. Hans hatte sich als der trefflichste Reisemarschall erwiesen , sowohl während der Eisenbahnfahrt als auch am vergangenen Abend im Gasthof zu * * * , wo er das Fränzchen unter den besondersten Schutz der vornehmen Frau Wirtin stellte und die freundliche Versicherung erhielt , daß das Fräulein unter keinem Dach in der Welt sicherer und behaglicher schlafen solle . Richtig wurde es ihm am andern Morgen vergnüglich und wohlbehalten überliefert ; sie nahmen Abschied von der wackern Frau Wirtin , die dem Fränzchen noch einen Sack mit heißem Sande » der kalten Füße wegen « nach dem Posthofe schickte ; sie fanden ihre Plätze auf dem Postschlitten und fuhren hinein in den vierundzwanzigsten Dezember , ohne die Lerchen am klaren , hellblauen Himmel zu vermissen . Wahrlich war die Post und der Weg nach Freudenstadt verzaubert . Hans Unwirrsch , der doch beides ziemlich genau kennengelernt hatte , erkannte beides nicht wieder . Die Juden schienen bei solcher Kälte nicht zu reisen , und die Passagiere , die unterwegs ein-und ausstiegen , waren mit ihren mannigfaltigen Paketen . Schachteln und Körben in heiterster Weihnachtsstimmung , und der alte joviale Herr , welchem der Hanswurst , der den Enkel am Abend erfreuen sollte , aus der Brusttasche guckte , konnte schon allein die Beschwerlichkeiten der Reise zu einem Spaß machen . Der Weg war vortrefflich , und kein grober Bauer brauchte mit seinen Gäulen Vorspann zu leisten . Auf der glatten Bahn flog der Schlitten pfeilschnell dahin , und die Postillione wurden nicht müde , ihre Weihnachtsstimmung durch Peitschengeknall und wohlgemeinte Hornmusik kundzugeben . Durch alle Orte , durch welche die Post fuhr , war vor ihr der Weihnachtsmann geschritten , und jedermann sah aus , als ob er ihm so lange als möglich nachgesehen habe . Auch der bösartigste Stallknecht vor den Posthaltereien hatte sein Gesicht zu einem Grinsen verzogen , dessen letzte Ursache nicht etwa in einem extraordinär nobeln Trinkgeld zu suchen war . An solchem Tage mußten die letzten Gedanken an die trübe Vergangenheit mit ihren Kirchhofskreuzen aus der Brust entweichen . Die reine weiße Decke des Schnees hatte sich über die Gräber gebreitet , und der Sonnenschein glitzerte darauf ; - die Toten feierten die ewige Weihnacht jenseits der niedern Hügel und auch jenseits des Sonnenscheines . Anton und Christine Unwirrsch , die Base Schlotterbeck , der Oheim Grünebaum , der Geheime Rat Theodor Götz , Felix Götz und des Fränzchens Mutter hatten nichts dagegen , daß Hans und Fränzchen am Fest der Kinder froh und selig wie Kinder der irdischen Weihnachtsfreude ihre Herzen öffneten . Da waren die großen Nadelholzwälder und sahen heute ganz anders aus als an jenem dunkeln Tage , an welchem der Kandidat sie zum erstenmal durchfuhr . Das wilde Schwein , das vom Rande des Forstes grunzend in den Schatten zurücktrabte , die Hasen , die komisch eilig über den Schnee hüpften , der Zug Schneegänse , der mit Geschrei über den Wald zog - alles machte einen angenehmen Eindruck auf das Gemüt . Nur vergnüglich war ' s , heute dem Fränzchen die Stelle zu zeigen , an welcher während der ersten Reise nach Grunzenow der Wagen im Schlamm steckenblieb und wo der erzürnte Vorspannbauer erst den Juden durchprügelte und dann das Wort Gottes , den Kandidaten Hans Unwirrsch , am Kragen nehmen wollte . Welch ein ander Ding war die Heide im sonnbeglänzten Weihnachtsschnee als die Heide , über welcher der Novembernebel lag ! Welch ein ander Ding war die Stadt Freudenstadt am vierundzwanzigsten Dezember als am trüben Tage des Wind- und Reifmonats , an dem der Kandidat Unwirrsch zum erstenmal das Vergnügen hatte , ihren Kirchturm am Horizont auftauchen zu sehen ! Ja , da war die Stadt Freudenstadt wieder , und vor dem Tor stand wachehaltend ein mächtiger Schneemann , und sämtliche versammelte Jugend begrüßte die heranklingelnde Post mit langhallendem Jubelgeschrei . Auch durch das Tor von Freudenstadt war der Weihnachtsmann den Reisenden vorangeschritten , und jedes Gesicht , das hinter den Fenstern der Gasse , durch welche das königliche Posthorn erschallte , erschien und neugierig der Post nachsah , mußte ihn gesehen haben . Da war der Marktplatz von Freudenstadt ; - » Frisch auf , Kameraden , aufs Pferd , aufs Pferd ! « blies der Schwager und - hielt mit einem Ruck die Gäule zehn Minuten vor der durch den Postzettel dem Publikum kundgemachten Zeit an ; - es war der vierundzwanzigste Dezember . Hans Unwirrsch hatte keine Zeit , an die merkwürdige Pünktlichkeit der Freudenstädter um zwölf Uhr mittags zu denken und das Fränzchen damit bekannt zu machen . Wer stand im Schnee vor der Tür der Posthalterei ? Ein Mann , der ganz und gar aussah wie der Weihnachtsmann und jedenfalls ein Vetter oder sonst ein naher Verwandter von ihm war ! Ein Mann in hohen Wasserstiefeln , Pelzrock und Pelzmütze . Ein Mann mit Pelzhandschuhen und einer qualmenden , kurzen Tabakspfeife , ein Mann , der beim Anblick des Kandidaten Unwirrsch unzweifelhafte Zeichen ungemeiner Befriedigung und hohen Vergnügens zu erkennen gab , ein Mann , bei dessen Anblick der Kandidat Unwirrsch , die Hand Franziskas fassend , rief : » Der Herr Oberst von Bullau ! « » Ja , er selbsten ! Hurra , wo ist mich das Wurm ? Das ist es ? Komm raus , Herzenskind ! Komm her , Liebchen ! Dies ist unser Fränzchen Götz ? Vivat , nochmals und abermals ! Gott grüß dir , Liebchen , und sei tausendmal willkommen und - Tausendschwerenot , vom Erdboden stammst du wohl nicht ? « Die letzte Frage war sehr erklärlich ; - der Oberst hatte den Schlag des Postschlittens aufgerissen , hatte die junge Dame in die Arme gefaßt , um ihr einen Schmatz zu geben und ihr das Aussteigen zu ersparen . Nun hielt er die leichte Last hoch in den Lüften und verwunderte sich , ehe er sie auf den Boden absetzte , und das Fränzchen sträubte sich gar nicht gegen seine rauhen Liebesbezeugungen