halte , und wenn er so empfindet , wie er an den Herrn Architekten schreibt ! meinte Herr Flies . Denn es soll Niemand dienen , der die Möglichkeit hat , auf eigenen Füßen zu stehen ! Aber wie lange soll denn Herbert warten ? meinte Seba , die es in der lebhaften Theilnahme für ihren Freund schon wieder vergessen zu haben schien , daß sie ruhiges Abwarten eben erst für eine Tugend angesehen hatte . Wie lange sollen Eva und ihr Bräutigam denn warten ? wiederholte sie . Bis die Umstände ihnen entgegenkommen , antwortete Herr Flies . Es gehen so viele Wege durch das Leben ; von irgend einem Wege kommt das Rechte seiner Zeit , wenn wir ihm dann nur Thor und Thüre öffnen . Warten Sie es ab , lieber junger Freund , was sie dort in Richten thun werden und was dort geschieht ; warten Sie das ab . Es lag in der ruhigen und zurückhaltenden Redeweise , welche der vorsichtige Geschäftsmann sich in seinem langen Verkehre mit Menschen der verschiedensten Stände angeeignet hatte , etwas sehr Beruhigendes , selbst dann , wenn er , wie eben jetzt , seine Meinung nicht ganz kund gab . Alle fühlten , daß er etwas verschweige , was auf die gethane Frage nicht ohne Einfluß sei ; indeß sie kannten ihn darauf , daß man ihm nicht entlocken könne , was er nicht freiwillig gewähre , und er selber gab dem Gespräche mit der Frage , wie viel Zeit die Vollendung des Kirchenbaues in Rothenfeld noch fordern würde , eine andere Wendung . Herbert meinte , daß man im nächsten Sommer nicht fertig werden könne , wenn man nicht die Mittel fände , den Bau mehr zu fördern , als es in den beiden letzten Jahren , eben der nicht ausreichend bewilligten Mittel wegen , möglich gewesen sei . Herr Flies wollte die Summe kennen , deren man noch für den Bau bedurfte , und er fand sie groß , da Jener sie ihm nannte . Herbert begann sich zu vertheidigen , aber Herr Flies ließ es dazu nicht kommen . Verstehen Sie mich recht , sagte er , ich beurtheile nicht den Bau und seine Erfordernisse , denn ich habe davon keine genauen Kenntnisse ! Und doch nannten Sie die Summe groß ? Ich dachte dabei nur an den Herrn Baron , gab er zur Antwort . Er ist freigebig , zu freigebig vielleicht , und freigebig gegen Personen , die nicht bedenklich sind , von seiner Freigebigkeit den ausgedehntesten Gebrauch zu machen . Nun jeder Stand hat seine eigene Ehre , und unsere Herren vom Adel hier scheinen noch nicht zu merken , was um sie her geschieht , scheinen noch zu glauben , daß hier Alles beim Alten bleiben könne und werde , wenn rund um uns her das Bestehende längst gewandelt und in seinen Grundlagen vernichtet ist . Einer seiner Comptoir-Gehülfen , welcher ihm ein Packet Briefe aushändigte , unterbrach seine Bemerkungen . Er betrachtete die Briefe der Reihe nach , bevor er sie eröffnete , sah sie flüchtig durch und gab sie dem Gehülfen zurück ; nur zwei davon behielt er und las sie langsam und mit sichtlicher Aufmerksamkeit . Nachdem er den einen gefaltet und in seine Brusttasche gesteckt hatte , sagte er : Es freut mich , daß ich mich in dem Manne nicht getäuscht habe ! Ihr künftiger Schwager nimmt seine Sache , wie er muß , und was an mir ist , werde ich ihm helfen ! Es ist auch ein Brief von Mademoiselle Steinert für Sie dabei , in welchem dann freilich von anderen Dingen als von Geschäften die Rede sein wird . - Es war das erste Schreiben , das Herbert nach der Sendung durch den Boten von seiner Braut empfing . Sie meldete ihm die Abreise des Marquis , welche sie natürlich als ein Zugeständniß an ihres Bruders Beschwerde ansah ; sie sprach von einem Besuche , den der Caplan bei ihnen gemacht habe , und schilderte , wie er den Bruder habe überreden wollen , sich dem Freiherrn zu nähern und Vergebung für seine Heftigkeit von ihm zu fordern oder doch mindestens sein Bedauern über dieselbe auszusprechen . Aber , berichtete sie , der Bruder ist wie umgewandelt seit dem Tage , und sein ganzes Dichten und Trachten ist nur darauf gestellt , so bald als möglich von hier fortzukommen . Und so war es in der That . Der Amtmann gehörte zu den Menschen , die mit Geduld eine lange Zeit hindurch Unbequemlichkeiten , Störnisse und Widerwärtigkeiten ertragen und sich damit beruhigen können , daß dies mit ihren Verhältnissen zusammenhange . Er hatte mancher unbilligen Anforderung des Freiherrn zu genügen gesucht und sich gesagt , die Herren wären das einmal von Alters her gewohnt . Er hatte sich manchen Tadel gefallen lassen , weil der Freiherr ihn von klein auf gekannt , weil , wie er wußte , den Herren von Arten das befehlshaberische Wesen einmal im Blute lag , und weil es , als der Amtmann seinen ererbten Posten angetreten , doch im Grunde nur Geringfügiges gewesen war , um das es sich bei den gelegentlichen Streitigkeiten gehandelt hatte . Seit den letzten Jahren aber war das anders geworden . Adam hatte sich nicht mehr wohl in seiner Wirthschaft gefühlt , aus welcher so viel als irgend möglich für unfruchtbare Ausgaben herausgezogen wurde , ohne daß die nöthigen Mittel zur Unterhaltung und Weiterförderung der Cultur zur Hand geblieben wären . Seine Vorstellungen hatte der Freiherr immer ruhig angehört , ohne ihnen jedoch Folge zu geben . Von einem Jahre hatte er die wirthschaftlichen Verlangnisse seines Amtmannes auf das andere hinausgeschoben , nothwendige Arbeiten hatten unterbleiben müssen , weil Wälder für den Verkauf gefällt werden sollten ; nothwendige Bauten waren ausgesetzt worden dem Kirchenbau zu Liebe , und wie Adam sich auch anstrengen mochte , dem Verfalle der Güter entgegen zu arbeiten , so konnte er sich am wenigsten dagegen verblenden , daß sie