Mann . Zwei Monate schienen den jungen Leuten eine beträchtliche Zeit , und ein unbewußt schnell gewechselter Blick zwischen Emilie und St. Julien sprach ohne ihren Willen diese Meinung aus , und erregte in jedem ein tröstliches Gefühl . Der Graf erzählte dem Prediger die merkwürdige Ungezogenheit des jungen Lorenz , und dieser rief höchst entrüstet : So werden Sie doch dem Vater dieses übermüthigen Menschen die Pension nicht länger zahlen , die er von Ihnen zieht ? Und wie hinge das , was ich dem Vater versprochen habe , mit dem Betragen des Sohnes zusammen ? fragte der Graf . Glauben Sie denn , daß er weniger schlecht und undankbar ist , als der Sohn , erwiederte der Prediger ; glauben Sie , daß er Ihre Unterstützung im Mindesten verdient oder auch jetzt nur bedarf ? Sie haben gewiß Recht , antwortete der Graf , und ich bin ganz Ihrer Meinung . Auch gestehe ich Ihnen , hätte ich diese unwürdige Familie bei meiner Ankunft gekannt , so wie ich sie jetzt kenne , daß dann meine Unterstützung wenigstens nicht so bedeutend ausgefallen sein würde , trotz der langen Dienstjahre , die der Alte geltend macht . Da ich aber aus Mangel an richtiger Kenntniß mein Wort einmal gegeben habe , so kann ich mich nicht wieder zurückziehen , obwohl ich einsehe , daß der alte Lorenz nicht sowohl so viele Jahre gedient hat , wie er sich rühmt , als vielmehr sich und seine Familie verschwenderisch hat erhalten lassen , ohne Nutzen zu stiften , und gewiß hätte er dafür keine Belohnung verdient ; aber , wie gesagt , die Sache läßt sich nun nicht mehr ändern und wir müssen uns darein ergeben . Es ist aber ärgerlich , sagte der Pfarrer , dem noch Wohlthaten zuwenden zu sehen , der jetzt wieder mit Uebermuth wie ein reicher Mann unter uns auftritt . Er hat das kleine Gut Schönthal gepachtet und lebt dort ganz wie ein Edelmann . Ich war neugierig , seine Einrichtung zu sehen , und brachte ihm deßhalb selbst die vierteljährige Pension hin , die Sie ihm zukommen lassen . Ich erstaunte , wie außerordentlich gut er das Haus meublirt hat , und er hatte die Unverschämtheit , mir mit seinem widrigen Lächeln zu sagen : Da jetzt so viele Edelleute in der schweren Kriegszeit , die Gott über uns verhängt hat , zu Grunde gehen , so kommt man wohlfeil an alle diese Dinge , Herr Prediger , und ich kann nach Gottes gnädigem Willen in meinem Alter doch noch fühlen , daß ich ein Mensch bin , so gut wie alle die Herren . Das Geld , welches ich ihm brachte , warf er so gleichgültig in seinen Schreibtisch , als wäre es für ihn eine ganz geringe Summe und keineswegs eine Unterstützung , die er der Großmuth verdankt , sondern die Bezahlung einer unbedeutenden Schuld . Mein Schreiber soll die Quittung aufsetzen , sagte er vornehm , ich werde sie unterzeichnen , denn meine Augen werden schwach und erlauben mir nicht mehr viel zu schreiben . Ich ärgerte mich so sehr über sein übermüthiges Betragen , daß ich ihn etwas zu demüthigen beschloß und daher sagte : So würden Sie wohl jetzt keine Urkunden mehr abschreiben können , wenn sich die Gelegenheit darböte ? Nein , das würde mir nicht mehr möglich sein , antwortete er sehr freundlich ohne alle Verlegenheit , auch habe ich es Gottlob nicht mehr nöthig , solche Arbeiten zu machen , und bin durch Gottes Gnade so eingerichtet , bester Herr Prediger , daß ich in meinem Hause nur über Dinge zu sprechen brauche , die mir angenehm sind . Ich wollte den alten Sünder verlassen , aber er bestand darauf , ich mußte den Abend bei ihm bleiben , und ich fand seinen Tisch außerordentlich gut besetzt . Man hat die Gottesgabe , bemerkte er , weit billiger , als die vornehmen Herren , denn die Kenntnisse , die ich mir in der Jugend erwarb , schützen mich besser vor Betrug . Das kann ich begreifen , erwiederte ich ihm , so daß er die Beziehung verstehen mußte . Freilich , freilich , antwortete der Schelm ohne alle Verlegenheit , es begreift sich leicht . Wer so lange , wie ich , in herrschaftlichen Häusern lebt , macht auch seine Studien , nur anders wie die Gelehrten , Herr Pfarrer . Bei Tische wurden sehr gute Weine angeboten , und der Alte sagte mit unerträglicher Heuchelei : Gott hat mir gute Kinder geschenkt , die für ihren alten Vater sorgen . Mein lieber Sohn hat mir einige Kisten Wein gesendet . Lieber Gott , er ist in einer Lage , wo er das alles mit Leichtigkeit erwirbt , und er will nicht , daß das schwache Licht meines Lebens erlöschen soll , und sucht deßhalb die Flamme zu nähren ; nun , der Herr wird es ihm vergelten . Er sagte mir hierauf , daß in der nächsten Woche seine beiden Kinder ihn auf einige Tage besuchen würden , um seinen siebzigsten Geburtstag festlich zu begehen , und er lud mich so dringend dazu ein , daß ich zusagen mußte . Als er mein Versprechen hatte , fing er an , wie er sagte , aus Freude darüber , unmäßig zu trinken , und ich verließ ihn im Zustande thierischer Betrunkenheit und schämte mich , daß ich ein solches Mahl mit einem solchen Menschen hatte theilen können . Auch war ich natürlich entschlossen , sein Haus nicht wieder zu betreten , obgleich ich gern sehen möchte , wie sich die saubere Familie an diesem Feste gebehrden wird . Auch möchte ich wissen , wo sich seine Tochter aufhält , nachdem sie den französischen General verlassen hat , der Alte gab darüber nur ausweichende Antworten . Ist es denn nun , schloß der Prediger , nach allem diesem nicht unerträglich , daß dieser übermüthige Mensch noch Wohlthaten empfangen soll , deren Werth er so wenig erkennt ?