dacht ' ich schon immer , um wie viel glücklicher er daran war als wir Schwestern , da es genug Leute gab , welche uns aus unserer Gelehrsamkeit noch einen Vorwurf machten und sie unverträglich nannten mit der weiblichen Bestimmung . Dagegen lehnte ich mich frühe auf ; ich fühlte weder Neigung noch Verpflichtung mich zu verheirathen , und der höchste Wunsch für mein Leben war eben nur der , in beschaulicher Stille mit meinen Büchern allein und ungehindert in meinen Studien zu sein . Meine Schwester Clara theilte diesen Hang , und da wir unsere Eltern verloren , Willibald aber in die Fremde zog , so haben wir still für uns nur den Wissenschaften gelebt . Schon zuweilen tauchte der Gedanke in uns auf : um das in der würdigsten Weise zu können , in dieses Kloster einzutreten , aber wir zögerten noch vor dem entscheidenden Schritt für das Leben , der dann nie wieder zurück zu nehmen ist . Vielleicht trug auch eine unserer trefflichsten Freundinnen Frau Elisabeth Scheurl mit Schuld , daß wir zu keinem Entschluß kamen : denn sie meinte , daß nur ganz alte und gebrechliche Leute , die der Welt weiter nichts nützen könnten , ein Recht hätten , sich vor der Welt zu flüchten und in Klostermauern zu vergraben . Sie war immer bemüht neben der Wissenschaft auch der Kunst zu huldigen , und so hatte sie auch uns mit andern Nürnberger Jungfrauen um sich vereinigt , für die St. Lorenzkirche zu sticken . Diese Arbeit führte uns öfter in die Kirche und mit den daran bauenden Baubrüdern zu gemeinschaftlichen Berathungen zusammen . Von einem derselben hatte mein Bruder schon mit warmer Anerkennung , als von einem echten Künstler gesprochen , und als ich ihn selbst und seine Werke sah , fand ich Alles bestätigt . Da geschah es vor nicht langer Zeit , daß ein Gerüst am Thurme zusammenbrach , und indeß ein Baubruder in Todesgefahr auf dem Thurme schwebte , eben jener sich selbst , um ihn zu retten , in noch viel größere Todesgefahr begab . Da betete ich für sein Leben , und gelobte mich dem Kloster , wenn seine That gelingen und er das schwere Wagestück bestehen werde - und in der Verzweiflung , die ich bei der Gefahr dieses Einen mehr als bei der des Andern empfand , erkannte ich , daß ich - die noch nie einen Mann geliebt , die das nie für möglich gehalten - daß ich diesen Baubruder liebe ! - Hoffentlich hat weder ein Blick noch ein Wort mich ihm verrathen , aber da seine That gelang , so bin ich nun doppelt verpflichtet , mein Gelübde zu halten . « Sie neigte ihr Haupt an Ulrikens Schulter und fühlte sich erschöpft von diesem Geständniß . » Unglückliches Mädchen ! « rief Ulrike sanft ; » ein Baubruder darf Eure Empfindungen nicht erwiedern , und wehe ihm , wenn er es trotzdem thut oder gethan hat ! « » Nein , nein ! « rief Charitas ; » er ahnt nichts davon , er soll es niemals ahnen , nie erfahren ! Aber was mich am meisten schmerzt , ist , daß Elisabeth Scheurl ihn auch liebt und daß auch ihr gegenüber Ulrich von Straßburg vielleicht - « Ein Schrei der Nonne unterbrach die Geständnisse der Novize . » Ulrich von Straßburg ! « rief sie ; » höre ich recht , Ulrich von Straßburg , sagtet Ihr wirklich so ? « » So nennt man ihn , « antwortete Charitas und sah mit Bestürzung die plötzliche Aufregung der Matrone . Mit gepreßter Stimme , der man die innere Bewegung anhörte , fragte diese wieder : » Schildert mir , wie er aussieht . « Erröthend willfahrte Charitas : » Er ist lang und schlank gewachsen und von edler Haltung ; seine blauen Augen strahlen von dem Feuer echter Begeisterung ; seine Stirn ist sanft gewölbt und hohe Gedanken scheinen auf ihr zu thronen ; sein Haar ist braun und üppig , er trägt es halblang und gescheitelt ; seine Nase ist schön geformt , weder groß noch klein , mit der Stirn eine gerade Linie bildend - gerade so wie bei Euch - « Ulrike hatte mit Spannung zugehört . Die letzten Worte , die Charitas arglos sagte , nur um sich die Beschreibung zu erleichtern , erinnerten Ulrike daran , daß sie sich fassen müsse , wenn sie sich nicht selbst verrathen wollte . Sie sagte darum : » Ich habe einen Knab en Ulrich gekannt , von dem ich hörte , daß er sich später als Baubruder nach seiner Heimath von Straßburg genannt - ich wußte nicht , daß er hier sei . « » Er baut seit zwei Jahren mit an der Lorenzkirche - und jetzt wohnt er hier ganz nahe im Claragäßlein , « berichtete Charitas . » Ganz nahe ? « wiederholte Ulrike , und es war ihr , als müsse ihr das Herz zerspringen . » Wie hoch schätzt Ihr sein Alter ? « fragte sie , um doch noch einen neuen Beweis für ihre plötzliche Entdeckung zu haben . » Ich weiß es nicht genau , « antwortete die Novize , » zwischen Fünfundzwanzig und Dreißig . « » Erzählt mir mehr von ihm , « sagte Ulrike vor sich niederblickend , und sich besinnend fügte sie angstvoll die Frage hinzu : » Und Ihr sagtet , er sei seinem Gelübde untreu geworden und liebe eine Frau von Scheurl ? - Mir dünkt , ich habe diesen Namen schon gehört . « » Da sei Gott vor , daß ich eine so schwere Anklage ausspreche , « entgegnete Charitas - » ja vielleicht ist es Elisabeth selbst gegangen wie mir , und sie hat ihr eigenes Gefühl auch erst da erkannt , als Ulrich in Todesgefahr schwebte , vielleicht noch nicht einmal - aber ich habe es in ihr früher erkannt als in mir selbst . « » Ulrich in Todesgefahr - vor Kurzem