Sie haben Recht , erwiederte der Graf , und nur ein gegebenes Wort bestimmt mich , eine Unterstützung fortzusetzen , die allerdings , wie ich selbst einsehe , besser angewendet werden könnte . Der Geistliche konnte hierauf nichts weiter erwiedern , und wurde von der Unterredung mit dem Grafen durch einen lebhaften Streit zwischen dem Arzte und St. Julien abgezogen , an dem nach und nach die ganze Gesellschaft Theil nahm . Der Arzt behauptete nämlich mit größtem Eifer , da die Franzosen in Deutschland wären , so wäre es ihre Schuldigkeit , deutsch zu lernen , und sie müßten es wie eine höfliche Gefälligkeit betrachten , wenn man sich dazu verstände , französisch mit ihnen zu reden , und hätten gar kein Recht , weder über schlechte Aussprache noch sonstige Mängel dabei zu lachen . St. Julien scherzte über den Gedanken und fand die Vorstellung ungemein belustigend , daß also , wenn ein Feldzug eröffnet werden sollte , die erste Vorbereitung dazu durch die Sprachmeister in verschiedenen Zungen gemacht werden müßte . Der Graf , der sich in das Gespräch mischte , sagte : Sie würden Recht haben , lieber Doktor , wenn die Franzosen zu uns als Bittende , Hülfesuchende kämen ; da sie aber leider als Sieger hier sind , so können sie wohl erwarten , daß wir unsere Gesuche in ihrer Sprache vortragen , denn es möchte zu unserm eigenen Nachtheil gereichen , wenn wir dieß nicht verständen , und so schafft eine Gewohnheit selbst , die mir immer so außerordentlich albern erschienen ist , doch auch ihren Nutzen , freilich bei einer unerfreulichen Gelegenheit . Welche Gewohnheit ? fragte der Prediger neugierig . Der seltsame Gebrauch , erwiederte der Graf , der seit Jahrhunderten immer weiter um sich gegriffen hat , in den gebildeten Familien statt der Landessprache die französische zu reden , und nicht etwa gegen Franzosen oder überhaupt gegen Fremde , nein , unter sich , so daß recht in ihrem Herzen eine jede Familie ihrer Nationalität entäußert und fremd , französisch , zu werden sucht . Tadeln Sie die Kenntniß und den Gebrauch fremder Sprachen , fragte St. Julien verwundert , da Sie selbst mehrere gründlich kennen und lieben ? Der Graf antwortete lächelnd : Kaiser Karl der Fünfte sagte , ein kluger Mann , der vier Sprachen redet , ist so viel werth , als vier kluge Männer , und der Meinung bin ich auch . Aber würden Sie sich nicht wundern , wenn in den französischen Salons auf ein Mal deutsch oder englisch von allen Menschen geredet würde , die darauf Anspruch machen , zu den Leuten von gutem Tone zu gehören , und Jeder dieß für vornehmer hielte , als wenn er an seinem eigenen Heerde sich der Sprache seines Landes bediente ? Würden nicht alle wahren Franzosen ein solches antinationales Beginnen auf das Heftigste und zwar mit Recht tadeln ? Und liegt nicht der Gedanke ganz nahe , wenn ich mich immer eines fremden Idioms bediene , um meine besten Gefühle , sinnreichsten Gedanken und witzigsten Einfälle darin auszudrücken , daß die Sprache des Landes vernachlässigt werden , roh und ungebildet bleiben muß ? In Deutschland hat ein gebildeter Mittelstand die Sprache lebendig ausgebildet , und gewiß dadurch viel zu dem Glanze und der Anmuth beigetragen , die wir neben der Tiefe und Innigkeit bei den vorzüglichsten Schriftstellern unserer Nation bewundern . Die Vornehmen haben seit lange besser verstanden , sich französisch als deutsch auszudrücken . Es ist wahr , sagte St. Julien , auch die Italiener erwarten , daß man in ihrem Lande ihre Sprache mit ihnen redet , aber ich habe dieß immer für Unwissenheit gehalten . Zum Theil , sagte der Graf , mag es so sein . Aber noch weiter gehen in dieser Forderung die Engländer , und gewiß nicht aus Unwissenheit , sondern aus sehr zu lobendem Nationalstolze ; denn ich wenigstens begreife nicht , worauf sich die Vaterlandsliebe am Ende stützen kann , wenn eine Nation alles Eigenthümliche , bis auf ihre Sprache selbst , bei sich zu vertilgen strebt . Ein Bequemlichkeit ist indeß , wie nicht zu läugnen ist , aus dieser lächerlichen Gewohnheit entstanden , daß nämlich die französische Sprache die geistige Scheidemünze des Lebens geworden ist und man nur diese eine zu erlernen braucht , um sich vom Tajo bis zur Newa und noch weiter hinaus verständlich zu machen . Und das ist doch ein großer Vortheil , rief St. Julien . Für die Franzosen , erwiederte der Graf ; sie gewinnen dabei am Meisten , selbst an Bequemlichkeit , denn sie brauchen sich nicht mit dem Studium einer einzigen fremden Sprache zu bemühen , selbst nicht für ihre diplomatischen Unterhandlungen , denn auch diese werden in der Regel in französischer Sprache geführt , und ich weiß nicht , ob Jemand daran gedacht hat , welch ein großer Vortheil den Franzosen schon allein dadurch zugestanden ist , daß mit ihnen in ihrer Landessprache unterhandelt wird , die ein geistreicher Mann immer besser zu benutzen verstehen wird , wie eine fremde , wenn er sie sich auch noch so sehr zu eigen gemacht hat . Aber eine Sprache muß doch bei diesen Verhandlungen angewendet werden , sagte der Prediger , und so würde es nicht zu vermeiden sein , daß eine Nation in dieser Rücksicht begünstigt wird . Ehedem , bemerkte der Graf , wurden alle Staatsgeschäfte verschiedener Nationen lateinisch verhandelt , und ich begreife nicht , weßhalb dieß jetzt lächerlich und pedantisch gefunden wird . Es war wenigstens Gerechtigkeit darin , eine Sprache , die keine lebende Sprache eines Volkes mehr ist , und die folglich alle Parteien erlernen mußten , in Fällen anzuwenden , wo es so sehr darauf ankommt , kein Uebergewicht zu gestatten . Das Gespräch wurde dadurch unterbrochen , daß Dübois eintrat und nach einem leisen Gespräch mit dem Grafen Robert das Zimmer mit demselben verließ . Alle , selbst der Graf nicht ausgenommen , waren verwundert über das Geheimnißvolle in der Art ,