als sie über die rauschende Isar schritten , » sag ' mir einmal , was Du von der Kunststadt München hältst ? Du hast sie nun wohl genügend studiert . Mir ist hier alles neu . « Dabei suchte Bonzhaf senior seinen Sohn auf eine Bank in einer Ausbiegung der Maximiliansbrücke zu ziehen , denn der Alte war nicht mehr gut zu Fuß und wollte die Frage und deren umständliche Beantwortung als geschickten Vorwand für längere Rast ausnützen . » Kunststadt ? Bierstadt willst Du sagen ! « » Meinetwegen Bierstadt . Nun mal los ! « » Aber das ist lang und macht unerträglich durstig . « » Schadet nicht ; das Hofbräu wird uns dann um so besser munden . Setz ' Dich ! « » Gut , « dachte Bonzhaf junior , » so will ich dem maroden Alten ein Loch in den Bauch reden - Strafe muß sein . « Dann setzte er sich und hob an , während Bonzhaf senior gemächlich eine Zigarre in Brand setzte : » München ist die erste Bierfestung der Welt . Ganz im Mittelpunkt ragt die klassische Gambrinus-Zitadelle aus urbayuwarischer Zeit : das königliche Hofbräuhaus . Rings um die Stadt legt sich wie ein undurchbrechbarer Ring der Wall der Bierkellerbauten mit vielen trutzigen Vorwerken und Sperrforts nach allen Himmelsgegenden . Auf welchen Straßen , Land- , Wasser- und Schienenwegen der Fremdling auch nahen möge , er muß durch den Gürtel der Kellerburgen ; überall knallen ihm die Spundpfropfen , entgegen , kriegerische Biergesänge mit Banzenschlag und Deckelgeknatter umbrausen und betäuben ihn . Die Trommeln wirbeln , die Zinken schmettern , von uniformierten Militärkapellen wird der Sieg des alles bezwingenden Nationalgebräus von den hohen Kellerbasteien in die Welt hinausgeblasen . Gleich bei der Einfahrt in den Zentralbahnhof ragen rechts auf cyklopischem Gemäuer die mächtigen Kellerburgen der Spaten- , Pschorr- und Hackerbräuerei , flankiert von unzähligen , Tag und Nacht fürchterlich qualmenden , hohen , runden Feuertürmen , wahrend links auf natürlichem Hügel , gar traulich bewaldet , der Augustiner-und Kandlerkeller sich recken in der anspruchsloseren Form antiker Bierstadel . Naht der Fremdling auf der Nymphenburger Straße , so stößt er auf die wuchtigen Fortifikationen des Arzberger- und Löwenbräukellers , ausgeführt im reichsten Renaissancestil ; kommt er von der Rosenheimer Landstraße , so ist erst recht kein Entrinnen : da liegen links und rechts hart am Wege , der sich isarthalwärts zu einem förmlichen Engpasse gestaltet , der umfangreiche Zengerkeller ( jetzt bürgerliches Bräuhaus genannt , im Biedermannsstil ) , der Kuppelhallenbau des Münchener Kindls , der Eberl-und Sternecker - Keller , der alte Franziskaner- und Stubenvollkeller , an der abzweigenden Preysing- und Wienerstraße der Dürnbräu- und Metzgerkeller und gegenüber der Leistbräu- und der neue riesige Hofbräuhauskeller . Wer aber vorsichtig die großen Heerstraßen umgehen und sich zum Beispiel vom Bavariapark und der Theresienhöhe her in die Stadt , schleichen wollte , der würde plötzlich von einer ganzen Kellerflanke aufs Korn genommen : Bavaria- , Pollinger- , Hirschbräu- und andere Keller - wer nennt die Namen alle ? - kämpfen hier Schulter an Schulter . Nicht weniger kellerbefestigt ist der Flußlauf der Isar , die nicht müde wird , die Wunder und Siege des berühmten Salvatorkellers zum Zacherl am Nockher-Berge , wo die mörderischsten Bockschlachten zur Zeit der Frühlingstag- und Nachtgleiche geschlagen werden , den Schwerhörigsten in die Ohren zu rauschen . Damit in früheren Zeiten der weniger biergelehrte Fremdllng wußte , wessen er sich von der Eigentümlichkeit der guten Stadt München zu versehen habe , erbauten die Ureinwohner die bis in die Wolken ragenden Doppeltürme der Frauenkirche in Gestalt von zwei kolossalen Maßkrügen , so da weithin über die bayerische Hochebene sichtbar , das fromme Wahrzeichen von München geblieben sind bis auf den heutigen Tag . Wessen Gehirnzentren aber nicht von der bierologischen Wissenschaft erleuchtet , wessen Augen und Ohren nicht durch den ungeheuren , auf ein Ziel zuwogenden , von Gesang und Musik und Anzapfungslärm empfangenen Menschenstrom der rechten Erkenntnisvermittlung fähig wären , der vermöchte schon durch sein Riechorgan die Nähe der verborgensten Keller und Bierkasematten erraten ; denn eine ungeheure Duftwolke von Malz und Hopfen , Rettig und Käse , Schinken und Knoblauchwurst , Kalbsbraten und Dünngeselchten mit Sauerkraut und Senf umhüllt in nie geahnter Stärke diese biergesegneten Orte . Hat sich aber ein Fremdling in den entlegeneren Gassen verirrt und strebt er sehnsüchtig ins Freie zu einer klassischen Gambrinuskultstätte , so darf er sich nur dem ersten besten Pilgerchor anschließen und sich vertrauensvoll fortziehen und drängen und treiben und stoßen lassen , schließlich wird er ganz unfehlbar an der rechten Stelle angeschwemmt . In Sälen , Hallen , Gärten , die oft über zweitausend Biergläubige fassen , wird auch er noch einen Platz und einen Maßkrug , etwas Schweinernes oder Kälbernes finden , um sich für alle Fährlichkeit und Drangsal des Weges zu entschädigen und seines wahren Münchener Lebens und Strebens froh zu werden . Amen . « » Brav , mein Junge , Gott hat Deine Münchener Studien gesegnet . Der Münchener ist aber nicht nur Bier- , er ist auch Kunststädter erster Ordnung . Sag ' mir auch über die Kunststadt Deinen Spruch ! « » Ach , die Kunst ist zu lang - und es mischt sich so viel Fabel und Dichtung hinein , daß man bei der herrschenden Hitze und Meinungsverschiedenheit nur im Schatten der Maßkrüge davon reden soll . Also laß uns erst Deckung suchen . Du kommst ja doch zur Königsfeier wieder , da kannst Du Dir aus der großen Künstlerparade mit ihrem Drum und Dran selbst Belehrung schöpfen . Ich glaube übrigens , daß in München mehr vorzügliche Biere gebraut , als vorzügliche Bilder gemalt werden und daß der Bierexport weit mehr Geld nach München bringt , als der Bilderexport . Die Industrie hat die Kunst überflügelt , was auch kein Unglück ist . « » Hör ' mal , « sagte der alte Bonzhaf , sich mühsam erhebend , » an diese Königsfeier glaub ich nicht . Wie soll sich