! “ rief Frau Brigitte . „ Nicht doch — ich bin wohl — geh nur , geh , ich bitte Dich . “ Sie gehorchte , so schwer es ihr wurde . Sie war es so gewöhnt . Als sie hinunter kam , mußte sie weinen , sie wußte selbst nicht warum . Sie trug den Kaffee auf . Sie lauschte pochenden Herzens auf Leonhardts Schritt . Eine Ewigkeit von zwanzig Minuten verging — endlich hörte sie ihn die Treppe herabkommen , langsam , unsicher , schleppend . Ihr war es , als stiege ein schweres Unglück zu ihr nieder . Wie sonderbar . Er tastete an der Tür , bevor er sie öffnete . Er mußte recht krank sein . Sie lief ihm entgegen — doch sein Anblick beruhigte sie . Er war sehr bleich , aber sein Ausdruck wieder friedlich und freundlich wie immer . Er legte seine Hand auf ihren Arm : „ So , Mütterchen , nun wollen wir frühstücken , Du hast gewiß auf mich gewartet ! “ „ Freilich , freilich , “ nickte Brigitte und führte ihn zum Tisch . „ Hast Du denn Appetit , ist es Dir besser ? “ „ Ja , meine liebe Frau , schenke mir ein und bediene mich ein wenig . Ich bin noch etwas matt . “ „ Gewiß , gewiß , “ die alte Frau goß ihm den Kaffee ein . „ Hier ist die Milch . “ Sie stellte die Kanne neben die Tasse . Vorsichtig griff Herr Leonhardt danach und umspannte mit der Hand den Rand der Tasse , um nicht daneben zu gießen , dennoch schüttete er sich die heiße Milch über die Finger . Aber er sagte nichts und wischte sie ganz heimlich ab . Dann führte er das Getränk langsam zum Munde . Sie legte ihm auch ein Brötchen hin . Er brach etwas davon und aß , aber er brauchte Zeit , bis er den Bissen hinunterschluckte , die zahnlosen Kiefern kauten mühsamer denn je . „ Schmeckt es Dir nicht ? “ fragte Brigitte . „ Doch , doch — trink Du nur — trink Du nur ! “ Und er horchte , ob sie es tat . Als sie den Kaffee geschlürft hatte und das Schälchen wegsetzte , stellte auch er das seine hin , nachdem er vorher behutsam mit der Hand den Tisch gesucht . Die Frau sah ihm bedenklich zu : „ Höre , Alter — mich dünkt , Deine Augen sind heute wieder schlechter ! “ „ Ich glaube es auch , “ erwiderte er gelassen . „ Hast Du gefrühstückt , liebe Frau ? “ „ Ja wohl , ich bin fertig . “ „ Nun so komm — und setze Dich zu mir her auf die Bank — ich möchte etwas mit Dir reden — bist Du da ? So ! Gib mir Deine Hand und höre mir recht ruhig zu . “ Die Schulmeisterin sah ihn beklommen an , sie konnte sich nicht erklären , was ihr das Herz so plötzlich zusammenpreßte , daß ihr der Atem verging . Herr Leonhardt streichelte ihre Hand und sprach freundlich wie zu einem Kinde : „ Du hast mir in den achtzehn Jahren , die wir auf einander warten mußten und in den dreißig Jahren unserer Ehe keine trübe Stunde bereitet und auch ich habe Dir an Unangenehmem wohl fern gehalten , was ich irgend konnte . Du hast standhaft jedes gemeinsame Unglück getragen , hast unsere ersten Kinder mit mir begraben und mich getröstet , wenn die Verzweiflung mich übermannte . Diese Kraft bewahre Dir auch jetzt ! Ich muß Dir einen großen Schmerz bereiten , ich kann ihn Dir nicht ersparen . So erspare Du mir wie immer den Schmerz , Dich verzagen zu sehen . Versprich es mir ! “ „ Um Gotteswillen , Mann , rede — ich verspreche Dir ja Alles , Alles ! “ „ Schau , liebe Frau , was wir schon lange befürchten mußten , ist jetzt endlich eingetroffen — „ er zog ihre Hände näher zu sich . „ Als ich heute Früh erwachte , wurde es nicht mehr Tag für mich ! “ — Ein dumpfer unterdrückter Jammerton erscholl auf diese Worte — dann war es still , die Hände der alten Frau entglitten ihm — er griff um sich , aber er fand sie nicht mehr neben sich . Sie war von der Bank herabgesunken und hatte das Gesicht in die Arme verborgen , damit er sie nicht wimmern höre . „ Mutter , wo bist Du ? “ fragte er nach einer kleinen Weile . Die alte Frau umschlang seine Knie und drückte das tränenfeuchte Antlitz darauf : „ O Du armer guter Mann — blind ! Allmächtiger Gott — die armen , lieben Augen ! “ Und mit diesem Weheruf brach auch der ganze , mühsam zurückgehaltene Schmerz hervor und laut schluchzend wand sie sich zu seinen Füßen . Herr Leonhardt zog sie sanft empor , ihr Kopf ruhte auf seiner Schulter , er wartete still , bis der erste Ausbruch vorüber ging . Auch er hatte diesen Morgen Augenblicke gehabt , wo ihn Niemand sehen durfte als Gott — er konnte von dem schwachen Weibe nicht mehr verlangen , als er selbst über sich vermocht . — Endlich sagte er leise und innig : „ Mütterchen , Du hast Alles für mich getan , was ein Weib dem Gatten Gutes erweisen kann , — ich dachte immer , mehr sei gar nicht möglich ! Und dennoch will der liebe Gott in Deinen alten Tagen das Maß Deiner Aufopferung noch erhöhen und bürdet Dir Schwereres auf , als Du je gedacht . Er macht mich zum hilflosen Krüppel , nimmt Dir die Stütze und fordert von Dir alten , müden Pilgerin , daß Du dem Manne noch auf dem Weg zum Grabe Stütze seist . Das ist wohl hart — aber , liebe Brigitte — wenn der Herr ruft