- und dann konnten wir wieder mit gutem Gewissen glücklich sein . Da überschauten wir die Gewährleistungen unseres Glücks . In den acht Jahren unserer Ehe nicht ein hartes , nicht ein unfreundliches Wort - so viel mit einander durchgelitten und durchgenossen - so war unsere Liebe , unser Einssein derart befestigt , daß eine Abnahme nicht mehr zu fürchten war . Im Gegenteile : - nur stets inniger würden wir uns aneinander schließen - jedes neue gemeinschaftliche Erlebnis gäbe zugleich ein neues Band ab . Wenn wir erst ein paar weißhaarige alte Leutchen geworden - mit welcher Freude konnten wir da auf die ungetrübte Vergangenheit zurückblicken , welch ' goldig-milder Lebensabend lag dann noch vor uns ! ... Dieses Bild von dem glücklichen alten Pärchen , das wir einst abgeben sollten , hatte ich mir so oft und lebhaft vorgestellt , daß es sich mir ganz deutlich eingeprägt und sogar im Traum sich wiederholte , wie etwas wirklich Geschehenes . Mit verschiedenen Einzelheiten : Friedrich mit einem Sammtkäppchen und einer Gartenscheere ... ich weiß selber nicht warum , denn niemals hatte er Lust zur Gärtnerei gezeigt , und von einem Hauskäppchen war schon gar nie die Rede gewesen ; - ich mit einem sehr kokett gesteckten schwarzen Spitzentuche auf dem silberweißen Haar , und als Umgebung eine vor der untergehenden Sommersonne warm erleuchtete Parkpartie ; dazu lächelnd getauschte freundliche Blicke und Worte wie : » Weißt Du noch ? ... Erinnerst Du Dich , damals als - « Viele der vorangehenden Blätter habe ich mit Schaudern und mit Überwindung geschrieben . Nicht ohne inneres Entsetzen vermochte ich die Auftritte zu schildern , die ich auf meiner Fahrt nach Böhmen und während der Cholerawoche in Grumitz mitgemacht . Ich habe es gethan , um einer Pflichtmahnung zu gehorchen . Ein geliebter Mund hat mir einst den feierlichen Befehl erteilt : » Falls ich früher sterbe , mußt Du meine Aufgabe übernehmen , für das Friedenswerk zu wirken . « - Wäre mir dieses bindende Geheiß nicht geworden , nimmer hätte ich es über mich gebracht , die Schmerzenswunden meiner Erinnerungen so schonungslos aufzureißen . Jetzt bin ich aber bei einem Erlebnis angelangt , das ich berichten , nicht aber schildern will - nicht kann . Nein ich kann nicht , kann nicht ! Ich habe es versucht : zehn halbbeschriebene , zerrissene Blätter liegen auf dem Boden neben meinem Schreibtisch - ein Herzkrampf befiel mich - die Gedanken stockten oder kreisten wild in meinem Hirn - - ich mußte die Feder wegwerfen und weinen , bitter , heftig , kläglich weinen , wie ein Kind . Jetzt , einige Stunden später , nehme ich meine Aufgabe wieder vor . Aber auf die Beschreibung der Einzelheiten nachstehenden Geschehnisses , auf Mitteilung dessen , was ich dabei empfunden - muß ich verzichten . Die Thatsache genügt : Friedrich - mein Einziger ! - ward - infolge eines bei ihm gefundenen berliner Briefes der Spionage verdächtigt ... von einer fanatischen Rotte umringt » à mort - à mort le Prussien ! « - vor ein Patriotentribunal geschleppt - - am 1. Februar 1871 - - - - - - - - standrechtlich erschossen . Epilog 1889 Als ich zum erstenmale wieder zu Bewußtsein gelangte , war der Friede geschlossen - die Kommune überstanden . Monatelang hatte ich - von meiner treuen Frau Anna gepflegt - in einer Krankheit dahingelebt , ohne zu wissen , daß ich lebe . Und was es für eine Krankheit war - ich weiß es heute noch nicht . Meine Umgebung nannte es zartsinnig : Typhus ; ich glaube aber , daß es einfach - Wahnsinn war . So ganz dunkel erinnerte ich mich , daß die letzte Zeit mit Vorstellungen von knatternden Schüssen und lodernden Bränden gefüllt war ; vermutlich vermengte sich da mit meinen Phantasien die in meiner Gegenwart besprochenen Ereignisse der Wirklichkeit , nämlich die Kämpfe zwischen Versaillern und Kommunarden , die Brandlegungen der Petroleusen . - Daß - als ich meine Vernunft wieder erlangte und mit dieser auch das Verständnis meines tiefen Unglücks : daß ich da mir kein Leid angethan oder daß der Schmerz mich nicht tötete , das lag wohl an dem Besitze meiner Kinder . Durch diese konnte , für diese mußte ich leben . Noch vor meiner Krankheit - an dem Tage selber , an dem das schreckliche über mich hereingebrochen - hat mich Rudolf am Leben erhalten . Ich war laut jammernd auf die Knie gesunken , indem ich wiederholte : » Sterben - sterben ! ... Ich muß sterben ! « Da umfaßten mich zwei Arme und ein bittendes , schmerzhaft-ernstes , wunderliebes Knabengesicht sah mich an : » Mutter ! « Bis dahin hatte mich mein Kleiner nie anders als » Mama « genannt . Daß er in diesem Augenblick - zum erstenmale - das Wort » Mutter gebraucht , das sagte mir in zwei Silben : Du bist nicht allein - du hast einen Sohn , der deinen Schmerz teilt - der dich über alles liebt und ehrt , der Niemand hat auf dieser Welt , als dich - verlaß dein Kind nicht , Mutter ! « Ich preßte das teure Wesen an mein Herz ; - und ihm zu zeigen , daß ich verstanden hatte , stammelte auch ich : » Mein Sohn , mein Sohn ! « Zugleich erinnerte ich mich meines Mädchens - seines Mädchens , und mein Entschluß , zu leben , war gefaßt . Aber der Schmerz war zu unerträglich : ich verfiel in geistige Nacht . Und nicht nur dieses eine mal . Im Lauf der Jahre - in immer längeren Zwischenräumen - blieb ich Rückfällen von Tiefsinn unterworfen , von welchen mir dann in genesenem Zustande gar keine Erinnerung blieb . Jetzt , seit mehreren Jahren , bin ich schon ganz frei davon . Frei von der bewußtlosen Schwermut heißt das , nicht aber von bewußten Anfällen bittersten Seelenschmerzes . Achtzehn Jahre sind seit dem 1. Februar 1871 vergangen ,