. Sender seufzte tief auf , aber da klang ein Glöckchen , und der Vorhang rollte empor , wenn auch schwer . » Er zögert mitleidvoll « , sagte der Herr halblaut zu seiner Frau . Der Kirchplatz des steirischen Dorfes wies ein mächtiges von Bäumen umgebenes gotisches Schloß auf . » Der Park von Fotheringhay « , flüsterte Senders Nachbar . Hanna und der Pfarrer traten auf . Die Linden war eine ältliche hagere , häßliche Blondine , die schrecklich kreischte , aber von Birk sagte sich Sender nach den ersten Sätzen respektvoll : » Der kann was ! Oder hat doch was gekonnt « , fügte er bei , als er sah , wie Kniee , Hände und Kinnlade des hochgewachsenen Mannes zitterten und er angstvoll nach dem Souffleur schielte . Aber da kamen Stickler und Können als Lorenz und Schulmeister , und die Zuschauer lachten los . Es galt der Maske Könnens ; in dem Bestreben , die Nase zu mildern , hatte er sich dicke Wangen aus Pappendeckel und einen Riesenschnurrbart mit emporgerichteten Spitzen angeklebt , es war ein fürchterlicher Anblick . Der Kleine zuckte zusammen , als er sich so begrüßt sah . » Wel-Weltenlauf ! « stotterte er das erste Wort seiner Rolle . Da lachten sie wieder . » Backen weg ! « rief ein Offizier , » Nase heraus ! « Das Johlen ward zum Brüllen . Erst bei Hannas Deklamation von der Judenfamilie , die sie im Wald gelabt , beruhigte sich das Publikum wieder , aber als nun Können sagte : » Die Jüdin ? Ist die Jungfer verrückt ? « rief jemand : » Pfui , Kohn , gönn ' s deinen Leuten « , und der Spektakel ging wieder an . Die Bühne füllte sich , der Krämer , der Schneider , der Bäcker traten auf . Offenbar Soldaten in den seltsamsten Kostümen . Nun war Sender das lange Personenverzeichnis verständlich , wenn er auch nicht begriff , warum die Statisten auf der linken Seite jüdische , auf der rechten christliche Namen trugen . Die Reden , die ihnen der Dichter zugeteilt , sprach sämtlich die Kassierin als » alte Liese « . Da erhob sich neues Lachen , aber auch Beifallsklatschen , zwei offenbar angetrunkene ruthenische Bauern , die man ruhig in ihrer Tracht gelassen , zerrten Deborah auf die Bühne . Sender zuckte zusammen . » Um Gotteswillen , das ist ja Malke ! « Das waren ihre blauen Augen , ihr gewelltes braunes Haar . Aber die Gestalt , die das Hemde und der Unterrock kaum verhüllten , war viel üppiger , und als die Schönau zu sprechen begann , atmete er auf . Das war nicht Malkes Stimme , nicht ihr Ausdruck . » Hübsch sieht das Mädel heut ' wieder aus « , murmelte der Offizier hinter Sender , er mußte ihm in Gedanken zustimmen und ließ kein Auge von ihr . Der Schrecken war verschwunden , aber sein Herz pochte in schweren Schlägen , und die Wangen flammten ; es ärgerte ihn , daß dies schamlos entblößte Geschöpf , das so überaus deutliche Blicke ins Parterre warf , Malke ähnlich sah , aber schön war das Mädchen wirklich , und gerade diese Ähnlichkeit hatte einen unheimlichen Reiz . Als ihr Blick ihn traf und dann immer häufiger auf ihm haftete , schlug er den seinen zu Boden und nestelte an der ihm ohnehin ungewohnten Krawatte ; das Atmen wurde ihm schwer . Erst als der Vorhang zur Verwandlung gefallen war , wich diese quälende Empfindung . » Schade um sie « , sagte der Herr nebenan zu seiner Frau . » Sie soll ein ganz verworfenes Geschöpf sein , aber ein Talent ist die doch ! « Darauf hatte Sender noch nicht geachtet . Als sich der Vorhang zur Waldszene zwischen Deborah und Joseph hob , gab er sich Mühe , auch ihrem Spiel zu folgen . Das gelang ihm freilich nur , wenn sie ihren Partner , Hoheneichen , anblickte , nicht das Parterre , aber sein Instinkt ließ ihn sofort den ungeheuren Abstand zwischen den beiden erkennen . Sie sprach fast natürlich , ihr Wehruf wie ihr Jubel gingen ihm ans Herz - » Die hätte sogar mein Pater gelten lassen « , dachte er , » der immer so fürs Einfache war . « Nun fiel ' s ihm auch bei - das war ja die Portia seines ersten Theaterabends . Hoheneichen hingegen heulte entsetzlich - er hatte sich in den beiden letzten Jahren offenbar sehr verschlimmert . » Gott segne dich ! Geliebter ! Gute Nacht ! « Deborah streckte sehnend die Hände aus , der Vorhang fiel , die Leute riefen : » Schönau , Bravo ! « Und sie erschien dreimal und verbeugte sich , die runden Arme über dem üppigen Busen gekreuzt , auf den Lippen das Lächeln einer Hetäre . » Schade um sie « , dachte nun auch Sender . » Bisher ist aber das Judenvolk gut weggekommen « , sagte Senders Nachbar zur Linken halblaut zu seinem Begleiter . » Natürlich haben sie auf dem Zettel wieder geschwindelt « , erwiderte dieser verächtlich . Sender schnitt ein grimmiges Gesicht . » Das will ich dem Kleinen sagen « , dachte er . Im übrigen sprach man aber nirgendwo vom Stück , sondern nur von der Schönau und spottete daneben über Können . Das Publikum war nur auf seine eigene Unterhaltung angewiesen , die Stühle der Musiker blieben leer . Sender erkundigte sich bei seinem Nachbar zur Rechten nach der Ursache . Der Herr blickte ihn lächelnd an . » Mir scheint « , sagte er , » das könnten Sie ebenso gut wissen wie ich . Es ist ja Sabbat Vorabend , da dürfen die Musikanten nicht spielen . « Sender errötete . Er hätte in dem feinen Herrn den Glaubensgenossen nicht herausgefunden . » Gewiß , ich bin auch ein Jude « , erwiderte er eifrig , worauf der » Herr