blanken Krone Liegt in der Tiefe Schrein , Und wer den Schatz gehoben , Soll bald ein König sein . Da sah ihn seine Freundin eine Weile mit großen Augen an und nickte . Erst war ihr Nicken voll Wehmut , dann aber leuchtete ihr Blick verklärt , und sie sagte : So will auch ich dir ein Lied singen , du mein Guter ; worauf sie mit zitternder Stimme sang : Im dunklen Seelengrunde Winkt einer Krone Gold , Und hast du sie gefunden , Wird Minne dir zum Sold . Nun glitt auch dem greisen Hirten die Decke von den Augen , und in der Freundin , mit der er etliche Jahre bereits beisammen gewesen , und die er liebgewonnen wie eine Schwester , erkannte er seine allerliebste Königstochter wieder . Anfangs verfiel er in langes Weinen und meinte trübe : Wo sind die Jahre unserer Jugend geblieben ? Ach , verfehlt dünkt mich meine Lebenszeit . Welch ein Schatz ist mir entgangen , da wir so frühe voneinander gerissen und erst jetzt , nun wir verblüht , wieder vereinigt wurden . Sei still , mein Liebster , gab die Hirtin zur Antwort . Nun sind wir ja so weit , wie wir ersehnt ; nur daß freilich unser Schicksal anders gestaltet ist , als unser Jugendsinn erwartet hatte . Wir haben erreicht , was wir erreichen konnten , nur daß wir nicht den Weg der Lust gegangen sind , sondern Trennung und Tränen erlitten haben . Doch dieser andere Weg hat einen Vorzug , den mir im Traume die weise Alte angedeutet hat . Blieben denn nicht unsere Herzen bewahrt von Gier und Schuld ? Sind sie nicht rein worden , so wie auf diesen Bergwiesen die Lüfte rein sind , die Blumen und Quellen ? Und im klaren Spiegel unserer Herzen dürfen wir nun einander schauen , darin lesend , wie lieb ein jeder den andern hat , und wie himmlisch diese Liebe . Komm , Liebster , laß uns jauchzen und laß uns jung sein , gedenkend an jeden Augenblick , den wir in unserer Jugend mitsammen verlebt . Da ward der Hirt getröstet und stimmte in seiner Liebsten Jubel ein . Wie sie nun in der Sonne bei einem Quell sich niedergesetzt hatten , einander zu erzählen , sprach der Hirt : Sag mir doch , liebste Königstochter , ob mein Gedächtnis irrt . Mir scheint , das Lied , so du gesungen , lautet eigentlich etwas anders . Sangest du nicht damals : Im dunklen See vom Grunde Winkt einer Krone Gold ? Mag sein , entgegnete die Liebste . Doch das ist falsch . Es muß heißen : Im dunklen Seelengrunde winkt einer Krone Gold . Dabei laß uns bleiben ; denn die Krone , so uns beide krönen soll , hat nicht im Sumpf gelegen und ist kein harter kalter Erdenstoff . Gleicherweise ist auch das Reich , zu dessen Herrschaft wir berufen sind , ganz anders denn meines Vaters Königreich . Hier machte die Erzählerin Sibylle eine Pause und meinte dann : » Nun saget , ihr zwei , die ihr meiner Mär gelauschet habt : Ist nicht das Reich , in dem die beiden alten Hirtenleute mit ihrer unsichtbaren Krone herrschen , ebendasselbige , von dem der Heiland sagt , daß man darinnen nicht freiet , noch sich freien lässet , sondern mitsammen Gottes Kind ist ? « Mein Herz war weich worden , und auch Heinrich schien ergriffen . » Ich danke Euch , Sibylle « , sprach ich » für dies Märlein , so ich voll Freude dem Schatze meiner Andacht einverleibe . Wo habt Ihr diesen Fund getan ? « » Ja , sprich , « meinte auch Heinrich , » woher dir die Mär kommt ; ich habe sie bisher noch nie vernommen . « Sibylle zauderte und blickte schelmisch , wobei ihr mütterlich volles Angesicht auf einmal jugendlich schien . » Eine Poetin bin ich « , scherzte sie . » Doch nein , ich will gestehen : es hat mir jemand , eine Frau , das alles erzählt . Und daß der Herren Neugier endlich Frieden habe , mögen sie wissen , die Königstochter selber hat mir das erzählet . Nun aber frage keiner mehr ! Ich bleibe stumm ; denn meine Mär ist aus . « Nach diesen Worten kam mir der Gedanke , für diesmal sei wohl auch mein Besuch aus ; denn was ich in Kiesewalds Baude ausrichten und vernehmen wollte , schien vorläufig zu einem Ende gediehen . Inmaßen stund ich auf und dankte für Gastfreundschaft . Auch Heinrich erhub sich : » Euer Besuch hat mich erquickt , ich danke Euch . Und nicht wahr , wir werden uns des öfteren sehen , so es Euch beliebt . « Als ich zustimmte , sagte Sibylle ernst vor sich hin : » So der Himmel alles gnädig fügt . « Heinrich , der mich ja ein Stück Weges geleiten wollte , ging hinaus , seine Partisane zu holen . Da reichte mir Sibylle die Rolle Papier mit den hastigen Worten : » Nehmet und berget es in Eurer Tasche . Agnete gibt es Euch und bittet , daß Ihr morgen leset , was auf dem Papiere geschrieben steht . Nicht heute aber dürfet Ihr es lesen , weder abends noch bei Nacht , sondern erst , wenn Ihr ausgeschlafen habt . Fraget nicht weiter ; alles , was Ihr wissen möchtet , findet Ihr in dem Schreiben . « Da nahm ich das Päcklein und steckte es zu mir , indem ich erwiderte : » Bestellet Eurer Schwägerin meinen Gruß ! Ich will tun nach ihrem Geheiß . « Als nun Heinrich wieder eintrat , reichte ich Sibyllen die Hand , und wir gingen . » Sturm werden wir bekommen , « sagte ich mit einem Blick auf den Gebirgsrücken , da über den Sattel schwarz Gewölk herübergezogen kam . Schweigend schritten wir zur Kochelschlucht hinunter . Sibyllens Märlein