nicht zu bemerken wagt ! ... Wenn sie nur wüßte , wie schauderhaft ihr das blaue Reitkleid zu dem gelben Gesicht steht ! Bah , sie hat nie Geschmack gehabt ! ... Und in dem gräßlichen Reitkostüm steckt sie Tag für Tag – es sieht verwettert aus wie ein alter Kommißrock . ... Aber das ist jetzt so ihre Marotte – sie spielt sich auf die Einfache . Mein Gott , warum nur ? Die alten Stoffe werden abgetragen bis auf den letzten Faden , und die Jungfer jammert , daß längst alle Schmucksachen , bis auf den kleinsten Manschettenknopf , weggeschlossen sind – lächerlich ! ... Drüben war sie , wie alle diese protzigen Baumwollenprinzessinnen , stets aufgeputzt wie ein Schlittenpferd – die Augen taten einem weh vor lauter Brillantengeflunker ... Will sie hier vielleicht auch Nonne werden , wie diese schreckliche Baronin Schilling ? « Die Majorin ging , ohne ein Wort der Erwiderung , behenden Schrittes die Terrasse entlang und stieg die breiten Mittelstufen hinab , den Heranreitenden entgegen . Sie zog einen Brief aus der Tasche und schwenkte ihn in der Luft . Donna Mercedes trieb sofort mit einem leichten Gertenschlag ihren schönen Fuchs an und flog den anderen weit voraus . Eine tiefe Glut bedeckte ihr Gesicht , während sie hastig nach dem Briefe griff und das Kuvert aufriß . Sie überflog die ersten Zeilen , dann bückte sie sich tief zu der Majorin herab und flüsterte mit vor Bewegung fast erstickter Stimme : » Baron Schilling kommt heute abend aus Frankreich zurück ! « Unwillkürlich griff sie nach der Hand der alten Frau und hielt sie mit aufstrahlenden Augen und einem vielsagenden Druck einen Augenblick fest ; dann steckte sie den Brief zu sich , wendete ihr Pferd , und mit einem freundlichen Gruß nach der mürrisch dreinschauenden kleinen Frau hinauf jagte sie auf dem nächsten , durch den Wald führenden Weg der Stadt zu . 41. Der kluge Fuchs trug seine Reiterin die Straße entlang , am Bahnhof vorüber , trabte da durch eine belebte Straße , dort über einen stillen Domplatz und bog schließlich in die öde , zum Teil von Gartenmauern gebildete lange Gasse ein , in der eine wohlbekannte Mauertür mündete ... Er machte fast täglich diesen Weg und wieherte stets freudig beim Einlenken in den Garten des Schillingshofes ; denn er wußte , daß er da drinnen als Liebling gehegt und gepflegt wurde . Die Tür stand , wie immer um diese Stunde , wo Donna Mercedes zu kommen pflegte , weit und gastlich offen . Mit stürmisch pochendem Herzen ritt die junge Dame in das grüne Fichtendämmern hinein – heute noch einmal war sie , wie die langen drei Jahre her , mutterseelenallein im Atelier und Garten , dann – – – Der Stallbursche kam durch die Platanenallee gelaufen , um ihr vom Pferde zu helfen . Sein Gesicht strahlte , und nur mit Mühe verbarg er ein pfiffiges Schmunzeln . » Ah – Sie wissen schon ? « sagte Donna Mercedes , als sie neben ihm auf dem Boden stand . » Jawohl , gnädige Frau , « versetzte er ehrerbietig . » Alles im Schillingshof ist rein närrisch vor Freude , weil nun endlich die langweilige Wartezeit überstanden ist . Solch ein herrenloses Haus ist schrecklich . « Er führte den Fuchs nach dem Stall , und Donna Mercedes blieb einen Augenblick auf dem Kiesplatz vor dem Atelier stehen und übersah den Garten , soweit sie vermochte ... Ob er wohl zufrieden war mit ihrem Schalten und Walten ? – – Dort , auf dem Klostergut , wo früher die hinfälligen , dohlenumschwärmten Giebel , die zerbröckelnden Wände der Hintergebäude in häßlicher Verkommenheit über die Obstbaumwipfel geguckt , erhoben sich jetzt schöne neue Schieferdächer . Aber sie waren um ein beträchtliches Stück vom Säulenhause weggerückt – es gab keine gemeinsame Wand mehr zwischen Schillingshof und Klostergut , die einen spukhaften » Mäuseweg « gestattet hätte . Die Majorin hatte bei Verkauf des Klostergutes die Bedingung gestellt , daß der neue Besitzer sein Wohnhaus weit ab aufbauen müsse , und dafür den Kaufpreis um ein bedeutendes ermäßigt – nur so kam die Schmach , die der letzte Wolfram auf sein altes , ehrenfestes Geschlecht geladen hatte , allmählich in Vergessenheit . Der nunmehrige Besitzer hatte sich auch herbeigelassen , Baron Schilling einen breiten Streifen des freigewordenen Landes abzutreten . Damit fiel auch die hohe , verdüsternde Mauer , die einst die plebejischen Tuchweber von den Ritterlichen streng geschieden , und machte einem niederen , hübschen , dem Eindruck des Säulenhauses entsprechenden Gemäuer Platz , an dessen Fuß nunmehr die jungen Äste feinen Spalierobstes emporkletterten . Das herrliche italienische Haus reckte sich , nun auf allen Seiten von Luft und Licht umspielt , noch einmal so imposant in den blaßblauen deutschen Himmel . Im großen , hinter dem Säulenhause liegenden Garten aber schloß sich an die Mauer ein luftiges , helles Staket , das die beiden Grundstücke wohl trennte , aber nicht wie der ungeschlachte , struppige Zaun wüst und entstellend in die Anlagen hineinragte . Alle diese Neuerungen hatte Donna Mercedes überwacht und geleitet . Baron Schilling hatte ihr brieflich seine Ideen und Absichten mitgeteilt , und sie war denselben möglichst treu und pünktlich nachgekommen ... Langsam , mit kritisch musterndem Blick schritt sie jetzt auf dem Wiesenweg , der direkt nach dem Säulenhause lief . Sie hatte die Reitschleppe um den Arm geschlungen und das Hütchen mit der weißen wallenden Feder schützend in die Stirn gerückt . Wohl war das Mädchengesicht auf der Elfenbeinplatte , das einst ein zärtlich stolzer Vater über das Meer geschickt , damit es sich deutsche Herzen erobere , von hinreißender Schönheit gewesen ; auch die Frau , die vor drei Jahren in Trauergewändern den Schillingshof betreten , hatte die Augen geblendet durch ihre undinenhafte Erscheinung ; allein ihre herrischen Gebärden , ihr verschlossenes Wesen , der eisige Blick , den die großen gebieterischen Augen hochmütig über andere Mitgeschöpfe hingleiten ließen ,