pariser Sterbelisten jetzt wöchentlich 4-5000 auf . Täglich also ungefähr 400 unnatürliche Todesfälle - das heißt also Morde . Wenn auch der Mörder kein Einzelner war , sondern ein unpersönliches Ding , nämlich der Krieg , so sind es darum nicht minder Morde . Wen traf die Verantwortung ? Etwa jene parlamentarischen Großsprecher , welche in ihren Hetzreden mit stolzem Pathos erklärten - wie dies Girardin in der Sitzung vom 15. Juli gethan - daß sie » die Verantwortung eines Krieges vor der Geschichte auf sich nähmen « ? Können denn eines Menschen Schultern stark genug sein , solche Verbrechenlast zu tragen ? Gewiß nicht . Es fällt auch Niemandem ein , die Prahler nachträglich beim Wort zu nehmen . Eines Tages , es war um den 20. Januar herum , kam Friedrich , von einem Gang durch die Stadt heimgekehrt , mit erregter Miene in mein Zimmer . » Nimm Dein Eintragebuch zur Hand , meine eifrige Geschichtsschreiberin ! « rief er mir zu . » Heute gibt es einen wichtigen Posten . « Und er warf sich in einen Sessel . » Welches meiner Bücher ? « fragte ich . » Das Friedensprotokoll ? « Friedrich schüttelte den Kopf : » O , mit dem ist ' s wohl für lange Zeit vorbei . Der Krieg , der jetzt gefochten wird , ist zu gewaltiger Natur , um nicht kriegerisch fortzuwirken . Auf der Seite der Besiegten hat er einen solchen Vorrat von Haß- und Rachesaaten ausgestreut , daß daraus eine künftige Kampfernte hervorwachsen muß ; und andererseits hat er für den Sieger solche großartige umwälzende Erfolge zu stande gebracht , daß dort eine gleich große Saat von kriegerischem Stolze aufgehen wird . « » Was ist denn so Bedeutendes geschehen ? « » König Wilhelm wurde in Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen . Es gibt jetzt ein Deutschland - ein einiges Reich - und ein mächtiges Reich . Das gibt einen neuen Abschnitt in der sogenannten Weltgeschichte . Und Du kannst Dir denken , wie aus dem neuen , aus Waffenarbeit hervorgegangenen Reiche diese Arbeit hoch in Ehren gehalten sein wird . Die beiden vorgeschrittensten Kulturländer des Festlandes sind es also hinfort , welche den Kriegsgeist pflegen werden - das eine , um den erhaltenen Schlag zurückzugeben ; das andere , um die errungene Machtstellung zu bewahren ; hier aus Haß , dort aus Liebe ; hier aus Vergeltungssucht , dort aus Dankbarkeit - gleichviel : klappe Dein Friedensprotokoll nur zu - auf lange Zeit hinaus stehen wir unter dem blutigen und eisernen Zeichen des Mars . « » Deutscher Kaiser ! « rief ich - » das ist wahrlich großartig . « Und ich ließ mir die Einzelheiten dieses Ereignisses erzählen . » Ich kann doch nicht umhin , Friedrich , « sagte ich , » mich über diese Nachricht zu freuen . So ist die ganze Schlachtarbeit doch nicht verloren gewesen , wenn daraus ein neues großes Reich hervorgegangen . « » Vom französischen Standpunkt aber doppelt verloren ... Und wir beide hätten wohl das Recht , diesen Krieg nicht einseitig - von der deutschen Seite - zu betrachten . Nicht nur als Menschen , sogar nach engerem , nationalem Begriffe hätten wir das Recht , die Erfolge unserer Feinde und Unterwerfer von 1866 zu beklagen . Und dennoch , ich gebe mit Dir zu , daß die erreichte Vereinigung des zerstückelten Deutschlands eine schöne Sache ist ; daß diese Bereitwilligkeit der übrigen deutschen Fürsten , dem greisen Sieger die Kaiserkrone zu reichen , etwas Begeisterndes , Bewundernswertes hat . Es ist nur schade , daß eine solche Vereinigung nicht aus friedlichem , sondern aus kriegerischem Werke hervorgegangen ist . Wie also , wenn Napoleon III. die Herausforderung des 19. Juli nicht abgesendet hätte , wäre da in den Deutschen nicht genug Vaterlandsliebe , nicht genug Volkskraft , nicht genug Einigkeit gelegen , um aus sich heraus dasjenige zu bilden , worauf sie jetzt ihren Nationalstolz setzen werden : » Ein einig Volk von Brüdern ? « - Jetzt werden sie jubeln - des Dichters Wunsch ist erfüllt . Daß sie vor kurzen vier Jahren einander in den Haaren gelegen , daß es für Hannoveraner , Sachsen , Frankfurter , Nassauer und so weiter keinen ärgeren Haßbegriff gab als » Preußen « - das wird zum Glück vergessen sein . Dafür aber der Deutschenhaß , hier zu Lande , wie wird der nunmehr gedeihen ! « Mir schauderte . » Das bloße Wort Haß - « begann ich - » Ist Dir verhaßt ? Du hast recht . So lange dieses Gefühl nicht recht- und ehrlos gemacht wird , so lange gibt es keine menschliche Menschheit . Der Religionshaß ist überwunden , aber der Völkerhaß bildet noch einen Teil der bürgerlichen Erziehung . Und doch gibt es nur ein veredelndes , ein beglückendes Gefühl hienieden - das ist die Liebe . Nicht wahr , Martha , davon wissen wir etwas zu erzählen ? « Ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter und blickte zu ihm auf , während er mir zärtlich das Haar aus der Stirne strich . » Wir wissen , « fuhr er fort , » wie süß es ist , wenn im Herzen so viel Liebe wohnt - für einander , für unsere Kleinen , für alle Brüder der großen Menschenfamilie , denen man so gern , so gern das drohende Leid ersparen wollte ... Aber sie wollen nicht . « » Nein , mein Friedrich - so umfassend ist mein Herz doch nicht . Die Hassenden alle kann ich nicht lieben . « » Aber doch bemitleiden ? « In dieser Weise plauderten wir lange weiter . Ich weiß es noch heute so genau , weil ich damals öfters - neben den kriegerischen Ereignissen - auch Bruchstücke unserer daran geknüpften Gespräche in die roten Hefte eintrug . An jenem Tage haben wir auch wieder einmal von der Zukunft gesprochen : jetzt würde Paris kapitulieren müssen , der Krieg hatte ein Ende