findet . Darum hat nur der Mensch allein die Kunst , und wird sie haben , so lange er ist , wie sehr die Äußerungen derselben auch wechseln mögen . Es wäre des höchsten Wunsches würdig , wenn nach Abschluß des Menschlichen ein Geist die gesamte Kunst des menschlichen Geschlechtes von ihrem Entstehen bis zu ihrem Vergehen zusammenfassen und überschauen dürfte . « Mathilde antwortete hierauf mit Lächeln : » Das wäre ja im Großen , was du jetzt im Kleinen tust , und es dürfte hiezu eine ewige Zeit und ein unendlicher Raum nötig sein . « » Wer weiß , wie es mit diese n Dingen ist , « erwiderte mein Gastfreund , » und es wird hier wie überall gut sein : Ergebung , Vertrauen , Warten . « Eustach öffnete die Mappe , in welcher er die Zeichnung des Altares und die Zeichnungen von Teilen der Kirche , von der Kirche selber und von Gegenständen hatte , die sich in der Kirche befanden . Wir verglichen die Zeichnung mit dem Altare , es wurde manches bemerkt , manches gelobt , manches zur Verbesserung der Zeichnung vorgeschlagen . Wir betrachteten auch die Kirche , wir betrachteten Teile derselben , wir besahen Grabmäler , und unter ihnen auch den großen roten Stein , auf welchem der Mann mit der hohen , schönen Stirne abgebildet ist , der die Kirche und den Altar gegründet hatte . Wir blieben an diesem Tage in Kerberg . Wir stiegen auf den Berg , auf welchem das alte Schloß lag , und sahen das Schloß und den in dem tiefsten herbstlichen Zustande stehenden Garten an . Wir gingen auf den Stellen , auf welchen die alten mächtigen und reichen Leute gegangen waren , die einst hier gewohnt hatten , und auch der Mann , als dessen Tat die Kirche in dem Tale steht . » Was alle diese Menschen getan haben , « sagte mein Gastfreund , » wäre zum Teile in den Papieren und Pergamenten enthalten , die in den Schlössern und Häusern dieses Landes und mitunter auch in entfernten Städten liegen . Einige wissen einen Teil dieser Taten , die meisten sind damit völlig unbekannt , und diejenigen , welche auf den Spuren herum gehen , die ihre Vorfahren getreten haben , wissen oft nicht , wer diese gewesen sind . Es wäre nicht unziemlich , wenn durch Öffnung der Briefgewölbe in allen Ländern auch Einzelgeschichten von Familien und Gegenden verfaßt würden , die unser Herz oft näher berühren und uns greiflicher sind als die großen Geschichten der großen Reiche . Man betritt wohl diesen Weg , aber vielleicht nicht ausreichend und nicht in der rechten Art. « Von Kerberg aus wendeten wir uns am folgenden Tage den höher gelegenen Teilen des Landes zu , das dichter und ausgebreiteter bewaldet war als die bisher befahrenen Gegenden , und von dem uns durch das Dämmer des Vormittages die breiten und weithinziehenden Bergesrücken mit Nadeldunkel und Buchenrot entgegen sahen . Mein Gastfreund hatte recht gehabt . Ein Tag wurde immer schöner als der andere . Nicht der geringste Nebel war auf der Erde , auf welcher wir reiseten , nicht das geringste Wölkchen am Himmel , der sich über uns spannte . Die Sonne begleitete uns freundlich an jedem Tage , und wenn sie schied , schien sie zu versprechen , morgen wieder so freundlich zu erscheinen . Roland blieb drei Tage bei uns , dann verließ er uns , nachdem er vorher noch Zeichnungen und andere Papiere in den Wagen meines Gastfreundes gepackt hatte . Er wollte noch bis zum Eintritt des schlechten Wetters in dem Lande bleiben und dann in das Rosenhaus zurückkehren . Alles war recht lieb und freundlich auf dieser Reise , die Gespräche waren traulich und angenehm , und jedes Ding , eine kleine alte Kirche , in der einst Gläubige gebetet , eine Mauertrümmer auf einem Berge , wo einst mächtige und gebietende Menschen gehaust hatten , ein Baum auf einer Anhöhe , der allein stand , ein Häuschen an dem Wege , auf das die Sonne schien , alles gewann einen eigentümlichen sanften Reiz und eine Bedeutung . Am achten Tage wandten wir unsere Wägen wieder gegen Süden , und am neunten abends trafen wir in dem Asperhofe ein . Ehe ich mich zu meiner Heimreise rüstete , sah ich noch einmal manches der herrlichen Bilder meines Gastfreundes , drückte manches Außerordentliche der Bücher in meine Seele , sah die geliebten Angesichter der Menschen , die mich umgaben , und sah manchen Blick der Landschaft , die sich zu tiefem Ersterben rüstete . Mein Herz war gehoben und geschwellt , und es war , als breitete sich in meinem Geiste die Frage aus , ob nun ein solches Vorgehen , ob die Kunst , die Dichtung , die Wissenschaft das Leben umschreibe und vollende , oder ob es noch ein Ferneres gäbe , das es umschließe und es mit weit größerem Glück erfülle . 3. Der Einblick Ich fuhr bei sehr schlechtem Wetter , welches mit Wind , Regen und Schnee nach den hellen und sonnigen Tagen , die wir in den Hochlanden zugebracht hatten , gefolgt war , von dem Rosenhause ab . Die Pferde meines Gastfreundes brachten mich auf die erste Post , wo schon ein Platz für mich in dem in der Richtung nach meiner Heimat gehenden Postwagen bestellt war . Mathilde und Natalie waren zwei Tage vor mir abgereist , da sich schon die Zeichen an dem Himmel zeigten , daß die milden Tage für dieses Jahr zu Ende gehen würden . Roland war von seiner Wanderung in dem Asperhofe eingetroffen . Alles hatte auf stürmische Änderung in dem Luftraume hingedeutet . Ich weiß nicht , warum ich so lange geblieben war . Es erschien mir auch einerlei , ob das Wetter übel sei oder nicht . Ich war von meinen Wanderungen her an jedes Wetter gewohnt , um so mehr konnte mir dasselbe gleichgültig sein , wenn ich in einem vollkommen