Doktor « - so nannten ihn andere - abermals lächelte ; die ausdrückliche Beteuerung mochte ihm wohl überflüssig erscheinen . Die Eingangsszene des zweiten Akts brachte Sender eine weitere Erklärung für die Länge des Zettels . Der Dorfbader , der den vom Schlag gerührten und darum zunächst unsichtbaren Lorenz behandelte , obwohl er für die Christen » Herr Mohrenheim « , für die Juden » Herr Kohn « hieß , war derselbe Stickler , der im ersten Akt den Lorenz gespielt . Für die Heiterkeit sorgte auch diesmal der unglückliche Können schon durch seinen Anblick , noch mehr durch die Hetzrede gegen die Juden . Nach einer Weile kam Stickler wieder als Lorenz , dann nach der Verwandlung die Kassierin als Judenweib , und Birk als Abraham ; er hatte sich nur einen weißen Bart umgebunden , der Talar war derselbe , den er als Pfarrer trug . Die Leute schwatzten , erst als Deborah wieder erschien und ihren Monolog über die Liebe sprach , wurde es still . » Stark wie der Tod ist Liebe « - Sender errötete bis ins Stirnhaar , wieder blickte sie ihn voll an . Auch diesmal folgte großer Beifall , aber den Vogel schoß doch der dumme Hritzko ab , der nun an Könnens Seite als Gerichtsdiener erschien . Er trug seine gewöhnliche Uniform , sogar der zerfetzte Strohhut mit dem Blechschild » Städtische Polizei « fehlte nicht . Alle klatschten wie besessen , und als sich Hritzko nun aber vernehmen ließ - er erwiderte auf Könnens Satz : » Gehen die Juden nicht gutwillig , so jagen wir sie fort ! « , in ruthenischer Sprache : » Ja , die Juden müssen fort ! « - wollte der Jubel kein Ende nehmen . Aber die nächste Szene , wo Birk-Abraham Können als Juden entlarvte , entfesselte fast gleiche Heiterkeit , » Kohn « jubelte es von allen Seiten , » da hast du ' s nun ! « Der Verhöhnte tat Sender leid ; aber daß er fast ebenso entsetzlich spielte , wie er aussah , mußte auch er sich sagen . Hingegen gefiel ihm Birk in dieser Szene , der ergreifendsten des sonst so hohlen Tendenzstücks , sehr . » Auch um den ist ' s schade « , dachte er . Dann wieder eine Verwandlung - das heißt , der Vorhang fiel , - das englische Königsschloß hing noch immer da - die Verweisung Deborahs durch Lorenz , ihre Szene mit Joseph . Abermals klatschte das Publikum , sie erschien diesmal , Hoheneichen an der Hand ; ihr Blick flammte Sender an , daß er seinen niederschlug . So blieb er auch sitzen , nachdem der Vorhang gefallen war . » Die Schamlose « , dachte er , » die Leute merken es gewiß . Was will sie von mir ? « Aber innerlich schmeichelte es ihm doch . Da hörte er hinter sich einen Offizier seinem Kameraden zuflüstern : » Du , Röder , hast dich mit der Schönau eingelassen ? Sie schaut dich immer so an . « Der andere lachte verlegen . » Was soll man in dem öden Nest anfangen ! « Sender wurde abwechselnd bleich und rot . Er wußte sich vor Scham nicht zu fassen . Und er hatte geglaubt , es gelte ihm ! Der erste Teil des dritten Akts , die Hochzeit Josephs mit Hanna , währte nur kurz , da die meisten Rollen durch Statisten dargestellte waren , hingegen wurde der Schluß , die Fluchtszene , vollinhaltlich gegeben . So entrüstet Sender über die Schönau war , er mußte sich sagen , daß sie ihre Sache gut mache , und als nach den kuriosen Schlußworten , die der Dichter seiner Heldin in den Mund legt : » Leb ' - elend ! Denke mein ! Auf Wiedersehn ! « der Beifall losbrach , stimmte er mit ein . Aber in diesen Beifall mischten sich nun auch Zischen und Widerspruch , die freilich nicht der Schauspielerin galten . » Das ist ja für die Juden ! « riefen einige , » Juden hinaus ! « worauf die Juden noch stärker applaudierten . Die Offiziere hörten erheitert zu , ohne sich in den Streit zu mischen , und als einer von ihnen rief : » Hoch Mosenthal , der jüdische Schiller ! « stimmten alle lachend ein . Nur Senders Nachbar zur Linken schien sich nicht zu beruhigen . » Juden hinaus ! « rief er immer wieder . Sender wandte sich heftig zu ihm , da legte ihm der Herr zur Rechten die Hand auf den Arm . » Ruhe ! « sagte er lächelnd . » Er geht ja gegen mich . Der Mann ist mein Kollege ... Advokat Doktor Tittinger « , stellte er sich dann vor . » Kurländer , vom Czernowitzer Stadttheater « , erwiderte Sender und fügte dann alter Gewohnheit gemäß bei : » Ein Barnower bin ich ! « Der Advokat war etwas erstaunt . » So , aus Barnow ? « sagte er dann höflich . » Da kommt ja jetzt endlich auch ein Advokat hin , der Doktor Bernhard Salmenfeld aus Czernowitz . Die Ernennung steht heute im Amtsblatt ... Kennen Sie ihn ? « fragte er , als er sah , wie durch Senders Antlitz ein Zucken ging . » Nein « , erwiderte dieser hastig . Die Nachricht kam ihm sehr überraschend , er hatte die Bemerkung in Bernhards Brief , daß dieser auch mit der Ernennung für Barnow zufrieden sein würde , für einen Scherz genommen . » Also wird Malke doch ihr Leben in Barnow verbringen « , dachte er . » Alles Gute mit ihr - aber es ist doch auch deswegen gut , daß ich fort bin . « Ihr Bild trat wieder klar vor ihn hin , es wurde ihm wehmütig ums Herz . » Die Schönau sieht ihr etwas ähnlich « , dachte er , » ja - aber wie eine Dirne einer Königin !