da es genau dieselben Jahre sind , die sie verlebt haben . So vertut der junge Künstler hier nicht die Zinsen von drei Jahrhunderten , wenn er das Brieflein verkauft , sondern nur den einfachen Betrag desselben ! « Das wußten die Männer freilich wohl ; weil aber jeder von ihnen auf seinem Hofe solche uralte unablösliche Schuldverpflichtungen hatte und sich selbst als den Bezahler aller der ewigen Zinsen betrachtete , so hielten sie die nehmende Hand der wechselnden Gläubiger für etwas ebenso Unsterbliches und legten dem betreffenden Instrumente einen geheimnisvoll höhern Wert bei , als ihm zukam . So fiel endlich das Wichtigkeitsgefühl der Verhandlung auch auf mich nieder und beengte mir den Sinn Ich sah mich als Gegenstand ernster Anrede und rechtlichen Verfahrens , leidend und verantwortlich zugleich , ohne daß ich etwas begangen hatte oder zu begehen willens war , nach meiner Ansicht , und strebte mit verdoppeltem Eifer , aus der unfreien Lage hinauszukommen . » Sie wissen den Teufel , was Freiheit heißt ! « singt der Student von den Philistern , nicht merkend , daß er selber erst auf dem Wege ist , es zu lernen . Zehntes Kapitel Der Schädel Das alte Pergament war nun an einen Sammler solcher Stücke mit einigem Vorteil verkauft worden und die Zeit gekommen , wo die Abreise wirklich vor der Türe stand . Am letzten Tage des Monats April , welcher auf den Sonnabend fiel , packte ich die mitzuführenden Habseligkeiten zusammen , was in unserer Wohnstube einen niegesehenen Auftritt gab und meine Mutter in Aufregung setzte . Eine große Mappe mit den zweifelhaften Früchten meiner bisherigen Tätigkeit lehnte schon in Wachstuch gewickelt an der Wand , zu einigem Troste wenigstens von bedeutendem Gewicht ; mitten im Gemache aber stand der geöffnete Koffer , eine kleine Arche von Tannenholz . Auf dem Boden derselben hatte ich bereits eingeschichtet , was ich an Büchern mitnehmen wollte , und mit ihnen auch ein festes Verlies für einen Totenschädel gebaut , damit er sicher auf dem Grunde verwahrt sei . Dieser Schädel diente seit einiger Zeit zur Zierde meiner Arbeitskammer sowie auch zum angehenden Studium der menschlichen Gestalt , das für einmal freilich gleich mit dem Unterkiefer ein Ende genommen hatte , so daß ich vorläufig bloß die verschiedenen Kopfknochen zu benennen wußte . Ich hatte den Überrest in der Ecke eines Friedhofes bemerkt , wo ihn der Totengräber seiner Wohlerhaltenheit wegen hingelegt haben mochte ; denn es war der Schädel eines jungen Mannes und wies noch alle Zähne auf . In der Nähe lag ein beseitigter alter Grabstein , der vor ungefähr achtzig Jahren errichtet worden mit der Inschrift auf einen dazumal verstorbenen Albertus Zwiehan . Obgleich es keineswegs erwiesen war , daß der Schädel diesem Zwiehan angehört hatte , nahm ich das doch für ein Faktum , weil sich laut der handschriftlichen Familienchronik eines benachbarten Hauses die wunderlichste kleine Geschichte mit jenem Namen verband . Es handelt sich , soviel entwirrbar ist , um den Bastardsohn eines Zwiehans , der lange Jahre in Asien zugebracht hatte und dort verstorben war . Die holländische Person , mit welcher er den Sohn gezeugt , besaß aber von einem verschollenen Menschen noch einen andern unehelichen Knaben , namens Hieronymus , den sie mehr liebte als den jungen Zwiehan , und aus Liebe zu ihr und von ihr überredet , adoptierte er diesen andern Knaben in rechtlicher Form an Kindesstatt , während er hinwieder verabsäumte , das Weib nachträglich zu ehelichen und sein eigenes Kind zu Ehren zu ziehen . Der adoptierte Bastard aber entfernte sich , als er größer geworden , aus dem Hause und verscholl gleich seinem eigenen natürlichen Vater spurlos , und als endlich der alte Zwiehan und seine Beihälterin bald nacheinander das Zeitliche segneten , befand sich der erblos gebliebene Sohn Albertus allein bei dem herrenlosen Hause und Gute und zögerte nicht , sich auf geschickte Weise an Stelle des allein erbberechtigten Adoptivsohnes zu setzen , von dem erworbenen Vermögen des Alten zusammenzuraffen , was er konnte , und die asiatische Kolonie rasch zu verlassen , um die alte Heimat seines Vaters aufzusuchen . Da er einst geträumt hatte , sein Halbbruder sei im Meere untergegangen , und fest an seine Träume glaubte , so tat er alles dies nicht gerade mit bösem Gewissen , obgleich er schlau genug war , in der alten Vaterstadt , die ihn noch nie gesehen , sein eigenes Dasein zu verschweigen und sich auf Grund der mitgebrachten Papiere für den andern auszugeben . Er kaufte sich ein geräumiges Haus mit einem stillen freundlichen Garten , in welchem er gar anständig auf und nieder spazierte . Hier wurde er freilich von den Nachbaren neugierig beobachtet , aber ohne daß er es bemerkte , und erst nachdem er sich ordentlich eingerichtet hatte , begann die Nachbarschaft sich zu beleben , wie wenn auf einer Insel für die dorthin verschlagenen Reisenden allmählich die Eingeborenen zum Vorschein kommen . Durch Geschäftsleute wurde es ruchbar , daß der neue Ankömmling ansehnliche Bezüge und Geldanlagen mache , welche auf geregelten Verhältnissen beruhen . So wurde er denn auf der Straße hie und da schon zutraulich gegrüßt , und jenseits der Gasse , welche er bewohnte , belebte sich mehr als ein Fenster , wenn er sich an dem seinigen blicken ließ , um nach dem Wetter zu sehen . In einem schmalen Erker saß den ganzen Tag , mit dem Rücken gegen die Straße gewendet , ein junges Frauenzimmer am Spinnrad , ohne umzuschauen , und er konnte ihr Gesicht nie entdecken . So vergaffte er sich , da er schon seines leidenschaftlichen Ursprungs wegen verliebter Natur war , einstweilen in den zierlichen Rücken der Spinnerin und in die anmutig geneigte Haltung ihres Kopfes . Als er aber eines Tages , hierüber nachdenkend , auf der anderen Seite seines Hauses im Garten weilte , hörte er unversehens von einer weiblichen Stimme den Namen Cornelia rufen , auf welchen im Nachbargarten eine andere Stimme antwortete . Dies wiederholte sich