seine immer den Rücksichten des Hauses und den vortrefflichen Speisen und Weinen desselben Rechnung tragende Mittheilung irgendjemanden hier verletzte . Man trennte sich wie mit dem Gefühl allgemeinster Befriedigung ... Frau von Gülpen aber fiel , als sie mit dem Dechanten allein war und ihr scharfes Ohr die letzten Schritte der Gäste verklingen gehört hatte , geradezu in eine Ohnmacht ... Der sanfte Mann that alles Mögliche , sie zu beruhigen . Nicht vierundzwanzig Stunden länger bleibt sie im Hause ! hauchte die Freundin mit einer ihr fast vergangenen Stimme . Die Haube löste sich , die schönen kastanienbraunen Scheitel kamen in Unordnung ... Und plötzlich raffte sie sich auf und klingelte . Was thun Sie ? Was soll das ? fragte der Greis . Windhack , der die Gäste hinausbegleitet , kam zurück . Das Fräulein - Die Stimme versagte ... versagte um so mehr , als der Dechant sich einer sofortigen Citation Lucindens entschieden widersetzte . Windhack berichtete , er hätte oben geklopft und die Antwort bekommen , sie wäre müde und wünschte allein bleiben zu dürfen ... » Wünschte ! Allein bleiben zu - « ! lachte Frau von Gülpen förmlich auf , wie über eine Prätension der höchsten Anmaßung ... Beruhigen Sie sich , liebe Freundin ! unterbrach der Dechant wiederholt und mit Entschiedenheit . Verurtheilen Sie nicht wieder zu schnell ! Morgen wird sich alles finden ! Ich bitte sehr darum ! Windhack , leuchte ! Ich habe noch Briefe zu lesen . Keine Störung ! Keinen Tumult ! Ruhe und Friede ! Ich bitte darum ! Gute Nacht , liebe Freundin ! Damit ging der Greis erregt , wie seit lange nicht , auf sein Zimmer . Die Schnurrenthüren nebenan bei Frau von Gülpen beruhigten sich aber noch bis tief in die Nacht nicht , so oft gingen sie auf und zu und so oft zu und auf ... Nie noch konnte eine Tante über eine Nichte in größerer Aufregung gewesen sein . 9. Inzwischen saß Lucinde in einem Mansardenstübchen unter dem Eindruck , den ihr das Wiedersehen Heinrich Klingsohr ' s verursacht haben mußte ! Daß es dieser gewesen , daß er wie sie den Glauben gewechselt , ja daß er weiter noch gegangen und ein Mönch geworden , bestätigte Windhack , als er das ihr aus der Hand gefallene Licht erhob und in aller Harmlosigkeit sagte , der Mönch käme mit den geistlichen Herren vom Stadtpfarrer ... hieße Dr. Klingsohr , und in der Stadtpfarrei - da müßte man mehr von ihm wissen , als halt er selbst oder der Dechant wüßte ... Windhack ahnte nicht , wie seine Antwort einer fast bebend gesprochenen Frage gegeben wurde . Und doch wußte selbst auch noch in diesem Augenblicke sich Lucinde schon wieder zu beherrschen . Aber sie mochte nicht in die Gesellschaft zurückkehren ober , wie Windhack sie aufforderte , am Mahle theilnehmen . Die strenge Kälte der Frau von Gülpen , der prüfende Blick des Majors , der so lässige und nur oberflächlich verrathene Antheil des Dechanten benahmen ihr allen Muth , allen Aufschwung ... und doch war sie sorglos und ahnte für ihr Bleiben keine Gefahr . Sie hatte Treudchen Ley schon davongeeilt gefunden , hatte die zurückgelassenen Sachen der geistlichen Herren helfen wollen an den Wagen nachtragen , hatte kaum einen Blick durch das vergitterte Fenster des untern Estrichs geworfen , während Windhack vor der großen Hauptpforte stand ... als sie vor dem geschorenen Haupte eines Mönches , der aus dem Wagenschlage sich vorbeugte , zurückfuhr . Die Beleuchtung durch Lichter , den aufgegangenen Mond und die noch nicht ganz entschwundene Tageshelle war zu sicher , der markirte , scharfe Kopf Klingsohr ' s war mit keinem andern zu verwechseln und die Bestätigung , daß sie sich nicht geirrt , folgte durch Windhack auf dem Fuße ... Wollen Sie nicht zum Souper kommen ? fragte der Alte nach einer Viertelstunde noch einmal . Durch die geschlossene Thür ihres Mansardenzimmers hatte sie gebeten , allein bleiben zu dürfen und sie wegen ihrer Ermüdung zu entschuldigen . Ihr Zimmer war klein , sehr niedrig , - fast stieß sie mit dem Kopf an die Decke - Sie machte sich Licht - sie hätte alle Fenster des Hauses aufreißen mögen , um Luft zu schöpfen , - ihr Stübchen hatte nur ein Fenster - sie fürchtete zu ersticken - » Beim Stadtpfarrer würde sie mehr erfahren « - Dies Wort hallte ihr unaufhörlich wider ... Sie hatte Briefe an diesen Beda Hunnius - die dringendsten Empfehlungen - Empfehlungen , die sogar mit » pressant « überschrieben waren - Sie suchte nach diesen Briefen - Dabei blieben ihr die Hände wie gelähmt ... und fast wie im Gelächter klang es schon und hallte ihr im Ohr : Klingsohr ein Mönch ! » Sind Sie katholisch ? « hatte sie einst zu ihm gesagt , als er einen Blütenzweig da in die Erde pflanzen wollte , wo sie gestanden , damals , als sie von ihm auf dem Wege vom Düsternbrook so seltsame und ihr fremde Gedanken vernommen ... » Du sprichst ein großes Wort gelassen aus ! « hatte er erwidert ... Sie ging auf und nieder in dem engen Zimmer . Dann suchte sie in ihrem kleinen Koffer nach den Briefen ... Sie fand sie in ein Convolut alter Papiere versteckt , die sie seit drei Jahren besaß . Es waren die nach Serlo ' s Tode aus dessen Nachlaß an sich genommenen Aufzeichnungen desselben ... seine oft von ihm vorgelesenen Tagebücher . Sie kannte jede Stelle darin und nicht eine Secunde brauchte es , daß sie eine Seite aufgeschlagen hatte , die jenen Beda Hunnius betraf . Firmian Neumeister , genannt Serlo , war , obgleich älter , mit ihm im geistlichen Convict gewesen ... Bei diesem Hunnius konnte sie von Klingsohr mehr erfahren ... von Klingsohr , der jetzt ... Sie wußte selbst nicht , was sie that , als sie , um den überwallenden Strom ihrer Empfindungen zu dämmen ,