die Schilderung wieder las : » Wir ältern Schüler hatten die Aufsicht über die jüngern . Schon ganz kleine Knaben kamen ins Convict und mit den glücklichsten Anlagen für ihren künftigen Beruf ... Die Lehrer hatten die Erziehungsgrundsätze der Jesuiten angenommen . Wir wurden von allem zurückgehalten , was nur irgendein eigenes und selbständiges Leben in uns und aus uns hätte entwickeln können . Jede Stunde , ja jede Minute hatte ihre Beschäftigung , ihre eigene Aufgabe . Nur die Ruhe der Nacht , wenn man aus einem Traum erwachte , bot die Gelegenheit eines stillen Selbstgesprächs . Nur in solchen Nächten ermöglichten sich meine Betrachtungen über Menschen und Dinge . Mit dem Glockenschlage fünf begann die gewohnte Ordnung mathematisch genau abgegrenzter Beschäftigungen . Einer der Schüler belauschte den andern . Man wurde angezeigt , wenn man Runzeln auf der Stirn hatte ! Ich weiß es noch wie heute , daß ein Schüler , ein kleiner Bauernknabe , mindestens sieben Jahre jünger als ich , den ich zu beaufsichtigen hatte , ein gewisser Hunnius , mich anzeigte , wenn ich die Stirn in Runzeln gelegt hatte ! Diese Nachlässigkeit wurde vom Rector scheinbar nur aus Schönheitsrücksichten getadelt und abgestraft . Man sagte : Du sollst dein Aeußeres pflegen ! Dein Leib ist ein Tempel Gottes ! Wie kann eine Seele zu dir Vertrauen fassen , wenn du mit düsterer , gefurchter Stirn sie anblickst ! Die Wahrheit war aber keine andere als die , daß gerunzelte Stirnen Denker verrathen , mindestens Träumer , die in sich selbst versunken Betrachtungen anstellen , die ihnen nicht von außenher veranlaßt und geheißen wurden . Dieser boshafte kleine Verfolger meiner Stirnrunzeln war auch schon der eifrigste und gewandteste Escamoteur des sogenannten Signums . Dies war eine Art Denkzettel von Blech , den derjenige umhängen mußte , der irgendein Versehen sich hatte zu Schulden kommen lassen . Man trug das Signum so lange , bis man an irgendeinem andern eine Unregelmäßigkeit entdeckt hatte , der dann es statt seiner tragen mußte . Da derjenige , welcher das Signum Abends neun Uhr umhatte und der letzte gewesen war auf der nun folgenden Jagd der Angeberei , dann auch wirklich gleichsam für alle bestraft wurde , - Opus operatum auch hier ! - ein verhältnißmäßiges Fastengebot erhielt oder irgendeine Arbeit verrichten mußte , so kann man sich denken , wie aufgelauert wurde , um das Signum von sich weg anzugeben auf einen andern ! Ich alter , achtzehnjährige Knabe war gewöhnlich der Unglückliche , der für die Vergehen von einem Dutzend anderer Abends neun Uhr zu büßen hatte . Und ich sage nur , wie die menschliche Natur früh auf alles , was sie geistig verkrüppeln kann , vergnüglichst eingeht ! Niemals kam der jüngste von allen , der kleine Hunnius an die Reihe , der letzte zu sein ! So verschmitzt war hier schon ein Kind , so listig , daß es noch Abends um neun Uhr einen Frevel an einem seiner Kameraden entdecken konnte , dem es das Signum kurz vor Thoresschluß zuzuschanzen wußte . Gab es keinen Verstoß , der anzuzeigen war , so lockte man einen hervor . Dazu bedurfte es blos doppelter Verschmitztheit ; denn der Reiz zur Sünde ist immer da . Von Freundschaft und Liebe konnte bei so durcheinander gehetzten jungen Seelen keine Rede sein . Wir wurden zur Predigt der Liebe angeleitet und in unserm Innern kochten Haß und Rache . Alles zur größern Ehre Gottes ! « Eigentlich war Lucinde auf dem Standpunkte , bei solchen Mittheilungen eher Partei gegen als für Serlo zu nehmen . Sie hatte mit der Denkweise , die sie Klingsohrn , ja Serlon selbst verdankte , eine resolute Entschlossenheit der Menschen für die Abwehr ihrer gegenseitigen Schlechtigkeiten für vollkommen gerechtfertigt zu halten gelernt . Sie lachte schon oft über den kleinen Hunnius und nahm ihn für einen Erzschelm , der mit der Menschheit gerade so verfuhr , wie man mit derselben verfahren müsse und wie sie einst selbst sich gegen die Tücke der Frau von Buschbeck half . Selbst Bonaventura , dem sie einst diese Art der Erziehung vorhielt und unter der gewöhnlichen Beichtstuhlfirma , » sie würde von Zweifeln gequält « - ihr Verhalten zum neuen Glauben war , den wirklichen Haß gegen die hinter ihr liegende protestantische Welt ausgenommen , nur ein äußerliches und eine Benutzung desselben als Mittels zum Zweck - diese Signum-Anekdote erzählte , hatte gesagt : Man glaubt das Fundament unserer Kirche erschüttert zu haben , wenn man allen Aberwitz aufdeckt , auf den die Einsamkeit der Geistlichen und die Furcht vor der Anfechtung verfallen ist ! Die künftige Lebensstellung des Priesterstandes ist eine so schwierige , daß die Angst , es möchten sich keine Menschen finden , die ihm Genüge leisten könnten , seit Jahrhunderten bei uns auf solche Auskunftsmittel der Erziehung zur innern Heiligung verfallen ist ! Die Gäste unten hatten das Haus verlassen - alles wurde still - der Mond trat immer heller und heller hervor und verklärte den Park mit einem magischen Lichte ... Von Benno , von Hedemann , Thiebold de Jonge , Bonaventura , von den Italienern keine Spur - auch die kleine Gertrud Ley brachte - wenigstens hörte sie nichts - keine Botschaft von ihrer sterbenden Mutter ... Die Erzählung des Dechanten hatte Lucinden in ihr eigenes Jugendleben zurückversetzt - in das Leben ihrer Geschwister - in den Tod derselben - auch den Tod ihrer beiden letzten Brüder ... Gustav und August lebten nicht mehr - sie hatten aus dem Besserungshause entfliehen , hatten an einem Seil aus einem hochgelegenen Fenster sich niederlassen wollen - ein Geräusch treibt den zweiten Flüchtling , sich aus dem Fenster dem ersten nachzuschwingen , während dieser noch nicht am Boden ist - das Seil reißt , beide verunglücken - - vor einem Leben , das doch gewiß nur das des Verbrechens hätte werden können ! tröstete sich schon damals Lucinde . Es war dies fast drei Jahre her ; die Kunde traf sie gleich nach