Herde zu walten , wo man mir bei jeder Gelegenheit das Opfer vorwürfe , das man bringt , da man mich duldet , wo alle Anerkennung , die ich mir erwerben könnte , von dem Gebrauch des Staublappens und Kochlöffels abhinge , und ein mißratener Braten mich als ein unnützes Glied der menschlichen Gesellschaft brandmarkte ? Nein , Sie kennen mich weniger , als ich es dachte , wenn Sie glauben , daß über die Kluft , die Sie zwischen uns auftaten , je wieder eine Brücke führe . Ersparen Sie mir die Beschämung weiterer Auseinandersetzungen . Ich danke Ihnen für Ihre Gastfreundschaft . Ich gehe von Ihnen , wie schon einmal vor Jahren , wo ich durchnäßt und zitternd vor Ihnen gestanden , und Sie nichts für mich hatten als ein kühles beschämendes Wort , daß ich mich als eine kleine Verbrecherin fühlte , obgleich ich mir so wenig wie heute einer Schuld bewußt war . Damals wäre ich eher gestorben , als zu Ihnen zurückgekehrt , obgleich mich Ihr Sohn , gesegnet sei er , wie eine Schwester betrachten wollte . Nach zwölf Jahren endlich brachte er mich wieder zu Ihnen — und besiegte die alte kindische Scheu — aber im ersten Augenblick , wo ich den Fuß über diese Schwelle setzte und Ihre kalte Begrüßung vernahm , wußte ich , daß auch hier keine Heimat für mich ist ! “ Sie schlug die Hände vor das Gesicht und lehnte erschöpft den Kopf an die Tür , durch die sie fort wollte . Die Staatsrätin , schnell versöhnt und gerührt wie alle heftigen , aber im Grunde guten Naturen , eilte auf sie zu und umfaßte sie . „ Liebes Kind ! Können Sie einer besorgten Mutter ein rasches Wort nicht verzeihen ? Mein Gott , es war unrecht , denn Sie sind viel unglücklicher als schlecht . Ich sprach in der Sorge um meinen Sohn ... “ „ Sie hätten darum nicht nötig gehabt , mir das Messer in die Brust zu stoßen . Ich habe nie daran gedacht , Ihres Sohnes Weib zu werden . Er ist ein viel zu schroffer Gegner meiner Ansichten , wie teuer er mir auch ist . Ich habe nichts gewollt als das Glück , einen Menschen auf der Welt Freund zu nennen . Doch auch dem kann ich entsagen . Ich werde es Ihnen beweisen . Leben Sie wohl ! “ Unaufhaltsam eilte sie vor der Staatsrätin her , die ihr folgte , aber nicht mehr hindern konnte , daß sie ihre wenigen Sachen zusammenraffte und das Haus verließ . Bang und zweifelhaft blickte ihr die Staatsrätin nach . „ Was wird Johannes sagen ? Er wird die Mutter verwünschen ! “ klagte sie , doch bald richtete sie sich auf und sprach ruhig und fest : „ In Gottes Namen denn — ich will es tragen . Es ist doch besser so ! “ Fünftes Kapitel . Die Stärke der Schwachen . Am Morgen desselben Tages , der Ernestine aus einem kurzen friedlichen Asyl vertrieb , schlief Herr Leonhardt ungewöhnlich lange . Die Frau Schulmeisterin , die ihn nicht zu wecken wagte , sah besorgten Blickes nach der alten Kuckucksuhr , die schon halb sieben zeigte . Es war so natürlich , daß der Greis müde war von den gestrigen schweren Erlebnissen . So erschüttert hatte ihn Frau Brigitte noch nie gesehen , er hatte bitterlich geweint , als er heim kam — geweint mit seinen armen , kranken Augen . Jeder Tropfen war der treuen Gefährtin brennend auf die Seele gefallen . Die Gemeinde , der er durch fast ein halbes Jahrhundert ein ehrenfester , aufopfernder Freund und Leiter war , hatte den Stein gegen ihn erhoben , hatte Alles vergessen , was sie ihm schuldig war ; — das brach dem müden zukunftslosen Greis das Herz . Frau Leonhardt saß auf der Ofenbank . Sie hatte die guten , dicken Hände gefaltet und dachte darüber nach , wie es geschehen konnte , daß Jemand den Mann kränkte , der für sie der Inbegriff aller Ehre und Würde war ! Da hob die Uhr aus , der Kuckuck sprengte sein Türchen und fuhr heraus . Siebenmal schrie er flügelschlagend sein „ Kuckuck “ ab und warf das Türchen so derb hinter sich zu , als sei er ärgerlich , daß sich noch immer nichts um ihn rege . Frau Leonhardt erhob sich . Der alte Herr mußte nun aufstehen , denn um acht Uhr kamen die Schulkinder . Sie stieg eine steile , schmale Hühnertreppe hinauf in den oberen Stock , der nur aus Mansarden bestand und trat leise in die Schlafkammer . Herr Leonhardt lag mit dem Gesicht nach der Wand gekehrt . „ Alter , schläfst Du noch ? “ fragte Frau Leonhardt . „ Was ist ’ s , was gibt ’ s ? “ rief Herr Leonhardt fast erschrocken : „ Brennt es wirklich ? “ „ Alter , Du träumst . Ich dächte , es wäre Zeit zum Aufstehen . Du mußt doch Schule halten ! “ „ Aber liebe Frau , es ist ja noch Nacht . Was tust Du denn schon auf ? “ „ Nacht ? “ lächelte Frau Leonhardt . „ Sieh , wie verschlafen Du bist — es ist ja helllichter Tag , schon sieben Uhr ! “ „ Tag — helllichter ? “ rief der Greis mit einem eigentümlichen Tone . Er richtete sich auf — - rieb sich die Augen — rieb sie wieder und starrte in die grellen Sonnenstrahlen , aber seine Wimpern zuckten nicht . Er war todesblaß . „ Wie ist Dir , lieber Mann ? “ fragte die Frau beunruhigt . „ Gut , gut , Mütterchen , nur noch ein wenig müde , “ sagte er mit unsicherer Stimme . „ Geh nur hinunter — und richte den Kaffee — ich komme gleich nach ! “ „ Soll ich Dir nichts helfen ? Du zitterst ja — Du hast das Fieber