meine Zuversicht , daß die Gefahr beseitigt sei , doch so groß , daß ich gleich einschlief . In meinem Traume mischte sich das eben Erlebte mit jener wundersamen Feuererscheinung im alten Schloß zu Stockholm , wovon Du Marie und mir am ersten Weihnachtstage erzähltest , als wir am Kamin saßen und den Christbaum plünderten . Ich sah im Traum die Scheiben meines Fensters glühen ; als ich aber aufstand , um nach dem Schein zu sehen , war ich nicht mehr allein und gewahrte nur eine lange Reihe Verurteilter , die mit entblößtem Hals an einen Block geführt wurden . Ein entsetzliches Bild , und alles rot , wohin ich sah . Aber in diesem Augenblicke trat Hoppenmarieken in die Tür des Reichssaales , und alles rief : De möt et stillen . Da hob sie den Stock , und es war kein Blut mehr ; und das Bild versank und sie selber mit . Heute früh war ich zu guter Stunde beim Frühstück ; Papa und die Schorlemmer erwarteten mich schon . Ich hatte mich vor dieser Begegnung gefürchtet ; die Scheune , die vor zwei Jahren niederbrannte , liegt noch als ein Schutthaufen da , und nun ein zweites Brandunglück , das wieder auszugleichen es vollends an den Mitteln fehlen wird . Ich fand aber eine ganz andere Stimmung vor , als ich gefürchtet hatte . Papa war gesprächig und von einer Weichheit , die mehr von Hoffnung als von Trauer zeugte . Er nahm meine Hand , und als er sah , daß ich nach einem Trostworte suchte , lächelte er und sagte : Und eine Prinzessin kommt ins Haus , Ein Feuer löscht den Flecken aus - Ich fange an , mich mit dem alten Hohen-Vietzer Volksreim auszusöhnen . Die Prinzessin läßt noch auf sich warten , aber der Flecken ist fort , das Feuer hat ihn ausgelöscht . Ja , meine liebe Renate , Rätsel umgehen uns , und vielleicht ist es Torheit , uns in dem Doppelhochmut unseres Wissens und Glaubens alles dessen , was Aberglauben heißt und vielleicht nicht ist , entschlagen zu wollen . Auch in ihm , von weither herangeweht , liegen Keime der Offenbarung . Ein Feuer löscht den Flecken aus , inmitten all dieser Prüfungen ist es mir , als müßten andere , bessere Zeiten kommen . Für uns , für alle . Ich wollte antworten ; aber Jeetze trat ein und meldete , daß Graf Drosselstein vorgefahren sei . Da hast du den längsten Brief , den ich je geschrieben . Einen Gruß an Kathinka , auch an Frau Hulen . Herzlichst Deine Renate von V. « Lewin legte den Brief aus der Hand . Er war bewegt , aber dasselbe Gefühl , das in Vater und Schwester vorgeherrscht hatte , gewann auch in ihm die Oberhand : die Freude darüber , daß etwas Unheimliches aus ihrem Leben genommen sei . Er setzte sich schnell an sein Pult und schrieb eine vorläufige kurze Antwort , in der er diesem Gefühle Ausdruck gab . Am Schlusse hieß es : » Der Altar ist nicht mehr , und der alte Matthias , wenn er weiter spöken will , muß sich eine andere Betestelle suchen . « Aber er erschrak vor seinen eigenen Worten , als er sie wieder überlas . » Das klingt ja « , sprach er vor sich hin , » als lüd ich ihn aus dem Saalanbau in unser Wohnhaus hinüber . Das sei ferne von mir . Ich mag den Komtur nicht zu Gast bitten . « Und mit dicker Feder strich er die Stelle wieder durch . Dann kleidete er sich rasch an , um Jürgaß , der nach dieser einen Seite hin empfindlich war , nicht warten zu lassen . Zehntes Kapitel Dejeuner bei Jürgaß Nicht bloß die alte Exzellenz Wylich , wie Geheimrat von Ladalinski sich ausgedrückt hatte , war ein Pünktlichkeitspedant , sondern auch Jürgaß . Dies wußte der ganze Kreis . So kam es , daß sich eine Minute vor zwölf alle Geladenen auf Flur und Treppe trafen , selbst Bummcke , der die scherzhaft eingekleidete , aber ernst gemeinte Reprimande von der letzten Kastaliasitzung her noch nicht vergessen hatte . Die Jürgaßsche Wohnung befand sich in einem mit einigen Reliefschnörkeln ausgestatteten Eckhause des Gensdarmenmarktes und nahm die halbe nach dem Platze zu gelegene Beletage ein . Sie bestand , soweit sie zu repräsentieren hatte , aus einem schmalen Entree , einem dreifenstrigen Wohn- und Gesellschaftszimmer und einem Speisesalon . Schon die Größe der Wohnung , noch mehr ihre Ausschmückung , konnte bei einem märkischen , auf Halbsold gestellten Husarenoffizier , dessen väterliches Gut mit drei seiner besten Ernten nicht ausgereicht haben würde , auch nur ein Dritteil dieser Zimmereinrichtungen zu bestreiten , einigermaßen überraschen ; unser Rittmeister war aber nicht bloß der Sohn seines Vaters , sondern auch der Neffe seiner Tante , eines alten Fräuleins von Zieten , die , als Konventualin von Kloster Heiligengrabe , ihrem Liebling , eben unserem Jürgaß , ihr ganzes , ziemlich bedeutendes Vermögen testamentarisch hinterlassen hatte . In diesem Testament hieß es wörtlich : » In Anbetracht , daß mein Neffe Dagobert von Jürgaß , einziger Sohn meiner geliebten Schwester Adelgunde von Zieten , verehelichten von Jürgaß , durch seiner Mutter Blut , insonderheit auch durch Bildung des Geistes und Körpers ein echter Zieten ist , vermache ich besagtem Neffen , Rittmeister im Göckingkschen ( ehemals Zietenschen ) Husarenregiment , in der Voraussetzung , daß er das Zietensche , so Gott will , immer ausbilden und in Ehren halten will , mein gesamtes Barvermögen , samt einem Bildnis meines Bruders , des Generallieutenants Hans Joachim von Zieten , und bitte Gott , meinen lieben Neffen in seinem lutherischen Glauben und in der Treue zu seinem Königshause erhalten zu wollen . « Dieses Testament war zufälligerweise gerade am 14. Oktober 1806 , also am Tage der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt , seitens der alten Konventualin , die noch denselben Winter das Zeitliche