er vielleicht sein sollte . Das Leben im Hause war von einer rührenden Einfachheit , für die wir heute Sinn und Verständnis verloren haben . Erst im Alter kommt man wieder dahinter , » daß das eigentlich das Wahre sei « . Die Töchter hatten die Wirtschaft zu führen und morgens um vier mit dem Melken zu beginnen . Ein Übelstand war es , daß die junge Männerwelt mit einer Art Geflissentlichkeit von Trieplatz ferngehalten wurde , weil der alte Rohr seine Töchter für sich behalten wollte . Das ging so weit , daß , als einer der Gutsnachbarn , ein reicher adliger Herr , um Mathilden anhielt , dieser Antrag vor ihr verschwiegen und ihr erst viele Jahre später zur Kenntnis gebracht wurde . Sie hätte ihn übrigens doch nicht genommen , denn so reich er war , so moralisch fragwürdig war er , ein Punkt , in dem Mathilde von Jugend auf sehr diffizil war . Alles , um es noch einmal zu sagen , trug den Stempel höchster Einfachheit , trotzdem hatte das Leben einen großen Reiz , so groß , daß Frau von Romberg , eine geborene Gräfin Dönhoff , die zu jener Zeit als junge Gutsherrin auf dem benachbarten Brunn lebte , mir noch nach fünfzig Jahren schreiben konnte : » Trieplatz war damals ein Idyll ohnegleichen und ich kann Ihnen nicht aussprechen , wie uns jedesmal ums Herz war , wenn ich mit meinem Manne vorfuhr und die schönen jungen Mädchen in ihren einfachen Hauskleidern , aber alle wie aus dem Ei gepellt , auf uns zukamen , aus Stall und Küche , vom Butterfaß und von der Bleiche . Zuletzt erschien dann auch der stattliche Vater vom Felde her , wo er die Aufsicht geführt , das weiße Haar im Winde um die hohe Stirn fliegend und die schönen tiefblauen Augen unter den buschigen Brauen von Freundlichkeit leuchtend . Es war alles reizend in seiner Patriarchalität und Gastlichkeit und ich kann Ihnen nicht sagen , wie tief sich mir diese Bilder eingeprägt haben . Dabei der alte Rohr ganz Ritter und Offizier und ein Bild schöner Menschenwürde . « 1832 starb der Vater , Trieplatz wurde verpachtet und die Mutter zog mit den Töchtern nach Berlin . Das Haus des der Trieplatzer Familie nahe verwandten Generals von Rohr , damals ein Sammelpunkt der Berliner Gesellschaft , vermittelte Beziehungen und sehr angenehme Tage brachen an . Aber Mathilde trat nicht sonderlich hervor , was darin liegen mochte , daß einige der ältern Schwestern ihr an Klugheit überlegen waren , eine jüngere an Schönheit . Sie kam erst zur Geltung , als sie bei Gelegenheit eines Besuchs in Künkendorf , einem in der Uckermark gelegenen Rohrschen Gute , mit dem alten Bischof Roß bekannt wurde . Dieser , im gesegneten Besitz einer liebenswürdigen , bis ins Greisenalter hinein ihm treu bleibenden Kindernatur , erkannte sofort die besonderen Gaben , die sich in der bis dahin wenig beachteten Mädchenseele bargen , und lud das junge Fräulein in sein Haus , eine Einladung , der sie Folge gab . In diesem Bischof Roßschen Hause schloß sie sich alsbald an die durch Klugheit und pikantesten Esprit ausgezeichnete Enkelin des Bischofs an , an Lina Tendering , später Frau Lina Duncker , der sie durch alle Zeit hin , auch die Lassalle-Zeit nicht ausgenommen , eine treue Freundschaft bewahrte . Es war um die Wende der dreißiger und vierziger Jahre , daß diese Beziehungen angeknüpft wurden ; dieselben erweiterten sich später innerhalb der hauptstädtischen Gesellschaft und erhielten ihren Höhepunkt , als die vorerwähnte Frau von Romberg von ihrem Gute Brunn nach Berlin zog , um hier in Gemeinschaft mit ihrer älteren Schwester , der Gräfin Schwerin , das alte Dönhoffsche , später Stolbergsche , Palais in der Wilhelmstraße 63 zu bewohnen . Seitens dieser Dame ( Frau von Romberg ) , die die Trieplatzer Tage nicht vergessen hatte , wurde das junge Fräulein wie vordem durch Entgegenkommen und Freundschaft ausgezeichnet und sehr bald auch bei der Gräfin Schwerin eingeführt , in deren » blauem Salon « sich ein gut Teil der damaligen ersten Berliner Gesellschaft versammelte . Herren und Damen nahe verwandter , namentlich ostpreußischer und pommersch-uckermärkischer Familien bildeten den Stamm , zu denen sich hervorragende Personen aus Kunst und Wissenschaft gesellten , darunter Maler wie Hopfgarten , Henning , Kretzschmer . Unter den Gelehrten stand der blinde Professor Müller obenan , ein kluger , in literarischen Dingen versierter , zugleich etwas spitzer Herr , der mit seiner » Ironie « , einer Blume , die damals noch blühte , den Rest der Gesellschaft mehr oder weniger intimidierte . Nur als sich Graf Fritz Eulenburg , der spätere Minister des Innern , in den Salon einführte , war es mit dieser Herrschaft vorbei . Graf Eulenburgs Sarkasmus war doch noch stärker als die Müllersche Ironie . Neben dem Grafen Eulenburg würde sicherlich auch noch ein anderes Mitglied des Kreises , sowohl seinem Charakter wie namentlich seinem Talente nach , die Kraft zur gesellschaftlichen Emanzipation von dem ironischen Machthaber gehabt haben , wenn eben diesem Mitgliede nicht ein geradezu krankhafter Respekt vor » Wissenschaftlichkeit « innegewohnt hätte . Dieser ganz ohne Not sich Unterordnende war Bernhard von Lepel , junger Offizier im Regiment Kaiser Franz der um seiner eben damals erschienenen » Lieder aus Rom « willen ebenso schnell der Protegé der Dönhoffschen Schwestern wie ganz im besonderen der intime Freund des Fräuleins Mathilde von Rohr wurde . Diese ganz auf literarischen Interessen aufgebaute , durch drei Jahrzehnte hin fortgeführte Freundschaft hatte schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit zur Folge , daß sich von dem großen Zirkel im Dönhoff-Schwerinschen Palais ein kleinerer Zirkel abzweigte , dem Mathilde von Rohr vorstand und in dem , unter Zurücktritt der Maler und Gelehrten , das Dichterelement in den Vordergrund trat . Ich weiß nicht , wie lange dieser abgezweigte Zirkel schon bestand , als mir eines Tages ein Brief zuging , in dem ich von dem Fräulein von Rohr aufgefordert wurde , » nächsten