mir und Ihnen wächst von nun an mir fühlbarer , mit jedem Schritte , den ich thue . Ich könnte darüber verzweiflen , doch ich befolge auf das Pünktlichste Ihren Willen ; der Gedanke daran ist ja alles was mir übrig blieb . Selbst in dem Schmerze , der mir die Seele zerreißt , finde ich eine wilde Freude , denn Sie waren es , Sie Gabriele ! die ihn mir auferlegte . « Auf der Grimsel . » Ich stand heut , wo die Aar die dunkeln Wellen von gräßlicher Höhe hinabstürzt . Felsen und Tannen erbeben rings umher , die Axe der Erde schien unter mir sich dröhnend umzuwälzen . Wie der Eingang zur Hölle , so schwarz und fürchterlich gähnt der entsetzliche Schlund am Fuße des Felsen , der die in Schaum , in Staub aufgelöste tobende Wassermasse aufnimmt . Von noch höherer senkrechter Höhe stürzt sich der Erlebach der Aar nach , rasch wie die Verzweiflung hinab , hinab in den nehmlichen Abgrund , den er , in Miriaden schimmernder Tropfen zertrümmert , zuletzt erreicht . Den Kampf der Fluthen dort unten verhüllen Dampfwolken jedem sterblichen Auge , aber tausendstimmige Donner verkünden ihn laut den zitternden Felsen rings umher . Ergrimmt faßt der mächtige Strom endlich den überwundnen Bach und schleudert in rasender Wuth die weißen Wogen wieder hinaus aus seiner Grotte , an die gegenüberstehende Felsenwand und höher hinauf den Wolken zu . Sie zerstäuben und sinken in ewigen Nebeldämpfen nieder , gepeitscht vom heulenden Sturm , der nie abläßt , hier zu wüthen . Das laute ängstliche Geschrei meiner Führer , da ich , vielleicht ein wenig zu verwegen , auf den überhängenden Felsen hinkletterte , verhallte in diesem Aufruhr der Natur , gleich dem Zirpen einer Heuschrecke . Anbetend , wortlos , sank ich hin ; ich ein Atom , ein Nichts in diesen , alle Sinne betäubenden Schrecknissen ; und doch fühlte ich , selbst Angesichts ihrer , Kraft und Muth im glühenden Herzen , mich überselig , gleich jenem neidenswerthen Edelknaben , von dem des Dichters unsterbliches Lied uns singt , hinabzustürzen , und , wie er , den gräßlichen Kampf auf Tod und Leben mit dem empörten Element dort in der Tiefe zu bestehen , würde nur auch mir der hohe Preis geboten , den zu erringen , jener endlich unterging . « Aus Mailand . » Ein Strahl des Trostes ist mir hier geworden , hier wo ich ihn nimmer erwartet hätte . Ich bin nicht mehr so ganz verlassen , allein , denn ich höre Gabrielens geliebten Namen auch von andern Lippen als den meinigen . Noch einmal , an dem zu meiner Abreise von hier bestimmten Tage , suchte ich das Dominikaner-Kloster neben der Kirche S. Maria delle Grazie auf ; ich wollte von Leonardos Meisterwerk den letzten Abschied nehmen , wie von einem Freunde ; eigentlich war er mir der einzige , den ich hier hatte und der mit jedem Tage mir immer lieber ward . Ich fliehe in meiner jetzigen Stimmung jede nähere Bekanntschaft mit Menschen ; das zwecklose untheilnehmende Umhertreiben in ihrer Mitte verletzt mich auf tausendfache Weise , und ist mir entsetzlich . Aber im stillen Gebiete der freien Natur , im noch stilleren der Kunst , da finde ich Vertraute , und von der stummen Leinwand , von der verblichnen , durch Kerzendampf geschwärzten Wand , blickt es oft tröstend mich an . Dann dünkt es mich , als umwehe mich mit lindem Fittig der stille Geist in seinem Heiligthume , der einst hier schaffend waltete , und darüber eine Welt voll Unruhe und Entbehrung gern vergaß ; als hauche er mir Ergebung und höheres Hoffen in die wild bewegte Brust . Ach ! und wie oft sehe ich mit Entzücken auch von der Leinwand einzelne Züge des Bildes mir entgegenstrahlen , was in unerreichbaren Farben ewig vor meinem innern Sinne schwebt ! Dießmal fand ich das Refektorium der guten Mönche nicht unbesucht wie ich es gehofft und gewünscht ; ein junger Mensch saß vor dem wundervollen Bilde des heiligen Abendmahls , ämsig bemüht , seiner Mappe eine Kontur desselben einzuverleiben . Nun ist mir aber nichts verhaßter , als wenn ich dem ängstlichen , nüchternen Streben zusehen muß , das , was mich erhebt , begeistert , entzückt , schwarz auf weiß nach Hause zu tragen , damit man es sicher bei der Hand habe , und es sich haushälterisch auftrocknen und aufbewahren könne zu künftigem beliebigem Gebrauch . Mag meine , jede Anstrengung hassende Ungeduld , die Sie so oft an mir tadelten , Schuld daran seyn und mich ungerecht machen , ich muß es doch bekennen , mich ärgert es immer , wenn die Herren und Damen , denen ich auf Reisen begegne , vor den hohen Wundern der Natur , wo sie anbeten oder doch wenigstens genießen sollten , sich mit einem Blättchen Papier und einem Stückchen Kreide zurecht setzen , um schülerhaft zu krizeln , was sie in jedem Bilderladen tausendmal besser kaufen können , als ihre arme Kunst es hervorzubringen vermag . Auch begreife ich nie , wie der vom ächten Geiste belebte Schüler der Kunst dadurch zum Künstler gebildet werden soll , daß er die Linien , welche die längst in Staub versunkne Hand des hohen Meisters einst zog , mühsam nachzuzirkeln sich abmüht . Mir dünkt , es wäre ihm gerathner , wenn er das Ganze im Geist aufzufassen strebte , dann demüthig und doch freudig nach Hause ginge , und im Gefühl der Schöpferkraft , die dem reich begabten Menschen von der Gottheit gegeben ward , selbst versuchte , jenen hohen Vorbildern sich zu nahen , ohne knechtisch sie nachzuahmen . Voll von diesem Gefühl , und dazu halb ärgerlich , hier nicht , wie ich es gehofft hatte , allein zu seyn , näherte ich mich dem Zeichnenden , und sah ziemlich verächtlich , ich will es nur gestehen , ihm über die Schulter auf seine Zeichnung . Eigentlich war ich nicht