , alles blinkend von Silber und weißestem Linnen . Wir waren alles in allem acht Personen : Major von Häseler und Frau , Herr von Hünecke und Frau , ein Fräulein Wißling ( das Teefräulein der Gräfin Schwerin ) , dann Fräulein von Rohr selbst , Lepel und ich . Alles steht mir noch in voller Deutlichkeit vor Augen und auch das Gespräch ist mir , wenn nicht in seinem Wortlaute , so doch in seinem Inhalte noch so gegenwärtig , als ob es gestern geführt worden wäre . Man war sehr heiter , alles wohlwollend und die Verpflegung vorzüglich , namentlich auch der Tee , was man damals nicht von allen Berliner Teeabenden sagen konnte . Wir hatten zu Kaviar- und Sardellenbrötchen einen kalten Braten , einen Reh- oder Hammelrücken , den Trieplatz oder irgendein befreundetes Gut in Havelland oder Ruppin geliefert hatte . Zum Schluß kam dann » Götterspeise « , die ihrem Namen Ehre machte ; sie bestand aus in Rum oder Kognak getränkten Biskuitscheiben , Himbeerkompott und Schlagsahne , welche dreifache Schicht sich dreimal wiederholte . Zum Schluß wurden Apfelsinen zurechtgemacht , aber während wir unter Andauer dieser harmlosen Beschäftigung bemüht waren , unser Gespräch , das sich meist um Theater und die mit den Häselers befreundete Familie Hülsen drehte , fortzusetzen , war es ganz ersichtlich , daß sich unserer liebenswürdigen Wirtin eine gewisse Unruhe bemächtigte , die von Minute zu Minute wuchs und sich namentlich auch in ihren auf die jedesmalige Frage nicht mehr recht passenden Antworten zu erkennen gab . Dabei sah sie immer eindringlicher nach der Stutzuhr ihr gegenüber , auf der ein goldener Saturn mit Urne lag , bis sie zuletzt die Konversation kurz abschnitt , indem sie kategorisch bemerkte : » Die Herren werden jetzt etwas lesen . « Nun schwieg alles , während sie selbst unter einer kleinen Verbeugung fortfuhr : » Herr von Lepel und Herr Theodor Fontane wollen nämlich die Güte haben , uns eine von ihnen herrührende › Terzine ‹ zu lesen . « Ich wollte , weil ich glaubte , daß sich das Fräulein versprochen habe , die Sache richtig stellen , Lepel aber warf mir einen grotesk ernsten Blick zu , der mich verstummen machte , während das Fräulein unbefangen hinzusetzte : » Diese Strophen bilden nämlich eine Art Rede und Gegenrede , wie zwei Advokaten , von denen jeder seine Sache verteidigt . Wie lautet doch das Thema ? « Lepel , der bereits sein Manuskript aus der Tasche gezogen hatte , sagte : » Das Thema lautet : › Reden ist Silber , Schweigen ist Gold ‹ und bildet eine Tenzone zwischen mir und meinem Freunde Fontane . « Er betonte das Wort » Tenzone « , Fräulein von Rohr aber merkte nichts , denn Terzine oder Tenzone war ihr dasselbe . Sie hatte viele herrliche Gaben und Lyrik war ihr Ideal . Aber die Nomenklatur italienischer Formen und nun gar diese Formen selbst waren ihr ein Geheimnis geblieben . Lepel und ich lasen nun unsere Tenzone . Dann trat die herkömmliche Verlegenheitspause ein . Der alte Häseler wribbelte an seinem Husarenschnurrbart , während seine Frau , älter als er