und verschwand dann so eilig , daß Philippine neuerdings in schrilles Gelächter ausbrach . » Kumm her , Agneslein , « sagte sie dann , setzte sich auf den Tritt im Erker und nahm das Mädchen auf ihren Schoß . Lange schwieg sie , und das Kind getraute sich nicht zu sprechen . Beide schauten in die Kerzenlichter des Christbaums . » Singen wir was , « sagte Philippine endlich . Mit heiserer Baßstimme begann sie » Stille Nacht , heilige Nacht « zu singen , und mit hohem , mutlosem Stimmchen fiel Agnes ein . Als sie das Lied gesungen hatten , entstand wieder ein Schweigen . » Wo ist denn mein Vater ? « fragte Agnes plötzlich , ohne Philippine anzublicken . Es klang , als habe sie seit Jahren auf die Gelegenheit gewartet , diese Frage zu stellen . Philippines Gesicht wurde grau , ihre Zähne mahlten . » Dein Vater , der lungert im Land herum , « antwortete sie und blies ein Lichtchen aus , welches im Niederbrennen einen Zweig zum Glimmen gebracht hatte ; » er hat ' s auf Weibsleut abgesehen und läßt alle Sieben grad sein . Klimpern tut er und ' s Papier vollschmieren . Da kann eins verrecken , und er kümmert sich nicht drum . « Mit einem rohen Stoß setzte sie das Kind auf die Erde , sprang empor , ging zum Fenster und riß es auf , als könne sie ' s vor Hitze nicht aushalten . Sie beugte sich über das schneebedeckte Sims . » Es huschert mich , « klagte das Mädchen . Aber Philippine hörte sie nicht . 8 Daniel schrieb an Eberhard und Sylvia , ob er zu ihnen kommen könne . Er dachte : dort sind Freunde , vielleicht brauch ich wieder einmal Freunde . Von einer fremden Hand erhielt er den Bescheid , daß die Baronin bedaure , ihn in Siegmundshof jetzt nicht aufnehmen zu können , aber sie liege im Wochenbett ; sie sende ihm herzliche Grüße und lasse ihm mitteilen , daß es sowohl dem Neugeborenen wie auch dem andern Kind , welches nun schon drei Jahre alt sei , gut gehe ; beides seien Knaben . » Überall wachsen Kinder auf , « sagte Daniel , und er packte seinen Koffer und reiste langsam südwärts , der Heimat zu , so langsam , als fürchte er sich vor einem Ziel , wohin zu gehen es ihn doch zwang . An einem Abend im April kam er in Nürnberg an . Als er in die Stube trat , schlug Philippine laut klatschend die Hände zusammen und blieb wie angewurzelt stehen . Agnes maß den Vater mit scheuen Blicken . Sie war hochaufgeschossen , weit über ihre Jahre . Der alte Jordan kam herunter . » Du siehst schlecht aus , Daniel , « sagte er und wollte Daniels Hand nicht loslassen , » dürfen wir nun hoffen , dich hier zu behalten ? « » Ich weiß nicht , « erwiderte Daniel und schaute geistesabwesend an den Wänden hin , » ich weiß nicht . « Am dritten Tag bemächtigte sich seiner eine ganz ungewohnte Bangigkeit . Ihm war , als sei er irre gegangen und als habe es ihn innerlich an einen andern Ort getrieben . Er ging zu Philippine in die Küche . Sie buk für ihn Kartoffelnudeln , in Schmalz . Es roch gut . » Ich fahr nach Eschenbach hinaus , « sagte er zu seiner eigenen Verwunderung , denn der Entschluß war mit dem Wort gekommen . Philippine riß die Pfanne vom Feuerloch , das Feuer stieg jäh in die Höhe . » Meinetwegen fahrst hin , wo der Pfeffer wächst , « knirschte sie ingrimmig . Beschienen von den Flammen , sah sie wie eine Hexe aus . Daniel schaute sie prüfend an . » Was ist mit der Agnes ? « fragte er nach einer Weile , » warum geht mir das Kind aus dem Weg ? « » Wird schon wissen warum , « versetzte Philippine tückisch und stellte die Pfanne wieder aufs Feuer , » die is keine Zuläufige . « Daniel verließ die Küche . » Zu seinem Bankert fahrt er , der Luderskerl , zu seinem Bankert , « murmelte Philippine . Sie kauerte sich auf den Schemel und starrte dumpf vor sich hin . Die Kartoffelnudeln verkohlten . 9 Bei sinkender Nacht betrat Daniel das Häuschen der Mutter . Als er die Mutter gewahrte , wußte er , daß ein Unglück geschehen war . Eva war fort . Eines Abends , vor vier Wochen , war sie verschwunden gewesen . Eine Seiltänzergesellschaft hatte Vorstellungen im Städtchen gegeben , die wurde beschuldigt , das schöne Kind geraubt zu haben . In dieser Überzeugung hatten sich die Eschenbacher Leute auch dann nicht erschüttern lassen , als die Gendarmerie die umherreisende Gesellschaft aufgegriffen hatte , ohne des vermißten Mädchens habhaft zu werden . Alle Gemeinden des Kreises waren alarmiert worden , im ganzen Land wurden die Nachforschungen betrieben , noch bis zur Stunde ; vergebens , es war nirgends eine Spur zu finden , der Fall war den Behörden wie den Einwohnern ein Rätsel . Die Wälder wurden durchsucht , die Weiher abgelassen , die Landstreicher befragt , vergebens . Da hatte eines Tages der Bürgermeister einen Brief ohne Unterschrift bekommen , und sein Inhalt war dieser : » Das Mädchen , nach dem ihr fahndet , ist wohl aufgehoben . Es ist kein Zwang an ihr geübt worden , freiwillig und aus Liebe zur Kunst ist sie mit denen gegangen , bei welchen sie weilt . Sie schickt ihrer Großmutter zärtliche Grüße und hofft , sie einst wiederzusehen , wenn sie erreicht hat , was sie sich wünscht . « Darunter hatte Eva mit Federzügen , die Marianne Nothafft als ziemlich zweifellos von dem Kinde herrührend bezeichnet hatte , geschrieben : Das ist wahr . Lebwohl , Großmütterchen ! Die Leute , die mit Marianne um den Verlust des