Den zweiten Abend unserer Reise kamen wir an ein Gränzdorf . Das Zoll- und Mauthwesen bringt dem Orte großen Verkehr ; auch liegt beständig ein Jägerdetachement hier , um die Pässe und Schleichwege durchs Gebirge abzupatrouilliren . Deshalb ist hier ein stattlicher Gasthof seit vielen Jahren etablirt , vor welchem die Reisenden lieber anhalten und die Gränzwächter ihre Untersuchungen und Abschätzungen in aller Ruhe machen lassen , als vor dem Zollhause , hinter der vorgezogenen Kette , stundenlang unangenehme Dinge zu hören . « Als Curd seine Kalesche dort stehen ließ , erzählte Philipp weiter , und dem Wirthshause zuging , sah dieser einen schönen , großen Mann in demselben Augenblick langsam auf sie zukommen . Er grüßte , ohne daß mein Sohn , der in Gedanken vor sich niedersah , darauf achtete . Philipp machte es ihm bemerklich . Curd blickte auf . » Ach ! da ist er schon , « rief er . Das Blut stieg ihm dabei ins Gesicht und die Augen blitzten . » Höre , « flüsterte er seinem Begleiter zu , indem er die Schritte beeilte , » ich habe mit dem Herrn ein Wort zu sprechen . Du verstehst mich . Ich habe ihn hierher bestellt . Kommt es zu etwas , endet es auf eine oder die andere Art schlimm , so nimm hier meine Brieftasche , und reise so geschwind du kannst zu meiner Mutter zurück , damit kein voreiliges Gerücht sie erschrecke . « Der gute Junge , Elischen ! wie er doch immer zuerst an mich denkt . Mich schauderte bei der Erzählung , und doch mußte ich vor Freuden weinen . Aber , höre nur weiter ! Philipp sah nun , wie Beide in das Haus , die Treppe hinauf und oben in ein Zimmer gingen , das sie hinter sich abschlossen . Der arme Mensch hatte keine Ruhe . Er schlich langsam hinterdrein . In dem Coridor , rechts , waren beide verschwunden . Er ließ die Nummer der Thür nicht aus den Augen . Horchen wollte er nicht , doch ohngefähr beobachten , was drinnen vorging . Er hielt also Wache , und lehnte mit dem Rücken gegen die Wand , so daß er das Schloß der Thür im Auge behielt , während er mehr dem nächstanstoßenden Zimmer zugewendet schien . Erst sprachen die Beiden wenig und ganz leise . Philipp hörte sogar ein Paar Mal lachen , aber es war nur Einer , der lachte . Nach und nach hoben sich denn die Stimmen . Es ging Jemand in gemessenen Schritten quer durch das Zimmer , und zählte dabei laut . Dann ward einen Augenblick alles ganz stille . Nun rief eine Stimme im Nebenzimmer so weich , so zärtlich und so verzweiflungsvoll : » Mein Gott ! Mein Gott ! « daß Philipp einen Schritt zurücktrat . Doch kaum waren die Worte halb weinend , halb schreiend ausgestoßen , so fiel etwas , als wenn Jemand mit einem Stuhl umschlägt , und eine andere Stimme stieß in fremder Sprache laute und ängstliche Töne aus . Schneller , wie der überraschte Amtsschreiber es fassen konnte , flog die Thür neben ihm auf , der fremde Herr und mein Sohn stürzten heraus , rissen das Nebenzimmer mit Gewalt auf , ob es gleich verschlossen war , und wie ein Blitz auf ein ohnmächtig daliegendes Frauenzimmer zufahrend , das blasser wie der Tod am Boden ausgestreckt lag , sank der Unbekannte mit einem fürchterlichen Schrei zur Erde , und Curd , beide Hände über den Kopf zusammen schlagend , rief ebenfalls ganz außer sich : » Herr Gott ! das ist entsetzlich . « Was weiter vorging , wer das Frauenzimmer war , von dem allen weiß der Amtsschreiber nichts , denn mein Sohn gewann hinreichend Besinnung , um die Thür aufs neue fest von Innen zu verriegeln . Niemand kam heraus . Ueber zwei Stunden währte das so . Philipp , der nun nichts mehr für seinen Herrn fürchtete , ging ab und zu . Oft war es ihm , als würde drinnen viel geweint . Eine sehr sanfte Stimme sprach ein paarmal lange , doch immer so leise , daß kein Wort zu verstehen war . Den Ton , sagte mir Philipp , würde er in seinem Leben nicht vergessen . Er wäre ihm so ans Herz gegangen , daß ihm die Thränen aus den Augen stürzten . Schon ganz tief in der Nacht kam endlich mein Sohn herunter , bestellte , daß Alles zur Abreise fertig sein sollte , ging dann wieder hinauf , kehrte alsdann an des Fremden Arm zurück , bestieg mit diesem die Postchaise ; sie fuhren und fuhren bis hierher , ohne daß ihr Reisegefährte ein Wort sprach , außer ein einzigesmal sagte er halblaut : » eine Nonne ! « Er schüttelte den Kopf , und sank dann mit geschlossenen Augen ganz zusammen , als wolle er Alles verschlafen . Nun sage mir um Gottes Willen , Kind ! was ist das ? Ich kann nicht klug daraus werden , und wenn ich mir den Kopf zerbreche . Hast Du denn eine Ahndung , wer die Person sein kann , aus der sie solch ' Geheimniß machen , als gälte es des Reiches Wohlfahrt ? Gieb nur Acht , es wird nichts sein , als ein dummer Roman , der ihnen die Köpfe verrückt . Das ist jetzt Mode . Ich beklage Dich , armes Kind ! Du mußt es entgelten . Hättest Du den Curd geheirathet , wie anders stände es mit Dir ! Hugo an Heinrich Emma lebt ! Ich habe sie gesehen , gesprochen ! Faßt Du es , Heinrich ? Ich nicht ! » Mein Gott ! mein Gott ! « rief sie , mit einem Tone - ! Was das für ein Ton war ! Engel mögen so flötend klagen über das Elend der Menschen ! Elend - ja wohl ! Nun bin ich es ganz . Heinrich ! wie sie so am