das war ein Tag , den man loben konnte nach einem traurigen Mai voll Regen und Frost , voll Blütentod und Blättersterben , voll Kot und Unlust - einem wahren Schimpf- und Schandmonat , wie man ihn selbst in München und auf der ganzen bayuwarischen Hochebene seit Menschengedenken nicht mehr erlebte . Und morgen ist Himmelfahrt ! Wenn nur das schöne Wetter nicht wieder trübe Miene zeigt ! Und in zehn Tagen ist Pfingsten , das liebliche , lockende Fest mit seinen Ausflügen an die anmutigen Gelände des Starnberger Sees , an den lächelnden Kochel- oder den melancholischen Walchensee , hinein in die blauen Berge mit ihren Thälern und Schluchten und himmelanstarrenden Felsen , zu Wiese und Wald , zu Jägern und Adlern und Gemsen , zu allen Wundern der unaussprechlich reichen und schönen Hochlandswelt ! Da steht man , der verlogenen , unheimlich widerspruchsvollen Kulturmaskerade entrückt , endlich wieder auf du und du mit dem ewigen Naturgeist , da badet man sich die bedrückte und bestaubte Seele rein und frisch im unverdorbenen Äther , der die Zinnen der Alpen umflutet wie an ihrem Schöpfungstag . Pfingsten ! Morgen ist erst Himmelfahrt , wie vieles kann sich bis dahin noch ändern ! Man ist so geängstigt in dieser trüben , unheilbrütenden Zeit , hinter jeder Hoffnung droht ein Fragezeichen - und die Krankheit des Königs und die nicht länger zu verschleiernde Notwendigkeit eines Wechsels im obersten Landesregiment wirft einen verdüsternden Schatten auf jede Freude . In ganz München verhehlt sich ' s fast kein Mensch mehr , daß von heute auf morgen die Katastrophe der Entmündigung des Königs und seiner Thronenthebung eintreten kann , und je tieferes Schweigen die sonst so lauten Zeitungen sich plötzlich auferlegt , desto vernehmlicher spricht jetzt die Stimme des Volkes und unheimliche Mähr geht von Mund zu Mund ... Aber heute war doch ein goldner , ein sonniger Tag ! Meister Achthuber legte sein Werkzeug aus der Hand , um sich zur Ausschußsitzung für die Zentenarfeier König Ludwigs zu rüsten , die eine glänzende , epochemachende Huldigung der Künstler , für das erhabene Fürstenhaus und die gesegnete Kunststadt München , die fröhliche Heimat so vieles Großen und Gewaltigen , was je menschlicher Schöpfergeist ersonnen , werden sollte . » Saure Wochen , frohe Feste « , zitierte er aus seinem Goethe und fügte improvisierend hinzu : » Hell Gemüt bleibt doch das Beste ! « Dann steckte er seinen Atelierschlüssel in die Tasche . Biswanger schloß sein Kontor und rief im Vorübergehen seinem jungen Freunde Pfaffenzeller , der sich in seiner neuen Vertrauensstellung im Raßlerschen Geschäft nicht genug thun konnte und noch emsig in seinen Kontrollbüchern hantierte , einen guten Abend zu . » Was ich Sie fragen wollte , Herr Pfaffenzeller , haben Sie an den Architekten Zwerger geschrieben , daß er den Termin nicht versäumt ? « » Zu dienen , Herr Biswanger , ich weiß sogar schon aus seiner heutigen Privatmitteilung , daß er noch vor Pfingsten mit seiner Braut Flora Kuglmeier in München eintreffen wird . « » Sehr gut . Je eher , desto besser . Man kann nicht wissen , wie sich der Zustand des Kommerzienrats nach dem letzten Schlaganfalle macht . Weiler ist definitiv beseitigt , das steht fest . Es ist notwendig , daß die neue Gesellschaft keine Zeit verliert und so bald als möglich in Aktion tritt . Die Bodenerwerbungen sind dem Abschluß nahe . Also das Eisen geschmiedet , ich meine Raßler , Schmerold und Kompagnie , so lange es heiß ist . « » Ganz meine Meinung , Herr Biswanger . « » Wissen Sie , wenn jetzt über kurz oder lang der Thronwechsel ... « der alte , etwas verwachsene Herr sah sich vorsichtig um . Pfaffenzeller nahm seinen Gedankengang auf : » Natürlich tritt er in kurzem ein und wir bekommen neue Verhältnisse , neue Menschen , die großen Münchener Plänen und Unternehmungen gewiß nur günstig sein können . « » Wir verstehen uns , « schloß Biswanger befriedigt . Es ist halb acht Uhr . Die Büreaus , Werkstätten , Läden und Gewölbe sind geschlossen . Die Quaistraße ruht im tiefen Schatten , während in der Maximilianstraße die Abendsonne mit blendender Helle ihre letzten Strahlen verfeuert . Der Häuser lange , verstaubte Reihe steht wie ausgestorben . Aber in allen Straßen und Gassen , die ins Freie führen , wogt ein ungezähltes Heer , ein phantastischer Auswandererzug : Männer , Weiber und Kinder , Vornehme und Geringe , viele bepackt mit Körben und Bündeln , wimmeln in der nämlichen Richtung : hinaus , hinaus ! Und neben dem Fußvolk in Civil- , Militär- und Studententracht rasseln in hochaufwirbelnden Staubwolken , sonnig durchglüht , die Droschken , die Pferdebahnwagen , bis auf den letzten Platz , manche darüber hinaus besetzt , Privatfuhrwerke und die sausenden Vehikel der Radfahrer . Hier in bedächtigerer Wallfahrt , dort in hastigem Eilschritt mit Rippenstößen rechts und links , drängt alles aus dem Zentrum der erstickend heißen Altstadt nach der freieren , luftigeren Peripherie : nach dem Gürtel der Bierkeller diesseits und jenseits der Isar , wo den Durstigen und Ermattenden die erquickende Labe winkt . Der » große Unbekannte « mit dem frischen Siegfriedsgesicht aus Schlichtings studentischem Freundeskreise , Herr Bonzhaf aus Köln , der so ungern seinen Namen nannte , weil ihn seine Kameraden immer mit einem rollenden R erweiterten und das O zu einem U herabtönten , war heute in besonders glücklicher Laune . Er hatte guten Grund dazu . Er hatte ein glänzendes Examen hinter sich und die Anwartschaft auf die Hand des Fräuleins Elsa Schmerold vor sich . Er glaubte es wenigstens im Übermute seines allzeit so siegreichen Herzens . Warum nicht ? Sein Vater , ein ansehnlicher Kölner Fabrikant und alter Geschäftsfreund des Konsuls Schmerold in der Quaistraße , war zu Besuch gekommen . Seit dem Tode des Königs Max hatte er München nicht mehr gesehen . » Nun Junge , « sagte der joviale alte Herr zu Bonzhaf junior ,