kleinen Erbgutes . Auf dieses sei man nicht planlos verfallen , sondern man habe von Anfang an darauf gerechnet , es zur rechten Zeit zu verwenden ; übrigens möge man den Neffen selbst auch hören und derselbe vorbringen , was er etwa zu bemerken wisse . Der Vorsitzende gab mir hierauf das Wort , mit welchem ich , halb schüchtern , halb empört , einige Prahlereien zustande brachte . Die Zeit sei längst vorbei , da die Kunst mit dem Handwerk verbunden gewesen und der Scholare von Stadt zu Stadt habe wandern können wie jeder andere Handwerkegesell . Es gebe jetzo kein solches stufenweises Nacheinander mehr , sondern mit einem einzigen wohlvorbereiteten Erstlingswerke müsse sich der Anfänger auf eigene Füße stellen . Das sei aber nur möglich an einem Kunstorte ; dort finde man nicht nur die nötigen Vorbilder für alle Arten der Kunstübung , sondern auch den lehrreichen Wetteifer vieler Mitstrebenden , endlich aber zugleich die Anerkennung des zu Leistenden , den Markt für geschaffene Werke und die Pforte des Wohlergehens für die Zukunft . An dieser Pforte sinke nieder und gehe unter , wer nicht berufen sei , die hehre Flamme des Genius nicht in sich trage , wie zum Beispiel der arme Schlangenspeiser , der vorhin gesehen worden . Die andern aber schreiten kühn hindurch und gelangen rasch zu Wohlstand und Ehre , so daß es noch die Bescheideneren unter ihnen seien , welchen bald der Verkaufspreis eines einzigen Werkes die aufgewendeten Kosten ersetze , den Wertbetrag einer Wiese , eines Weinberges oder Ackerstückes erreiche ! Wie es das Schicksal des guten Landvolkes ist , daß es in seiner Gläubigkeit immer wieder den großen Worten zuversichtlicher Menschen unterliegt , so wurden auch die Männer durch meine Reden unsicher , wenn nicht etwa gar gelangweilt . Es fand abermals eine kurze Pause statt , während welcher das Gehörte lakonisch beräuspert wurde , worauf der Obmann unversehens sagte , er wolle gewärtigen , ob der Oheim als Vormund auf seinem Antrage beharre ; denn am Ende liege es in dessen Befugnis und sei er auch der Mann dazu , ein maßgebendes Wort zu sprechen . Der Oheim bestätigte nochmals seine Meinung mit dem Beifügen Fort müsse ich , das sei notwendig ; allein weder sei vorgesehen worden , noch eigne ich mich dazu , wie die Dinge ständen , ohne Mittel auf die Wanderschaft zu gehen und ohne weiteres sofort mein Brot zu suchen . Wären die Mittel nicht da und ich überhaupt ganz verwaist und ohne Freunde , so würde ich mich , das traue er mir zu , frischen Mutes dem Schicksal unterziehen ; ohne Not aber zwinge man zu so etwas einen unvorbereiteten Jüngling nicht . Auf die Umfrage des Vorsitzenden erwiderten die andern Vorsteher , sie hätten ihre Ansicht nach ihrem Sachverstande geäußert und fühlten sich nicht gedrungen , einen besondern Widerstand zu leisten , zumalen man gern auf Begabung , Fleiß und tugendhafte Führung des in Rede stehenden Herren Vögtlings vertrauen wolle , der freilich , wenn er die Pforte des Wohlergehens zu durchschreiten gedenke , sich vorderhand abgewöhnen müsse , gleich vom bessern Wein zu trinken , wo er absitze . Während ich diese Andeutung verschluckte , wurde über die Herausgabe des kleinen Vogtgutes Beschluß gefaßt , derselbe zu Protokoll gebracht und von meinem Oheim mit unterschrieben . Die Schirmlade , in welcher die Wertschriften der unter Vormundschaft Stehenden aufbewahrt wurden , befand sich anderer Geschäfte wegen bereits zur Stelle , und die Behörde erklärte , es sei am besten , das Stück jetzt gleich herauszunehmen , so sei man dieser Angelegenheit hoffentlich für immer enthoben . Der hölzerne , mit drei Schlössern versehene Kasten wurde auf den Tisch gestellt und geöffnet , indem der Vorsitzende , der Seckelmeister und der Schreiber jeder einen Schlüssel aus der Tasche zog , in das entsprechende Loch steckte und bedächtig umdrehte . Der Deckel ging auf , und da lag nun an einem Häuflein das Vermögen der Witwen und Waisen , gleich einer kleinen Schafherde in der Ecke zusammengedrängt , wie es das Tragen und Rütteln des Kastens gefügt hatte . » Es ist schon viel Schicksal durch diese Lade gegangen ! « sagte der Schreiber , als er die Überschriften der verschiedenen Pakete zu lesen begann ; es bezogen sich nicht alle auf Frauen und Minderjährige , auch die Vermögensteile von gefangenen , verschwenderischen oder geisteskranken Männern waren dabei . Endlich stieß er auf ein kleines Wesen , las » Lee , Heinrich , Rudolfen sel . « und reichte es dem Vorsitzenden . Dieser enthüllte ein gebräuntes altes Pergament , an welchem ein halbzerbröckeltes Siegel von grauem Wachse hing . Er legte sein messingenes Brillengeschirr um das Haupt und entfaltete das ehrwürdige Schriftstück , dasselbe weit von sich abhaltend . » Dem Landschreiber , der die Gült ausgefertigt hat , tun die Zähne auch nicht mehr weh ! « bemerkte er , » sie ist von Martini 1539 datiert , ein gutes altes Wertstück . « Zugleich richtete er einen ernsten Blick auf mich , der ihm jedoch durch die Brille , die nur zum Lesen gut war , ganz nebelhaft erscheinen mußte . » Seit dreihundert Jahren « , fuhr er fort , » ist dieser ehrwürdige Brief von Geschlecht zu Geschlecht gegangen und hat immer fünf vom Hundert Zinsen getragen ! « » Wenn wir sie nur hätten « , warf mein Oheim lachend ein , um die abermals auf mich gerichtete Aufmerksamkeit zu stören ; » mein Neffe besitzt das Brieflein ja erst seit etwa zehn Jahren , und vor nicht vierzig Jahren noch gehörte es dem Kloster , dessen Abt es zur Zeit der Revolution verkaufte . Man kann überhaupt nicht auf solche Weise rechnen ; es ist ebenso unrichtig , wie wenn man immer sagt , diese drei Greise sind zusammen 270 Jahre oder jene zwei Eheleutchen 160 Jahre alt ! Nein , jene Greise sind alle drei zusammen nur neunzig Jahre alt , Mann und Frau achtzig ,