ist über Sie ergangen und ein höheres , ein gottbewußteres Leben wird sich von Stund an in Ihnen entfalten . « » Ich kann « , erwiderte Nolten nach einer kleinen Stille , » ich kann zur Not verstehen , was Sie meinen , und doch - das Unglück macht so träge , daß Ihre liebevollen Worte nur halb mein dumpfes Ohr noch treffen - O daß ein Schlaf sich auf mich legte , wie Berge so schwer und so dumpf ! Daß ich nichts wüßte von gestern und heute und morgen ! Daß eine Gottheit diesen mattgehetzten Geist , weichbettend , in das alte Nichts hinfallen ließe ! ein unermeßlich Glück - - ! « Er überließ sich einen Augenblick diesem Gedanken , dann fuhr er fort : » Ja , läge zum wenigsten nur diese erste Stufe hinter mir ! Und doch , wer kann wissen , ob sich dort nicht der Knoten nochmals verschlingt ? - - O Leben ! o Tod ! Rätsel aus Rätseln ! Wo wir den Sinn am sichersten zu treffen meinten , da liegt er so selten , und wo man ihn nicht suchte , da gibt er sich auf einmal halb und von ferne zu erkennen , und verschwindet , eh man ihn festhalten kann ! « Agnesens Begräbnis ist auf den morgenden Sonntag beschlossen . Die Nacht zuvor schläft Nolten ruhig wie seit langer Zeit nicht mehr . Der ehrliche Gärtner mutet sich zu , noch einmal bei der geliebten Leiche zu wachen , ihm leistet der Sohn Gesellschaft , und da der Alte endlich einnickt , ist Henni die einzig wache Person in dem Schlosse . - Der gute Junge war recht wie verwaist , seit ihm die Freundin und Gebieterin fehlte . Er war ihr so nahe , so eigen geworden , er hatte insgeheim die schüchterne Hoffnung genährt - eine Hoffnung , deren er sich jetzt innig schämte - Gott könnte ihm vielleicht die Freude aufbehalten haben , die arme Seele mit der Kraft des evangelischen Wortes zu der Erkenntnis ihrer selbst , zum Lichte der Wahrheit zurückzuführen ; sein ganzes Trachten und Sinnen , alle seine Gebete gingen zuletzt nur dahin , und wieviel schrecklicher als er je fürchten konnte , ward nun sein frommes Vertrauen getäuscht ! - Er hält und drückt eine teure kalte Hand , die er nicht sieht , in seinen Händen , und lispelt heiße Segensworte drüber ; er denkt über die erziehende Weisheit Desjenigen nach , an welchen er von ganzer Seele glaubt , vor dessen durchdringendem Blick das Buch aller Zeiten aufgeschlagen liegt , der die Herzen der Menschen lenkt wie Wasserbäche , in welchem wir leben , weben und sind . Er schrickt augenblicklich zusammen vor seligem Schrecken , indem er bedenkt , daß das , was vor ihm liegt , was er mit glühenden Tränen anredet , ein taubes Nichts , ein wertloses Scheinbild ist , daß der entflohene Geist , viel lieblicher gestaltet , vielleicht in dieser Stunde am hellen Strome des Paradieses kniee und , das irre Auge mit lauterer Klarheit auswaschend , unter befremdetem Lächeln sich glücklich wiedererkenne und - finde . - Henni stand sachte auf , von einer unbekannten süßen Unruhe bewegt ; unbeschreibliche Sehnsucht ergriff ihn , doch diese Sehnsucht selbst war nur das überglückliche Gefühl , die unfaßliche Ahnung einer himmlischen Zukunft welche auch seiner warte . Er trat ans Fenster und öffnete es . Die Nacht war sehr unfreundlich ; ein heftiger Sturm wiegte und schwang die hohen Gipfel der Bäume , und auf dem Dache klirrten die Fahnen zusammen . Des Knaben wunderbar erregte Seele überließ sich diesem Tumulte mit heimlichem Jauchzen , er ließ den Sturm seine Locken durchwühlen und lauschte mit Wollust dem hundertstimmigen Winde . Es deuchten ihm seufzende Geisterchöre der gebundenen Kreatur zu sein , die auch mit Ungeduld einer herrlichen Offenbarung entgegenharre . Sein ganzes Denken und Empfinden war nur ein trunkenes Loblied auf Tod und Verwesung und ewiges Verjüngen . Mit Gewalt muß er den Flug seiner Gedanken rückwärts lenken , der Demut eingedenk , die Gott nicht vorzugreifen wagt . Aber , wie er nun wieder zu Agnesens Hülle tritt , ist ihm wie einem , der zu lange in das Feuerbild der Sonne geschaut , er sinkt in doppelt schmerzliche Blindheit zurück . Still setzt er sich nieder , und schickt sich an , einen Kranz von Rosen und Myrten zu Ende zu flechten . Nach Mitternacht erweckt indes den Maler ein sonderbarer Klang , den er anfänglich bloß im Traum gehört zu haben glaubt , bald aber kann er sich völlig überzeugen , daß es Musik ist , welche von dem linken Schloßflügel herüberzutönen scheint . Es war als spielte man sehr feierlich die Orgel , dann wieder klang es wie ein ganz anderes Instrument , immer nur abgebrochen , mit längeren und kürzeren Pausen , bald widerwärtig hart und grell , bald sanft und rührend . Betroffen springt er aus dem Bette , unschlüssig was er tun , wo er zuerst sich hinwenden soll . Er horcht und horcht , und - abermals dieselben unbegreiflichen Töne ! Leis auf den Socken , den Schlafrock umgeworfen , geht er vor seine Tür , und schleicht , mit den Händen an der Wand forttastend , den finstern Gang hin , bis in die Nähe des Zimmers , wo sich der Gärtner und Henni befinden . Er ruft um Licht , der Gärtner eilt heraus , verwundert , den Maler zu dieser Stunde hier zu sehn . Da nun weder Vater noch Sohn irgend etwas anderes gehört haben wollen , als das wechselnde Pfeifen des Windes , welcher auf dieser Seite heftiger gegen das Haus herstieß , so entfernte sich Nolten , scheinbar beruhigt , mit Licht , gab übrigens nicht zu , daß man ihn zurückbegleitete . Keine volle Minute verging , so vernahm der Alte und Henni vollkommen deutlich die oben beschriebenen Töne und gleich darauf einen starken Fall