sagen : zwangloses Benehmen - vorausgesetzt , daß sich keine brutale , bengelhafte Schattierung in diese Zwanglosigkeit mische . » Nun , Signor Lelio , sind Sie von den Toten auferstanden ! « rief ihm Judith entgegen und reichte ihm freundlich die Hand zum Willkommen . » Ecco , das ist ' s ! just was Sie sagen ! « rief Lelio vergnügt und schüttelte ihre Hand . » Waren Sie wirklich lebensgefährlich krank ? « » Oh ! « sagte Lelio mit einem Ausdruck , als fände er keine Worte für seine Gefahr und mit einer Geberde namenlosen Entsetzens . » Ich bitte , Lelio , erzählen Sie mir Ihre Reiseabenteuer nicht bloß durch Seufzer und Geberden , sondern recht ausführlich . Sie wissen ja , wie viel Anteil ich an Ihnen nehme . « » Ich weiß es , Signora , und ich will Ihnen gern alles erzählen . Nur fürchte ich zwei Dinge . « » Und die wären ? « » Erstens : von meiner Seite , Mangel an Worten ; - zweitens : von Ihrer Seite , Mangel an Verständnis . « » Das ist freilich übel , « entgegnete Judith lächelnd , » denn damit fehlt auf beiden Seiten die Hauptsache ! aber fangen Sie nur an ! wir wollen uns Mühe geben . « » O Judith , teure Signora ! denken Sie an Petrarca , der einst klagte : Non ti conosco il mondo , mentre ti ha ! 6 und doch nur von der Laura , von einem sterblichen Weibe sprach ! « » Aber , guter Lelio , es wird Ihnen doch nicht eine Unsterbliche begegnet sein ? « » O Judith , das Göttliche ist in der Welt und die Welt kennt es nicht und verachtet es und geht vorüber zu ihren Festen , die nach Moder duften ; zu ihren Freuden , die nach Moder schmecken ; zu ihren Klügeleien , die um Moder sich bewegen ; zu ihren Bestrebungen , die in Moder untergehen . « » Sehen Sie , Lelio , das verstehe ich sehr gut ! « warf Judith mit einem schwermütigen Lächeln ein und legte sinnend ihre Stirn in die aufgestützte Hand . » Es mögen wohl schon sechs Wochen sein , « fuhr Lelio fort , » denn wir waren noch in Venedig und Sie hatten noch eine Reihe von Vorstellungen in der Fenice zu geben - da bat ich Sie um einen Monat Urlaub . Ich wollte in der Schweiz eine Zusammenkunft mit politischen Gesinnungsgenossen haben und dann nach Regensburg gehen , um den Gregorianischen Kirchengesang in Deutschland kennen zu lernen , der am dortigen Dom am tüchtigsten ausgeführt werden soll . Ich reiste ab . Ich fand meine Freunde in Genf ganz in unserer Art und Weise beschäftigt , Systeme zu ersinnen , Theorien zu verbreiten , Verbindungen zu schließen , Faden anzuknüpfen , Lehren zu predigen , Taten auszuführen , Adepten zu gewinnen - alles zu dem einen Zweck : die bestehende gesellschaftliche Ordnung von ihrer Basis und aus ihren Fugen zu drängen , um dann , in einem günstigen Augenblick , durch den heftigen Stoß einer Revolutions-Bewegung das wankende Gebäude über den Haufen zu werfen und darauf den Neubau der gesellschaftlichen Ordnung nach dem Programm : Völkerfreiheit ! Geistesfreiheit ! auszuführen . Hierin stimmen alle Männer der Zukunft überein . Dies ist Plan und Ziel aller geheimen Bünde , mögen sie Carbonari , Illuminaten , Freimaurer , Italianissimi oder sonst wie heißen . Was nun jeder einzelne unter Völker- , Geister- , Gewissens- und sonstiger Freiheit versteht , wie weit er sie verallgemeinert , wie groß er ihr den Spielraum läßt - das ist seine Sache und hängt mit seiner Persönlichkeit und seiner Spezialität zusammen und man gönnt es ihm , insofern das bundesgemeinsame Wirken nicht dadurch beeinträchtigt und gehemmt wird . Wir Italianissimi wollen die Zeiten der alten Roma wieder haben - die Zeiten der Republik , mit ihren Volkstribunen , ihren Großtaten und ihrer Besiegung aller Karthaginensischen Nebenbuhler um die Weltherrschaft . « » Ich weiß es , « unterbrach ihn Judith ; » Sie haben sich oft mit höchster Begeisterung über diese Gestaltung der Zukunft gegen mich ausgesprochen , und da ich nun einmal glaube , daß jeder Mensch seine fixe Idee , seine Chimäre , seine Marotte hat : so hab ' ich mich über die Ihre nicht weiter gewundert . Ginge ich aber nicht von einer allgemeinen , einer Ur-Marotte aus , so würde ich Sie für verrückt halten müssen , denn kein vernünftiger Mensch unternimmt es in Wirklichkeit , die Weltgeschichte um zwei bis drei Jahrtausende zurück zu schleudern . Ich bitte Sie , was fangen Leute unseres Schlages in Ihrer altrömischen Republik an ! Wir müssen uns für die Göttin Roma schlachten lassen , sonst kommen wir um vor Hunger und Beides wäre nicht nach meinem Geschmack . « » Ich weiß nicht , « fuhr Lelio lächelnd fort , » soll ich es dem ernüchternden Einfluß Ihres Umganges , Signora , oder irgend einem feindlichen Gestirn zuschreiben , genug , ich fand im Kreise meiner Freunde und Bundesbrüder nicht die Begeisterung früherer Tage . Manche Ansicht kam mir hohl vor , mancher Weg schief , manche Theorie unhaltbar , mancher Plan unausführbar . Disharmonien innerer Widersprüche gellten mir in die Ohren , und Dissonanzen mit Wahrheit und Recht wollten sich durchaus nicht lösen lassen . Ich fühlte mich etwas verstimmt , etwas ernüchtert , etwas abgekühlt - und um wieder in meinen Freiheitsschwung zu kommen , beschloß ich , von dem hyperkultivierten Leman , wo nichts mich an die altrömische Republik erinnerte , an den Vierwaldstättersee zu gehen . Ich tat es ! aber ! aber ! - auch die kleinen Kantons , die Urschweiz , die Wiege der schweizerischen Freiheit - sie wollten mir nicht gefallen . Diese Löwenkühnheit in der Verteidigung ihrer politischen Unabhängigkeit gegen fremde Herrschaft , von den Tagen ihres ersten Bündnisses bis zu den Tagen der