eingeerntet ; ich habe Welt und Menschen in bunten und glänzenden Gestalten , in fesselnden und interessanten Erscheinungen - nebenbei auch in allen ihren Niedrigkeiten kennen gelernt ; ich habe Freude gehabt an der Kunst , an der Ausübung meines Talentes , an den Studien , die damit verbunden sind , an der Begegnung mit anderen , die eines Weges mit mir gingen . Ich habe mit stolzem Selbstgefühl die Huldigung der einzelnen und der Massen empfangen . Ich habe Triumphe gefeiert - aber sie verrauschen , und die alte Leere und die alte Unruhe sind wieder da . Es war zuweilen wohl still in meiner Brust , aber die Stille der Ermüdung , die Stille dumpfer Resignation , wenn ich zu mir selbst sprach : Laß sie dahinrollen , die Welt und das Herz und die Zeit und das Leben ! laß sie gehen , wie sie wollen und können ! das Menschenschicksal ist nun einmal ein Ringen ohne Sieg ! und wenn ich so zu mir selbst sprach , so kroch mir ein Etwas wie Verzweiflung durch alle Adern , alle Nerven , alle Fibern - und ein anderes Etwas stemmte sich dagegen und schrie in mir : Nein ! das Leben muß etwas anderes sein , als ein Ringen aus dem Nichts , für das Nichts , in das Nichts ! gerade dies Ringen beweist , daß es ein Ziel habe und daß es folglich auch einen Sieg gebe - und in dem Siege Befriedigung ! Aber wo ist sie - die Befriedigung ? Sphynx meines Schicksals , habe ich dich noch immer nicht verstanden mit deinem geheimnisvollen dunkeln Blick ? Meinst du die Liebe ? - Ja , die große Leidenschaft , von der man zuweilen hört und liest , mag wohl solchen Zauber haben , daß sie , wenn sie mit vielen Schmerzen und Bitterkeiten Hand in Hand geht , das Herz befriedigt . Aber die kommt , man weiß nicht wie und woher ; die kann man nicht erringen , man fühlt sie nur . Empfunden hab ' ich sie nie . Ob ich sie einflöße ? ich weiß es nicht . Die armseligen Lieben aber , durch welche der frische Schmelz des Herzens , der Blütenduft des innersten Wesens trüb ' und matt wird - und welche sich doch wiederholen , weil sie einem Opiumrausch gleichen , der des Menschen Träume lieblicher macht als seinen wachen Zustand - nein ! für sie bin ich nicht mehr jung und noch nicht alt genug . - - Und sie verfiel in trübes Sinnen über diese traurigen Lieben , an die auch sie gestreift war und die ihr Herz gepanzert hatten mit einer so kalten und gründlichen Verachtung von allem , was man Liebe nennt , daß sie - mit sich selbst allein - auch sich selbst verachtete . Aber dann erwachte der Stolz und schüttelte diese Bürde ab , hob trotzig das Haupt und schaute nach anderen Triumphen aus . Orest liebt mich - fuhr sie fort in ihren Gedankenzügen . Er soll mich lieben . Er hat mich für eine leichte Eroberung gehalten : dafür will ich eine große Genugtuung . Gräfin Windeck will ich werden . Ja , ich will in den Kreis dieser Hochgeborenen hinein ; aber nicht als die berühmte Sängerin , der sie eine Ehre zu erzeigen meinen , wenn sie ihr ein paar bewundernde Worte zuwerfen und die sie als eine exotische Merkwürdigkeit , für die Dauer einer Soiree , in ihrem Salon aufweisen möchten , um am anderen Abend mit leichtem Augenblinzeln hinter Fächer und Lorgnette über sie hinweg zu sehen . O man kennt diese Hochgeborenen ! Und gerade in ihrem Kreise will ich Platz nehmen , gerade zu ihnen will ich gehören , als ihresgleichen will ich durchs Leben gehen . Dies gehört nicht zu den Vorsätzen von Cintra ! die sind erreicht und abgetan . Dies ist ein neuer Vorsatz : noch ein paar Jahre , höchstens , meines glanzvollen Kunstlebens und dann mitten aus dem Glanz der Öffentlichkeit in ein glänzendes Privatleben . Sphynx meiner Zukunft , ist das dein Rätsel ? und wird dessen Lösung mir besser Stich und Farbe halten , als der Erfolg meiner Pläne von Cintra ? - Da flog ihr durch ' s Gedächtnis , daß sie vor wenigen Stunden zu Orest gesagt hatte : auf jede Erfüllung eines ersehnten Glückes falle ein Todesschatten von Endlichkeit . Sie schauerte in sich selbst zusammen und strich das Haar von der Stirn , als ob sie die quälenden Gedanken verscheuchen wolle und blickte über den See hinweg , einen Gegenstand suchend , der wenigstens ihr Auge fesseln möge . Da fuhr der Nachtwind auf und blätterte im Osten das Gewölk auseinander , das wie eine silbergraue Rose über das Gebirg herauf schwebte und sanft sich öffnete und immer tiefer unter der aus ihr aufsteigenden Mondessichel zurücksank . Und mit dem vollen Glockenton ihrer goldenen Stimme hub Judith zu singen an : » O casta dia ; « und niemand blickte in ihr Auge , als das melancholische Licht des Mondes im letzten Viertel - und niemand begleitete ihren Gesang , als die leise plätschernden Wellen des Genfersees - und einsam stand sie da , wie der Genius dieser nächtlichen Natur , der an die Schatten gebannt ist und die Flügel zu regen sucht , um ihnen zu entfliehen und immer tiefer und tiefer in sie zurücksinkt und sich sehnt nach Erlösung . Lelio Am anderen Morgen befahl Judith , daß ihre Tür bis zum Abend für jedermann verschlossen bleibe . Sie wollte mit Lelio sprechen , den Grund seiner befremdend langen Abwesenheit erfahren und ihm sein Benehmen des vorigen Abends verweisen . Lelio erschien auf ihr Begehren - ein kleiner schwarzer lebhafter Italiener , mit feurigen römischen Augen und mit der vollkommensten italienischen desinvoltura - ein Wort , welches in deutscher Sprache nicht wiederzugeben ist , wahrscheinlich deshalb , weil der Deutsche die Sache selbst nicht hat . Man könnte etwa