Er fühlte etwas Eiskaltes tief in sein Fleisch glitschen . Ach Gott , das sticht ja , dachte er und wankte dabei . Den Beutel ließ er fallen . O ungeheurer , ungeheurer Schrecken ! Er griff nach einem der Baumstämmchen und versuchte zu schreien , aber es ging nicht . Auf einmal brach er in die Knie . Vor seinen Augen wurde es schwarz . Er wollte den Fremden bitten , daß er ihm helfe , doch die Füße des Mannes , die er noch eine Sekunde zuvor gesehen , waren verschwunden . Die Schwärze vor den Augen wich wieder ; er sah sich um ; niemand war mehr da ; auch die beiden hinter dem Gebüsch waren nicht mehr da . Er kroch nun auf allen vieren ein wenig am Gebüsch entlang und senkte den Kopf herunter , um sein Gesicht vor dem nassen Schneestaub zu schützen , den ihm der Wind entgegenspritzte . Er machte ein paar Bewegungen mit dem Körper , als suche er in der Erde eine Höhlung zum Hineinschlüpfen , konnte dann nicht weiter und blieb sitzen . Ihm schien , als riesle etwas im Innern seines Leibes . Es fror ihn jetzt erbärmlich . Möcht sehen , was in dem Beutel ist , dachte er , während seine Zähne klapperten . O ungeheurer Schrecken , der ihn abhielt , nach jener Stelle zu blicken , wo der Fremde gestanden . Wenn ich nur ein Wort wüßte , durch das mir leichter würde , dachte er , wie einer , der sich durch Zauberformeln zu schützen wähnt . Und er sagte zweimal : » Dukatus « . Welches Wunder , plötzlich ward ihm leicht . Er glaubte aufstehen und nach Hause gehen zu können . Er erhob sich . Er sah , daß er gehen konnte . Nachdem er einige taumelnde Schritte gemacht , fing er an zu laufen . Ihm war , als ob sein Körper ohne Schwere sei , ihm war , als fliege er . Er lief , lief , lief . Bis zum Tor des Gartens ; über den Schloßplatz ; über den Markt an der Kirche vorbei ; bis zum Kronacher Buck , bis in den Flur des Quandtschen Hauses ; lief , lief , lief . In Schweiß gebadet , stürzte er in den Flur . Weiter gings nicht mehr ; keuchend lehnte er sich an die Wand . Die Magd gewahrte ihn zuerst . Über sein Aussehen entsetzt , gab sie einen gellenden Schrei von sich . Da kam Quandt aus der Stube ; seine Frau folgte ihm . Caspar starrte ihnen entgegen , sprach aber nichts , sondern deutete bloß auf seine Brust . » Was ist geschehen ? « fragte Quandt rauh und kurz . » Hofgarten - gestochen « , stammelte Caspar . Und Quandt ? Wir sehen ihn schmunzeln . Nichts andres : wir sehen ihn schmunzeln . Und wenn Jahrhunderte , feierlich in Purpur angetan wie Gottes Engel , auf uns zutreten und uns beschwören , die Tatsachen nicht zu verzerren , so ist nichts andres zu erwidern , als daß Quandt schmunzelte , seltsam schmunzelte . » Wo sind Sie denn gestochen , mein Lieber ? « fragt er gedehnt . Wieder deutete Caspar auf seine Brust . Quandt knöpfte ihm Rock , Weste und Hemd auf , um die Wunde anzuschauen . Richtig , da war ein Stich , nicht größer als eine Haselnuß . Aber nicht die geringste Spur von Blut war zu bemerken . Eine Wunde ohne Blut , das gibt es nicht ; das ist wie eine Behauptung ohne Beweis . » Also gestochen « , sagte Quandt . » So lassen Sie uns sofort umkehren und zeigen Sie mir den Platz im Hofgarten , wo das passiert sein soll « , fügte er energisch hinzu . » Was haben Sie denn zu dieser Stunde und bei solchem Wetter im Hofgarten zu tun gehabt ? Marsch , kommen Sie ! Die Sache muß unverzüglich aufgeklärt werden . « Caspar widersprach nicht . Er schleppte sich an des Lehrers Seite wieder auf die Gasse . Quandt faßte ihn unter , wie ein Krüppel schlich Caspar dahin . Nach langem Schweigen sagte Quandt in verbissenem Ton : » Diesmal haben Sie Ihren dümmsten Streich gemacht , Hauser . Diesmal wird es keinen so guten Ausgang nehmen wie beim Professor Daumer , das kann ich Ihnen schriftlich geben . « Caspar blieb stehen , warf einen schnellen Blick gen Himmel und sagte : » Gott - wissen . « » Machen Sie nur keine Faxen , « zeterte Quandt , » ich weiß , was ich weiß . Wenn Sie sich auch noch so sehr auf Gott berufen , damit haben Sie bei mir kein Glück , denn Sie sind ein gottloser Mensch von Grund auf . Ich kann Ihnen nur raten , spielen Sie nicht länger die Stumme von Portici und gestehen Sie lieber gleich . Ein wenig bange machen wollen Sie uns , die Leute wollen Sie durcheinanderhetzen . Gestochen ? Wer soll Sie denn gestochen haben ? Vielleicht um Ihnen Ihre jämmerlichen paar Moneten aus der Tasche zu ziehen ? So ein Unsinn ! Gehen Sie nicht so langsam , Hauser , meine Zeit ist knapp . « » Den Beutel - will ich holen « , stammelte Caspar leise . » Was denn für einen Beutel ? « » Der Mann - mir gegeben . « » Was für ein Mann ? « » Der mich gestochen . « » Aber Hauser , Hauser , es ist ja himmelschreiend ! Bilden Sie sich denn ein , daß ich an diesen Mann nur im entferntesten glaube ? So wenig wie an den schwarzen Peter . Bilden Sie sich denn ein , daß ich über den wahren Täter einen Augenblick im Zweifel bin ? Gestehen Sies doch ! Gestehen Sie , daß Sie sich selber ein bißchen gestochen haben . Ich will über die Sache noch einmal schweigen