Der Vater lächelte still vor sich hin . Dem Bräutigam lag eine Zentnerlast auf dem Herzen . Zu seiner Erleichterung trat im nämlichen Augenblick der Emeritus Beyfuß ein , behufs einer amtlichen Anfrage , da er der Küsterpflicht nicht gleichzeitig mit der des Schulregenten entsagt hatte . Sein alter Herr teilte ihm die gefaßte Entschließung mit . Es lag ihm daran , seine Gemeinde über die Beweggründe des immerhin auffälligen Schrittes vorbereitend aufzuklären , und für derlei Vorbereitungen war der Adlatus Beyfuß just der rechte Mann . Mutter Hanna hatte ihn allezeit die wandelnde Glocke genannt . Rose kehrte in das Zimmer erst zurück , nachdem die beiden Freundinnen eingetroffen waren ; sie setzte sich in den Ofenwinkel und sprach an dem Abend kein Wort . Der Bräutigam stand ebenso schweigsam im Fensterbogen . Er starrte zum Himmel empor , an dem doch , so dick war der Nebel , kein einziges Sternchen zum Durchbruch kam . Der Vater teilte auch seinen lieben Abendgästen das Vorhaben mit , das seinem Leben einen beruhigenden Abschluß geben sollte . Da Rose ihre Bedenken nicht von neuem laut werden ließ , blieben sie unerwähnt , und es befremdete Dezimus einigermaßen , daß Lydia , die für alles Edle und Schickliche doch so feine Organe hatte , jene Bedenken nicht vorauszusetzen , sondern das Verlangen nach der väterlichen Weihe für den Bund der Herzen das natürlichste zu finden schien . Das musikalische , für Mißklänge daher äußerst scharfe Ohr der kleinen Sidi dahingegen spürte die durch diesen Akkord gestörte Harmonie bald genug heraus , war auch über die Urheberschaft der Störung nicht im Zweifel . Dem Vater sagte sie zwar nur in trockenem Ton , daß ihm eine recht lange Frist gegönnt sein werde , sich des Glückes seiner Kinder zu erfreuen , da Todesvorbereitungen gewöhnlich in Lebensverlängerungen umschlügen ; während des Heimwegs , der heute zu verfrühter Stunde , weil ohne geistliches Konzert samt Weltbetrachtung , angetreten ward , spottete sie jedoch nach Herzenslust über die hochzeitliche Stimmung , die im Schmollwinkel ausgeschwiegen worden sei . Die kluge Sidi hatte , wenn sie spottete , immer einen Zweck und fast immer einen so guten , daß Lydia ihm zugestimmt haben würde , insofern sie ihn unter solcher Verkappung erkannt hätte . Sie erkannte ihn auch heute nicht . Rosens Widerstreben war ihr wohl nicht entgangen , aber das leichtherzige Kind gewann dadurch in ihrer Schätzung , wie es schon in der des Vaters gewonnen hatte , und so wendete sie mit vorwurfsvollem Tone ein : » Muß denn nach dunkler Nacht das Auge sich nicht erst an das Sonnenlicht gewöhnen lernen ? « Dezimus drückte ihr für dieses gute Wort die Hand ; Sidonie zuckte nur schweigend die Achseln , als sie den Weg aber allein mit dem Freunde fortsetzte , sagte sie unmutig : » Wenn diese Idealisten doch nur das Urteilen bleiben lassen wollten ! Alles wird nach dem eigenen Gefühlsmaßstabe bemessen ; nichts nach dem der Natur , der Individualität . Zu stark wäre für dieses frohe Auge das Licht des Glücks ? Zu schwach ist es ihm . Das Leben ist mächtiger als der Tod . Rose denkt nicht an ihre Mutter ! « Sie merkte zu spät , daß sie die wundeste Stelle im Herzen des Freundes berührt habe , und lenkte daher begütigend ein : » Das liebe Mädchen , mit Staunen haben wir alle es bemerkt , hat sich redlich Mühe gegeben , sich Ihrem Wesen , Freund , anzubilden . Nicht weil sie Ihre Braut geworden , dies Verhältnis dünkte ihr von klein auf das natürliche , aber weil sie Ihnen das Leben zu danken glaubt und sie das Leben liebt . Nun müssen aber auch Sie sich Mühe geben , sich ihrem Wesen anzupassen ; das heißt nicht nur es sich spielerisch gefallen zu lassen , sondern ernsthaft darauf einzugehen . Rose ist durchaus nicht das Kind , für das sie sich gibt und für das sie genommen wird . Sie ist eine fertige Natur und kann ein Charakter werden . Sie weiß , was sie will , weiß , warum sie lacht und weint , mit dem Lockenköpfchen nickt und es schüttelt . Und eben in dieser bewußten Ursprünglichkeit , in dieser Wechselwirkung von Kindersinn und Überlegung wirkt sie auf jedermann so reizend . Allezeit ein Kind sein macht läppisch , allezeit überlegt sein unausstehlich . Bei alledem ist ihr Grundwesen die Freude , und diesem natürlichen Freudensinn müssen Sie auch bei dem gegenwärtigen Anlaß Rechnung tragen , Dezimus . Ihr gegenseitiges Verhältnis ist ja nicht auf eine sich überstürzende Leidenschaft angelegt , so wie etwa mein Max eine große Liebe versteht . Wie oft mögt ihr beide euch in aller Seelenruhe euer Verhältnis als Mann und Frau ausgemalt haben , kaum viel anders als das von Bruder und Schwester . Aber die Hochzeit hat die Kleine sich jederzeit als ein besonderes Fest gedacht , in ihrem beschränkten Kreise sie niemals anders als hohes Fest gefeiert . Die Hochzeit ist im Frauenleben der trennende goldene Schnitt , der leuchten soll weithinaus in ein nur allzuoft graues , trübseliges Einerlei . Was bedeutet der Braut nicht schon das frohe Schaffen der Aussteuer ? die Wahl des Hochzeitskleides , der Gedanke an Schleier und Kranz , in dem auch die Häßlichste einen Schönheitstriumph feiert ! Nehmen Sie ihr aber auch noch Sang und Klang des Polterabends und Hochzeitsschmauses , und aus dem goldenen Schnitt wird ein bleierner oder bestenfalls einer , der sich von dem abgebleichten Metall der Altargefäße nicht unterscheidet . Ja , wer weiß , hat sich Ihr bewegliches Bräutchen nicht gar auf eine Hochzeitsreise gespitzt ! Es geht nicht , Freund , so ohne Zier und Lust ; ein Sterbebett im Hintergrunde und eines im Spiegel vorgehalten , die Kinderstube , in der die Wiege gestanden hat , nunmehr die Hochzeitskammer . Papa Blümel würde freilich diese unklassische Auffassung vom goldenen Schnitte nicht gelten lassen . Sie müssen ihn hinzuhalten suchen ;