, einen Brief genommen , den Oswald hastig erbrach und gegen das Licht hielt , um ihn zu lesen , aber das Dunkel unter den hohen Bäumen war bereits zu dicht ; er vermochte nur noch die Ueberschrift : liebstes Herz , mit Mühe zu entziffern . Ich kann nichts mehr sehen , sagte er traurig . Wären Sie in Sassitz sitzen geblieben , wie Sie neulich wollten , oder hätten Sie gestern dem alten Baumann ein Wort zukommen lassen , so wären Sie noch bei guter Tageszeit in Besitz dieses Briefes von meiner gnädigen Frau gewesen . Oswald fühlte wohl den Vorwurf , der in diesen sehr ruhig gesprochenen Worten lag und es wurde ihm nicht schwer , dem treuen Diener und Freunde Melitta ' s sein Unrecht einzugestehen . Verzeihen Sie mir , sagte er , daß ich Ihnen die zweifache Mühe gemacht habe , ich habe meine Unbesonnenheit den ganzen Tag hindurch schon verwünscht und ich bin schwer genug dafür bestraft , denn hier halte ich den theuren Brief in den Händen und kann doch nicht erfahren , wie es ihr , wie es Frau von Berkow geht , ob sie wohl ist , ob sie glücklich in Fichtenau angekommen ist , und tausenderlei , was ich Alles wissen möchte und was ohne Zweifel hier steht - und versuchte noch einmal den Brief zu lesen . Nu , nu ! sagte der alte Baumann ; wegen meiner haben Sie nun schon keine Sorge nicht ; so eine Meile oder zwei mehr oder weniger , darauf kommt es mir und dem Brownlock eben nicht an . Und was die Nachrichten betrifft , die Sie zu haben wünschen , so weiß ich davon auch eine oder die andere mitzutheilen , sintemalen Herr Bemperlein mir einen Schreibebrief übersandt hat , in welchem die Reise und was sich bei der Ankunft zugetragen , Alles ausführlich berichtet ist . Der alte Mann hatte den Zügel über den Arm gehängt und ging neben Oswald her , der seine Schritte beeilte , um möglichst bald nach Grenwitz und auf sein Zimmer zu kommen . Die gnädige Frau - Gott behüte sie , sagte der Alte , ist mit Herrn Bemperlein nach Verlauf von drei Tagen glücklich in Fichtenau angekommen . Herr Bemperlein hat sich sogleich mit Doctor Birkenhain in Vernehmen gesetzt und erkundet , daß Herr von Berkow noch lebe , aber so schwach sei , daß man stündlich seiner Auflösung entgegensehe . Das hat nun so gedauert bis zum Tage vor dem Abgang des Briefes , allwo die gnädige Frau in Begleitung des Herrn Bemperlein und des Herrn - Der Alte unterbrach sich und hustete . Nun , wessen ? fragte Oswald , dessen Verdacht in Betreff des Baron Oldenburg wieder erwachte . Nun , des Herrn Doctors natürlich , wessen sonst , sagte der Alte ; ja , was wollte ich doch gleich sagen , Sie haben mich durch Ihre Frage ganz aus dem Context gebracht - richtig : also in Begleitung des Herrn Bemperlein und - hm , hm : des Herrn Doctors auf wenige Minuten nur bei dem Herrn Baron gewesen sind . Der gnädige Herr soll sich so verändert haben , daß er der gnädigen Frau , wie sie selbst gesagt hat , wie ein vollkommen fremder unglücklicher Mann erschienen ist . Gesprochen hat er auch ein paar Worte , von denen aber kein einziges zu verstehen gewesen ist . Dann sind sie wieder fortgegangen , und alsbald ist der gnädige Herr wieder in sein Bett zurückgesunken und in tiefen Schlaf gefallen und der Doctor meinte , das werde wohl nun bis zu seinem Ende so fortgehen , - welches denn der Herr Gott in seiner Gnade recht bald möge eintreten lassen , damit der arme Mann von seiner Qual befreit ist und die arme gnädige Frau endlich einmal wieder frei aufathmen kann ! Amen ; sagte Oswald . Denn sehen Sie , junger Herr , fuhr der Alte fort - und seine tiefe Stimme hatte einen eigenthümlich erregten Klang - die gnädige Frau hat nicht viel Freude gehabt ihr liebes Leben lang , und das thut mir weh , denn ich habe sie lieb , als wäre sie mein eigenes Kind , und wohl noch lieber . Denn ich habe freilich selbst nie welche gehabt , aber ich sehe doch , wie es andere Väter mit ihren Kindern machen , und daß sie sich nicht schämen , nicht blos wie kein Vater , sondern nicht einmal wie kein Christenmensch nicht an ihren Kindern zu handeln . Und der Vater von der gnädigen Frau - nun , es war mein gnädiger Herr , und ich habe unter ihm die Campagne mitgemacht , und von den Todten soll man nicht Uebles reden - aber zu Ihnen darf ich es schon sagen , weil Sie uns doch nun nicht mehr fremd sind - ja , das war ein böser Herr , oder auch eigentlich nicht böse , aber wild und leichtsinnig , wie der jüngste Offizier in seinem Regiment . Je toller ein Streich war , desto lieber war es ihm ; na , und tolle Streiche und schlechte Streiche , die sehen sich manchmal zum Verwechseln ähnlich . So dachte er sich nichts Böses dabei , wenn er , noch als Verheiratheter , den Frauenzimmern gerade so nachstellte , wie er es sonst gethan , aber der armen gnädigen Frau , welche eine gar gute , liebe Dame war , brach darüber das Herz , und sie starb , als ihr einziges Kind erst zwei Jahre alt war . Da gab es nun eigentlich Niemand , der für das arme Ding sorgte , als den alten Baumann . Ich hab ' s herumgetragen und habe mit ihm gespielt , und hernach , als es größer wurde , habe ich mit ihm schreiben und lesen gelernt , was ich damals noch nicht konnte , und ein bischen Französisch und was noch sonst in meinen alten Kopf hineinwollte . Und hernach habe