ihrem Eintritt in die orthopädische Anstalt . Daß sie diesen Tod getrost auf ihre Rechnung schreiben konnte , hatte ihr das Gewissen schon oft gesagt und ebenso oft auch schon wieder hatte ihre Philosophie der Selbsthülfe und des erlaubten Widerstandes gegen das feindliche Leben sie von allem Vorwurf freigesprochen . Zur Ruhe gehen konnte sie nicht . So in ihrer Aufregung den Tag schließen , so sich mit tausend quälenden Gedanken aufs Lager werfen ? ... Unmöglich für eine Phantasie so voll wühlender Ungeduld ! ... Die Kleinheit des Zimmers machte sie jetzt verzweifeln . Sie riß die Thür auf ... Unten hörte sie noch reden ... Frau von Gülpen war es , die sich bei den Mägden sicher stellte , daß niemand sich etwa einfallen ließ , vom Lärm der Stadt und der Neugier auf die Einquartierten sich aus dem Hause ziehen zu lassen . Lucinde lächelte und sagte kopfschüttelnd : Ganz wie meine Alte ! Zuletzt regte sich nichts mehr im Hause ... Sie griff nach Hut und Mantel ... Wenigstens in den Park wollte sie gehen und mit einer Wanderung durch die Baumgänge die stürmenden Gefühle ihrer Brust beschwichtigen ... Wie auch hatte ihr das Leben dieses Parks poetisch vor Augen gestanden ! Sollte sich denn auch nichts davon , keine einzige ihrer Ahnungen erfüllen ? Sie mußte hinaus . Nur das eine Bild des Mönches Klingsohr schon wuchs so riesengroß vor ihren Augen , daß es die Decke des kleinen Zimmers sprengte . Es zog sie , wie wenn sie über Länder und Ströme , über Heiden und Moore fliegen müßte zu dem fernen Meere hin , an dessen Ufern sie einst gelebt hatte , zu dem Strande der Alster , wo Klingsohr im Schilfrohr das blutige Haupt seines Vaters zu sehen sich gefürchtet . Und wollte nicht zuletzt noch Bonaventura kommen ? Wollte er sie gleich schon heute die Wonne nicht fühlen lassen , doch irgendwie berechtigt in seiner Nähe weilen und an seinen Lebensschicksalen betheiligt scheinen zu dürfen ? Mit diesen Empfindungen war sie schon auf der Stiege . Sie hatte leise ihr Zimmer zugedrückt . Behutsam ging sie hinunter . Nichts hörte sie als das Knistern ihrer Schuhe auf der steinernen Treppe . Unten steckte der Schlüssel in der Hauspforte ... Sie schloß auf , öffnete und trat hinaus ... Sollte sie den Schlüssel mitnehmen ? ... Mitnehmen ? Wohin ? ... Wußte sie schon , daß es im Park sie doch nicht halten würde , daß sie sich weiter wagen müßte , wenigstens bis an die Kathedrale hinauf ? ... Sie ließ den Schlüssel stecken und drückte nur leise die Thür wieder zu . So trat sie auf die steinernen Vliesen , die rings das Schlößchen umgaben . Dann kam ein kleiner Rasen mit einem kaum einige Fuß hohen spielend tröpfelnden Springbrünnchen ... dann kam eine Baumallee ... Auf einer Steinbank ließ sie sich nieder ... Wie blickte sie zagend auf das Haus , in dem ein Licht jetzt nach dem andern erlosch ! ... Das Piano , auf dem sie sich leidlich geltend zu machen wußte , hatte man sie gar nicht aufgefordert anzurühren ! Sie hatte ihre eigenen bizarren Weisen , in denen sie sich in solchen Abendstunden und solchen Stimmungen anziehend zu ergehen verstand ... Wie hätte sie jetzt auf ihm dahinstürmen mögen ! Und nun saß sie hier » auf Probe « , so gebunden , so Bettlerin , so Ausgestoßene und Geduldete nur . Sie durfte kaum ein Liedchen trällern , um das tausendstimmige Concert in ihrer Brust , ein Hämmern und Klopfen wie auf tausend verborgenen Tasten , irgendwie zu verrathen - ein Hüsteln sogar mußte sie schon zwingen aufzustehen und sich mehr zum Park zu entfernen . Sie lauschte dem Plätschern des Quellchens , dem Rauschen der Blätter , dem Geräusch der Stadt ... Erst jetzt fühlte sie , daß sie ja die Briefe für Hunnius zu sich gesteckt hatte ! Einer von ihnen war » pressant « ... Wenn sie ihn noch abgäbe ? Jetzt , nachdem die neunte Stunde schon geschlagen ? Klingeln an der Stadtpfarrei ? Das war das Wenigste ... Zu dem Reiz , der das katholische Priesterthum umgibt , gehört seine freistehende , durch kein Familienleben gebundene Allen-Angehörigkeit . Da fragt kein Eheweib : Was wollen Sie von meinem Manne ? Da sind keine Kinder , an deren Bettchen , wenn sie krank sind , ein Vater der Mutter wachen hilft ! Diese katholischen Priester sind wie die Aerzte . Man darf sie des Nachts aus ihrer Ruhe klingeln . Man darf sie am Tage in ihrem Studirzimmer überraschen . Man braucht nur um einen Schemel zu bitten , um zu knieen und mit ihnen zu beten . Katholische Priester verlangen auch keine Einführung , keine Empfehlungsschreiben , sie sind sofort mit dem Menschlichsten im Menschen vertraut und einer ist dann wie alle ; die Frage , die ihr ganzes Leben vertritt , ist unter ihnen und bei jedem dieselbe ... Wie viel Tausende von Frauen , die im Leben keinen Freund und Vertrauten zu gewinnen wußten , gehen ihnen bethört auch nur um deswillen nach ! ... Ohne daß sich Lucinde an die übrigen Wege des Parkes hielt , schoß sie quer durch die vom Mondlicht beschienenen Bäume an die steinernen Stufen hin , die zum Dome hinauf und von dort wieder abwärts der Stadt zuführten . Trotz der späten Abendstunde war das sonst so stille Städtchen heute wie im ganzen Jahre nicht lebendig . Die zu den Uebungen Berufenen zogen truppweise durch die mondscheinhellen kleinen Gassen , andere saßen in den Wirthshäusern und fangen . Da Musik , dort der Lärm fallender Kegel ... Von ihren gestern und heute gemachten Bekannten konnte Lucinde annehmen , daß sie sich bei dem Obersten von Hülleshoven befanden , Hedemann vielleicht ausgenommen , der sicher den Leutenant von Enckefuß vermied ... Die Italiener schienen noch in Kocher nicht angekommen zu sein ... Lucinde ging und ging und fragte die Leute nach der