aber der tiefe Groll und die tiefe Trauer , welche die Tragödie jenes Tages mir eingeflößt - die kann keine Zeit - und lebte ich hundert Jahre - verwischen . Wenn auch in letzter Zeit die Tage immer häufiger sich einstellen , da ich , von den Begebenheiten der Gegenwart eingenommen , an das vergangene Unglück nicht denke , da ich sogar die Freude meiner Kinder so lebhaft mitempfinde , daß mich selber noch etwas wie Lebensfreude durchwallt , so vergeht doch keine Nacht - keine - in der mich mein Elend nicht erfaßte . Das ist etwas ganz eigentümliches , das ich schwer beschreiben kann , und das nur solche verstehen werden , welche ähnliches an sich erfahren haben . Es deutet wie auf ein Doppelleben der Seele . Wenn auch das eine Bewußtsein , im wachen Zustande , von den Dingen der Außenwelt so eingenommen sein kann , daß es zeitweilig vergißt , so gibt es in der Tiefe meiner Persönlichkeit noch ein zweites Bewußtsein , welches jene schreckliche Erinnerung immer mit dem gleichen treuen Schmerz bewahrt ; und dieses Ich - wenn das andere eingeschlafen - macht sich dann geltend , rüttelt das andere gleichsam auf , um ihm sein Leid mitzuteilen . Allnächtlich - es dürfte immer um dieselbe Stunde sein - erwache ich mit einem unsäglichen Wehgefühl ... Das Herz krampft sich zusammen und mir ist , als sollte ich bitter weinen , kläglich schluchzen . Das dauert so einige Sekunden , ohne daß das aufgeweckte Ich noch weiß , warum jenes andere unglückliche gar so unglücklich ist ... Das nächste Stadium ist dann ein weltumfassendes Mitleid , ein voll schmerzlichsten Erbarmens geseufztes : » O ihr armen , armen Menschen ! « Da nun sehe ich unter hageldichten Mordgeschossen aufschreiende Gestalten zusammenbrechen - und jetzt erst erinnere ich mich , daß auch mein Liebstes so zusammenbrach ... Aber im Traume , sonderbar : da weiß ich nie etwas von meinem Verlust . Da geschieht es häufig , daß ich mit Friedrich spreche und verkehre , als wäre er noch am Leben . Ganze Auftritte aus der Vergangenheit - aber keine trüben - spielen sich da ab : das Wiedersehen nach Schleswig-Holstein ; die Scherze an Sylvias Wiege ; unsere Fußtouren in den schweizer Bergen ; unsere Studienstunden über geliebten Büchern und hier und da jenes gewisse Bild im Abendsonnenschein , wo mein weißhaariger Mann mit seiner Gartenscheere die Rosenzweige stutzt - - » Nicht wahr , « lächelt er mir zu , » wir sind ein glückliches altes Paar ? « - - - Meine Trauerkleider habe ich niemals abgelegt - selbst am Hochzeitstage meines Sohnes nicht . Wer einen solchen Mann geliebt , besessen und verloren - so verloren - dessen Liebe muß auch » stärker sein als der Tod « , dessen Rachegroll kann nimmer erkalten . Aber wen trifft dieser Zorn ? An wem sollte ich Rache üben ? Die Menschen , welche die That vollbracht , trifft nicht die Schuld . Der allein Schuldige ist der Geist des Krieges und diesem nur könnte mein - allzuschwaches - Verfolgungswerk gelten . Mein Sohn Rudolf stimmt mit meinen Gesinnungen überein - was ihn aber nicht hindert , natürlich , alljährlich die Waffenübungen mitzumachen und was ihn nicht hindern kann , wenn morgen der über unseren Häuptern schwebende europäische Riesenkrieg ausbricht , an die Grenze zu marschieren . Und dann werde ich es vielleicht noch einmal sehen müssen , wie mein Teuerstes auf der Welt dem Moloch hingeopfert - wie ein liebegesegneter Herd , an welchem meinem Alter Ruhe und Friede winkt , in Trümmer geschlagen wird . Werde ich das noch erleben müssen und dann unwiederbringlich dem Wahnsinn verfallen , oder werde ich den Triumph der Gerechtigkeit und Menschlichkeit noch sehen , der jetzt , gerade jetzt in weitverzweigten Bündnissen und in allen Schichten der Völker so sehnsuchtskräftig nach Bethätigung ringt ? Die roten Hefte - mein Tagebuch - weisen keine weiteren Eintragungen auf . Unter das Datum 1. Februar 1871 habe ich ein großes Kreuz gemacht , und damit schloß auch meine Lebensgeschichte ab . Nur das sogenannte Protokoll - ein blaues Heft - welches Friedrich mit mir angelegt und in das wir die Phasen der Friedensidee aufgezeichnet haben , ist seither mit einigen Notizen bereichert worden . In den ersten Jahren , welche dem deutsch-französischen Krieg folgten , hätte ich - abgesehen von meinem geisteskranken Zustande - kaum Gelegenheit gehabt , eine Friedenskundgebung zu verzeichnen . Die zwei einflußreichsten Nationen des Festlandes schwelgten in Kriegsgedanken : die eine im stolzen Rückblick auf die errungenen Siege , die andere in sehnender Erwartung einer bevorstehenden Revanche . Allmählich legte sich der Wogengang dieser Gefühle . Diesseits des Rheins wurden die Standbilder der Germania etwas weniger angejubelt und jenseits diejenigen der Stadt Straßburg mit weniger Trauerfloren geschmückt . Da , nach zehn Jahren , konnte die Stimme der Friedensjünger wieder gehört werden . Bluntschli , der große Völkerrechts-Gelehrte - derselbe , mit welchem mein Verlorener sich in Verbindung gesetzt - war es , der bei verschiedenen Würdenträgern und Regierungen sich deren Ansicht über den Völkerfrieden einholte . Damals fiel des schweigsamen » Schlachtendenkers « bekannter Ausspruch : » Der ewige Frieden ist ein Traum - und nicht einmal ein schöner Traum . « » Je nun : wenn Luther den Pabst gefragt hätte , was er von einem Abfall von Rom hält , die Antwort würde da auch nicht reformationsfreundlich ausgefallen sein , « schrieb ich damals neben Moltkes Worte in das blaue Heft . Heute gibt es fast Niemand mehr , der diesen Traum nicht träumte oder der dessen Schönheit nicht zugeben wollte . Und auch Wache gibt es - ganz helle Wache , - welche die Menschheit aus dem langen Schlaf der Barbarei erwecken wollen und thatkräftig , zielbewußt sich zusammenschaaren , um die weiße Fahne aufzupflanzen . Ihr Schlachtruf ist : » Krieg dem Kriege « ; ihr Losungswort - das einzige Wort , welches noch im stande wäre ,