sich fasset , soll er nichts fassen . Jede Blüte , die sich dem Lichte öffnet , fasset einen Tautropfen , der das Bild der wärmenden belebenden Kraft aufnimmt ; aber Stamm und Wurzel sind belastet mit der finsteren , festen Erde ; und wenn die Blüte keine Wurzel hätte , so hätte sie wohl Flügel . - Heute ist so warm , heute sei ergeben in die Gedanken , die Dir dies Papier bringt . Zeit und Raum laß weichen zwischen unsern Herzen , und wenn ' s so ist , dann hab ich keine Bitte mehr , denn da muß das Herz verstummen . Bettine Von Goethes Hand auf diesen Brief geschrieben : » Empfangen den 4. Juli 1822 « An Goethe Schon oft hab ich mich im Geist vorbereitet , Dir zu schreiben , aber Gedanken und Empfindungen , wie die Sprache sie nicht ausdrücken kann , erfüllen die Seele , und sie vermag nicht , ihr Schweigen zu brechen . So ist denn die Wahrheit eine Muse , die das Kunstgebilde ihrer Melodien zwar in dem , den sie durchschreitet , harmonisch begründet , nicht aber sie erklingen läßt . - Wenn alles irdische Bedürfnis schweigt , alles irdische Wissen verstummt , dann erst hebt sie ihrer Gesänge Schwingen . - Liebe ! Trieb aller Begeistrung , erneut das Herz , macht die Seele kindlich und unbefleckt . Wie oft ist mein Herz unter der Schlummerdecke des Erdenlebens erwacht , begabt mit dieser mystischen Kraft , sich zu offenbaren ; der Welt war ich erstorben , die Seele ein Mitlauter der Liebe , und daher mein Denken , mein Fühlen , ein Aufruf an Dich : Komm ! Sei bei mir ! Finde mich in diesem Dunkel ! - Es ist mein Atem , der um Deine Lippen spielt , der Deine Brust anfliegt ; - so dachte ich aus der Ferne zu Dir , und meine Briefe trugen Dir diese Melodien zu ; es war mein einzig Begehren , daß Du meiner gedenken mögest , und so wie in Gedanken ich immer zu Deinen Füßen lag , Deine Knie umfassend , so wollte ich , daß Deine Hand segnend auf mir ruhe . Dies waren die Grundakkorde meines Geistes , die in Dir ihre Auflösung suchten . - Da war ich , was allein Seligkeit ist : ein Element von Gewalten höherer Natur durchdrungen , meine Füße gingen nicht , sie schwebten der Zukunftsfülle entgegen über die irdischen Pfade hinaus ; meine Augen sahen nicht , sie erschufen die Bilder meiner seligsten Genüsse ; und was meine Ohren von Dir vernahmen , das war Keim des ewigen Lebens , der vom Herzen aus mit fruchtender Wärme gehegt ward . Sieh , ich durcheile mit diesen Erinnerungen die Vergangenheit . Zurück ! Von Klippe zu Klippe abwärts , ins Tal einsamer Jugend ; hier Dich findend , das bewegte Herz an Deiner Brust beschwichtigend , fühl ich mich zu dieser Begeistrung aufgeregt , mit der der Geist des Himmels in menschlicher Empfindung sich offenbart . Dich auszusprechen wär wohl das kräftigste Insiegel meiner Liebe , ja es bewiese als ein Erzeugnis göttlicher Natur meine Verwandtschaft mit Dir . Es wär ein gelöstes Rätsel , gleich dem lange verschloßnen Bergstrom , der endlich zum Lichte sich drängt , den ungeheuren Sturz mit wollüstiger Begeistrung erleidend , in einem Lebensmoment , durch welchen , nach welchem ein höheres Dasein beginnt . - Du Vernichter , der Du den freien Willen von mir genommen , Du Erzeuger , der Du die Empfindung des Erwachens in mich geboren ; mit tausend elektrischen Funken aus dem Reiche heiliger Natur mich durchzuckt . Durch Dich hab ich das Gewinde der jungen Rebe lieben lernen , auf ihre bereiften Früchte fielen meiner Sehnsucht Tränen . Das junge Gras hab ich um Deinetwillen geküßt , die offne Brust um Deinetwillen dem Tau geboten , um Deinetwillen hab ich gelauscht , wenn der Schmetterling und die Biene mich umschwärmten . Denn Dich wollte ich empfinden in dem heiligsten Kreis Deiner Genüsse . O Du ! im Verborgnen mit der Geliebten spielend ! Mußte ich , die das Geheimnis erlauscht hatte , nicht liebetrunken werden ? Ahnest Du die Schauer , die mich durchbebten , wenn die Bäume ihren Duft und ihre Blüten auf mich schüttelten ? - Da ich dachte , empfand und fest glaubte , es sei Dein Kosen mit der Natur , Dein Genießen ihrer Schönheit , ihr Schmachten , ihr Hingeben an Dich , die diese Blüten von den bewegten Zweigen löse und sie leise niederwirble in meinen Schoß . O ihr Spiegelnächte des Mondes ! Wie hat an euerm Himmelsbogen mein Geist sich ausgedehnt ! Da entnahm der Traum das irdische Bewußtsein , und wieder erwachend war die Welt mir fremd . Im Herannahen der Gewitter ahnete ich den Freund . Das Herz empfand ihn , der Atem strömte ihm zu , freudig löste sich das gebundne Leben unter dem Kreuzen der Blitze und dem Rollen der Donner . Die Gabe des Eros ist die einzige genialische Berührung , die den Genius weckt ; aber die andern , die den Genius in sich entbehren , nennen sie Wahnsinn . Die Begabten aber entschwingen sich mit dem fern hintreffenden Pfeil dem Bogen des Gottes , und ihre Lust und ihre Liebe hat ihr Ziel erreicht , wenn sie mit solchem göttlichen Pfeil zu den Füßen des Geliebten niedersinkt . - Es halte einen solchen Pfeil heilig und bewahre ihn im Busen als ein Kleinod , wer zu seinen Füßen ihn findet , denn er ist ein Doppelgeschenk des Eros , da ein Leben , im Schwung solchen Pfeiles , ihm geweihet verglüht . Und nun sage ich auch Dir : achte mich als ein solches Geschenk , das Deiner Schönheit ein Gott geweihet habe , denn mein Leben ist für Dich einem höheren versöhnt , dem irdischen verglüht ; und was ich Dir in diesem Leben noch sage , ist nur das