tiefgekränkt jeden Morgen erwachte . Zehntes Buch . I. Der große Saal des Architektenhauses füllte sich bis auf den letzten Platz , um die angekündigte Vorlesung Friedrich Leonhardts » zum Besten des Unterstützungsfonds der Berliner Presse « zu genießen . Schon aus Neugierde , wegen des vorlockenden Titels . Sämmtliche litterarische und persönliche Feinde des Dichters ( sie belegten schon allein die Hälfte der Plätze ) erschienen vollzählig und marschirten gleichsam in Gala auf . Man bemerkte den Doktor Drechsel-Caballo , der heute seinen Spitznamen » Richard Löwenmähne « ( nicht : Löwenherz ) durch wüthendes Schütteln seiner olympischen Locken bethätigte , und die Nachstotterer der » Tagesstimme « , wie sie eifrig Contra-Stimmung machten . Leonhart trat auf . Er war sehr bleich und der Frack stand ihm schlecht . Er begann mit etwas belegter Stimme , die sich aber allmählich zu sonorem Dröhnen steigerte . Größenwahn des Militarismus und der Schulmeisterei . Nicht gegen den Offizierstand wende ich mich , sondern nur gegen die Ueberhebung desselben und vor allem gegen eine Anschauung , welche den Krieg als naturnothwendiges Ideal der sittlichen Weltordnung und den Kriegerstand daher gleichsam als eine geweihte Priesterschaft der Weltgeschichtsentwicklung feiert . Wenn z.B. Herr v.d. Goltz-Pascha in seiner bekannten Schrift den Offizier nur mit dem » Dichter und Künstler « vergleichen will , so übersteigt diese Selbstvergötterung eben das zulässige Maß . In letzter Zeit sind nun Brochüren erschienen , welche den » Kriegsgedanken und die Volkserziehung « behandeln . Wir verhehlen nicht , daß wir sie mit einer gewissen , steigenden Entrüstung gelesen haben . Der Größenwahn des Militarismus entpuppt sich hier wieder einmal mit erschreckender Offenheit . Es ist ja an sich ganz löblich , wenn man seinen speziellen Beruf am höchsten stellt . Ludwig Feuerbach sagt in seiner » Philosophie des Christenthums « sogar irgendwo , daß diese Einseitigkeit ein nothwendiges Erforderniß des menschlichen Denkvermögens sei . Am höchsten stehen daher diejenigen Geistesrichtungen , welche die umfassendsten und wenigst einseitigen ihrem Wesen nach sein müssen : Poesie und Philosophie . Wenn sich denselben technische Künste , Musik , Malerei u.s.w. ebenbürtig zur Seite stellen möchten , so bleibt dieser harmlose Größenwahn ohne schädliche Folgen und gleichsam in der Familie , obgleich er die in Deutschland grassirende Ehrfurchtslosigkeit vor der Dichtung natürlich verstärken hilft . Aehnlich steht es mit der Ueberhebung der exakten Naturwissenschaften . Jedoch dies sind alles nur theoretische Fragen , die wenig ins praktische Leben einschneiden . Anders aber liegt der Fall , wenn ein bestimmter Stand mit dünkelhaftem Kastengeist sich über alle andern erheben will , wie dies ein altes Vorrecht des Kriegerstandes ist . So lange die Welt im Alterthum und Mittelalter wesentlich auf dem Kriegszustande fußte , mochte dies angehen . Heut aber in der neuesten Zeit darf dies natürlich auf die Dauer nur dann möglich beiben , wenn es gelingt , die Soldateska mit einem Schleier des Idealismus zu umweben und sie auch geistig als führendes Element hinzustellen . Dies ist denn auch der Zweck der vorliegenden Schrift . Der Dichterknabe Chatterton hat das berüchtigte Wort gesprochen , daß er den Intellekt eines Mannes gering achte , der nicht zugleich von zwei entgegengesetzten Seiten her ein Thema behandeln könne . So wollen wir denn wahrlich nicht mit den einseitigen Sophismen ins Gericht gehen , mit denen man einer an sich möglichst unidealen Thatsache die idealsten Seiten abzugewinnen sucht . Man beginnt dabei mit Ausfällen gegen die Schwärmereien der Friedensliga von einem » ewigen Frieden « . Es ist stets das sicherste Mittel , das denkfaule Philisterthum für sich einzunehmen , wenn man die Gegner als unpraktische Idealisten hinstellt . Nun sind aber alle ideal schöpferischen Geister stets eminent positiv angelegt , wie denn z.B. zu einem großen Dichter der durchdringendste , schärfste Verstand und realistische Weltkenntniß gehören . Vermöge dieser überlegenen Verstandeskräfte sind solche wahren » Idealisten « daher befähigt , die komische Ideologie der Utilitarier , den Fanatismus der Materialisten , zu durchschauen . So sagt Goethe das treffende Wort über den großen Anti-Ideologen Napoleon : » Er , der ganz in der Idee lebte , konnte sie doch im Bewußtsein nicht erfassen ; er leugnet alles Ideelle durchaus und spricht ihm jede Wirklichkeit ab , indessen er es eifrig zu verwirklichen trachtet . « Und wenn auch dieser Satz nicht auf unsre Militairpropheten paßt , so werden wir doch daran erinnert , wenn sie umgekehrt die spaßhafte Absicht verrathen , dem Roh-Realistischen das Ideelle unterzuschieben . Zuvörderst stellen all diese Gesinnungsgenossen die Theorie vom » ewigen Krieg « auf , die sich angeblich auf Darwins » Kampf ums Dasein « stützen soll . Nun ist es keine Frage , daß in den Urzeiten der sogenannte » Kampf ums Dasein « mit dem Kriegszustand identisch war . Gleichwohl wurde derselbe bereits in jenen barbarischen Epochen als ein schweres Uebel angesehen und die Söhne Kains spielen neben den friedlichen Nachkommen Seths durchaus keine gefeierte Rolle . Die gesammte Kulturentwicklung läuft aber einfach darauf hinaus , den Kampf ums Dasein zu mildern und vor allem aus dem Bereich der rohen Gewalt zu rücken . Die Geschichte der Civilisation ist einfach die Geschichte der zunehmenden Waffenabschaffung . Sogar im Kriege selbst ist die roheste Form des Kampfes , das Handgemenge , wo persönliche Stärke entscheidet , fast auf den Aussterbeetat gesetzt . Wie wenig man übrigens selbst in der Urzeit das Waffenhandwerk als etwas allgemein Gültiges betrachtete , geht hervor aus dem Bestehen der abgeschlossenen Kriegerkasten . Ein Ueberbleibsel derselben scheint es , wenn bis ins vorige Jahrhundert der Mann aus den besseren Ständen den Degen an der Seite trug . Seit hundert Jahren ist auch dieser schwache symbolische Ueberrest verschwunden . Wenn nun die Milderung des » Kampfes ums Dasein « Hauptziel aller Kulturbestrebungen ist und wenn eine solche Milderung in fortschreitender Progression in der That ersichtlich wird , so scheint die Möglichkeit eines » ewigen Friedens « nicht absolut ausgeschlossen , da die roheste Form des Daseinkampfes , der Krieg , auch am leichtesten zu