Der Gardeofficier und der Mann aus dem Volke standen sich einen Augenblick lang gegenüber , zwei riesengewaltige Männer , überraschend ähnlich an hohem Wuchs , gewölbter Brust , breiten Schultern und langen , muskelkräftigen Armen ; ja , wie sie sich so mit zornigen Blicken anstarrten , ähnlich im Ausdruck der massiven plumpen Züge . Doch nur einen Augenblick standen sie so : im nächsten hatte der Officier seinen Gegner mit aller Macht vor die Brust gestoßen , um ihn aus seiner unmittelbaren Nähe zu bringen und Raum für seinen Degen zu gewinnen . Indessen , er hätte ebenso gut einen Felsen von der Stelle rücken können , als den Mann im Sammetrock . Der aber reckte seine mächtigen Arme aus , ergriff den Officier um den Leib , hob ihn vom Boden auf und schleuderte ihn mit solcher Gewalt gegen die Soldaten , welche genug zu thun hatten , ihren Arrestanten zu halten , daß Officier , Soldaten und Arrestant in einem Haufen über- und untereinander rollten . Hurrah ! schrie die entzückte Menge ; hurrah ! hurrah ! drauf ! nieder mit der Soldateska ! Herr Schmenckel mußte sich von der Hülfe und dem Muth der Menge nicht viel versprechen . Er zog mit einem Ruck den Arrestanten aus dem Haufen heraus und war mit ihm , ehe sich noch der Officier nieder aufraffen konnte , in dem Gedränge , das ihm bereitwillig Platz machte , verschwunden . Es war die höchste Zeit , denn jetzt war es den von ihrem Führer getrennten Sectionen gelungen , die Menschenmauer zu durchbrechen . Der Officier sprang auf die Füße und commandirte mit einer vor Wuth kreischenden Stimme : links aufmarschirt ! marsch ! marsch ! zur Attaque Gewehr rechts ! fällt das Gewehr ! Hurrah , hurrah ! riefen die Soldaten , indem sie im Geschwindschritt auf die wehrlose Menge eindrangen , die heulend und schreiend auseinanderstob . Neununddreißigstes Capitel Während in dem Brennpunkte der Stadt solche Scenen stattfanden und die Bewohner dieser und der nächstgelegenen Straßen in fieberhafte Aufregung versetzten ; hier die Menge von einer anrückenden Militairtruppe davonlief , um sich an einem für den Augenblick nicht bedrohten Punkte abermals zu sammeln , Verhaltungen in Masse vorgenommen wurden , Verwundungen nicht ausblieben und so die Erbitterung von beiden Seiten in beängstigender Weise wuchs - lebten die Bewohner der abgelegenen Quartiere ohne die geringste Kunde dieser Vorgänge in einem tiefen Frieden , der in einem gemeindeangerumgebenen idyllischen Landstädtchen nicht größer sein konnte . In einem kleinen einstöckigen Hause einer dieser stillen Straßen an einem Fenster , das auf ein hübsches Vorgärtchen ging und durch eine Glaskugel mit Goldfischen , einen Messingbauer mit einem grüngelben Canarienvogel , durch Blumen in Töpfen und Vasen als das Lieblingsplätzchen einer Dame bezeichnet war , saßen kurz vor Sonnenuntergang Sophie und Bemperlein in eifriger Unterhaltung . Und Franz ist mit seinen hiesigen Verhältnissen ganz zufrieden ? Ganz ! wie würde sich der gute Vater gefreut haben , wenn er - Die junge Frau vollendete den Satz nicht , sondern wandte sich nach dem Fenster und machte sich etwas mit ihren Blumen zu schaffen . Bemperlein betrachtete sie ein Weilchen liebevoll durch seine Brillengläser , dann legte er leicht seine Hand auf ihren Arm und sagte : Sie müssen sich nicht blos stark zeigen , liebe Freundin ; Sie müssen es auch sein - Sie , die Tochter eines solchen Vaters ! Sie haben Recht , Bemperchen ; ich will versuchen , so stark und vernünftig zu sein , wie ich aussehe . Aber jetzt lassen Sie uns von was Anderem sprechen . Was sagt denn Marguerite zu dem neuen Plane ? Sie ist entzückt oder charmeé , wie sie sagt . Ich glaube aber alles Ernstes weniger über die Verbesserung unserer Lage - obgleich , ganz entre nous , liebe Freundin , ein verheiratheter Student ein höchst eigenthümliches Amphibium ist - als darüber , daß sie jetzt wieder in Ihrer Nähe leben kann . Sie glauben gar nicht , welchen Eindruck Sie auf ma petite femme gemacht haben ! Das gute Herz ! Und ich habe so wenig für sie gethan , für sie thun können ! habe sie eigentlich immer nur geneckt , und noch am letzten Abend - wissen Sie noch Bemperchen , wie Sie als Amor erschienen , Ihr Euch in dem Fenster den verhängnißvollen Kuß gabt und Papa hernach beim Hochheimer die köstliche Rede hielt , die letzte , die ich aus seinem Munde gehört habe ? Jetzt weiß ich erst , was zu der Stunde sein edles Herz bewegte ! Er nahm nicht blos für damals , er nahm für immer von uns Abschied . Sophie kämpfte die Rührung , die sie zu überwältigen drohte , gewaltsam nieder und fuhr fort : Ich habe so wenig für Marguerite gethan und sie im Gegentheil so viel für mich ! Wissen Sie , Bemperchen , daß ich schwach genug war , ordentlich eifersüchtig auf die Kleine zu werden , als ich aus Papa ' s Briefen sah , in wie hoher Gunst sie bei ihm stand und wie er sich gegen Eure Verheirathung fast nicht weniger hartnäckig wehrte , als gegen die unsere ? Und doch ist diese Verheirathung nur durch seine Bemühungen so bald zu Stande gekommen ; zum mindesten hat Marguerite es nur ihm zu danken , wenn unsere Einrichtung so glänzend ausfiel , wie ich sie mit meinen schwachen Kräften allerdings nicht hätte herstellen können . Sie wissen doch , was ich meine ? Die Timm ' sche Angelegenheit ? Marguerite hat mir davon geschrieben . Was mich dabei am meisten gewundert , ist , daß Timm so prompt das Geld zurückbezahlt hat . Wir Alle sind erstaunt gewesen , Niemand mehr als ich , der ich wußte , daß er bis über die Ohren in Schulden steckte und schon aus diesem Grunde dem Papa rieth , von seinem Versuch , als von einem ganz vergeblichen , abzustehen . Mir hat die ganze Affaire viel Kopfzerbrechen verursacht ,