, laut zu sprechen : » Effendi , da unser Geschick sich in dieser Weise geändert hat , will ich dir eine Mitteilung machen , welche dich interessieren wird . Ich habe darüber geschwiegen , weil ich glaubte , daß du Dschafar Mirza zürnen werdest . « » Warum ? « » Er hat mir ein Geschenk gemacht , welches er erst von dir erhalten hat . « » Darüber kann ich doch nicht zornig sein ! Das Geschenk gehörte dann ihm , und er konnte also darüber verfügen , wie es ihm beliebte . Wir haben uns gegenseitig wiederholt mit Gaben erfreut . Welches Geschenk meinst du ? « » Das kleine Buch in persischer Sprache El Beschaïr el arba148 . Ich habe mit ihm in innigerer Beziehung gestanden , als ich dir bisher gesagt habe und jetzt in der Todesstunde sagen kann . Du weißt , sein Leben war geheimnisvoll , und darum schwieg ich gegen dich . Er hat das Buch gelesen und jede Zeile desselben in sein Herz gegraben . Dann schenkte er es mir , damit auch ich erleuchtet werde . Du hast mir verziehen , was ich über die Spaltung eures Glaubens sagte ; nur die Bekenner sind uneinig ; die Lehre selbst aber kennt und will diese Teilung nicht . Sie ist auch mir in das Herz gedrungen , obgleich ich zu dir kein Wort davon gesprochen habe , denn du solltest ja nicht wissen , daß ich das , was ich jetzt denke und fühle , aus deinem Geschenk gezogen habe . Ich las täglich darin , auch heut früh wieder , als ihr es nicht merktet . Da schlug ich die Stelle nach , welche lautet : Ich aber sage euch : Liebet eure Feinde ; thut Gutes denen , die euch hassen , und betet für die , welche euch verfolgen und verleumden , auf daß ihr Kinder seid eures Vaters , der im Himmel ist , der seine Sonne aufgehen läßt über die Guten und die Bösen und läßt regnen über die Gerechten und die Ungerechten ! Es lebte jedes Wort in mir , welches wir von Ben Nur gehört hatten , als der Quell und die Summe seiner ganzen Rede nur das Eine , nur die Liebe war . Ich dachte an unser Verhalten gegen diese unsere Feinde hier , denen wir für den Haß die Liebe gaben . Es schien mir der Güte allzu viel gewesen zu sein , und darum schlug ich diese Stelle auf , um meiner Schwachheit Kraft zu geben . Nun scheint es aber doch , als hätten wir besser gehandelt , wenn wir schwach geblieben wären , denn wir werden , du und ich , unsern Gehorsam gegen die Liebe mit dem Leben bezahlen ! « » Nein , das glaube ich nicht ! « antwortete ich , tief ergriffen von diesem so unerwarteten Glaubensbekenntnisse des dem Tode Geweihten . » Das Leben hat dieselbe Ewigkeit wie die Liebe . Wir sterben nicht , vielleicht nicht einmal leiblich . Der , welcher , als du heut die Stelle lasest , von dir forderte , deine Feinde zu lieben , hat wohl die Macht , dich grad durch diese Liebe zu erretten ! Sein Evangelium ist ein fester Schutz und Schirm im Leben und auch in der größten Todesgefahr . Wenn du auf ihn vertraust , ist seine Hilfe vielleicht näher , als du denkst ! « » So wollen wir uns ja beeilen , dieser Hilfe schnell zuvorzukommen ! « lachte der Scheik . » Das Loch ist fertig . « » Ja , es ist fertig , und meine Kugel ist bereit ! « fügte El Ghani entschlossen hinzu . » Wir müssen fort . Nun wird nicht länger gezaudert ! « » Stelle dich hierher ! « Bei diesem an den Perser gerichteten Befehle deutete der Scheik neben das Grab ; Khutab Agha gehorchte . Als er dort stand , rief er mir zu : » Effendi , ich sage kein Lebewohl zu dir , denn wir trennen uns doch nur für einige Augenblicke . Du kannst deine Hände nicht falten , weil du auch gefesselt bist ; aber sprich in deiner Seele ein Gebet für mich , daß ich an El Mizan , der Wage der Gerechtigkeit die Hand des Engels fassen darf , der mich hinüberführt ! « Bei dieser Bitte kam ein Grimm über mich , den ich , wenigstens für mich und mein ganzes Leben , wohl beispiellos nennen kann . Es erhob sich eine , fast möchte ich sagen , bisher unbekannte , dämonische Kraft in mir , welche , keinen Widerstand achtend , zum rücksichtslosen Ausbruch trieb . Da , vor mir stand der Freund , mitten unter den Mördern , in einer roten Lache des vergossenen Soldatenblutes ! Mußte es geschehen ? Durfte es geschehen ? Konnte ich denn nicht helfen ? War ich armseliger Kerl denn wirklich zu schwach für meine Fesseln ? » Du sollst noch nicht nach dieser Hand fassen ! « schrie ich auf . » Ich befreie mich ; ich komme , ich komme ! Steh nur nicht still , sondern wehre dich ! Du hast ja die Füße frei ! Stoß zu ; tritt sie nieder , immer nieder ! « Ich zog und drehte an meinen Fesseln , obgleich ich fühlte , daß sie mir in das Fleisch schnitten ; ich bäumte und schnellte mich auf , stürzte aber sofort wieder hin , doch nicht , ohne daß der um die Fußgelenke geschlungene Strick zerriß . Er hatte der Kraft , mehr derjenigen des Falles als meiner eigenen , doch nicht widerstehen können ! » Drauf ! Drauf auf ihn ! Der Hund macht sich wirklich frei ! « rief der Scheik . Er , die Beni Khalid und die drei Mekkaner warfen sich auf mich . Ich stieß mit den noch gefesselten Händen und den frei gewordenen Füßen nach ihnen , schnellte mich hin und