der das heilige Schweigen brach . Wir sind dem Speusippus nicht wenig Dank schuldig ( sagte er mit einem Ernst , der das eben ausbrechen wollende Lachen von den Lippen deiner muthwilligen Freundin zurückschreckte ) , daß er uns einen Blick in die erhabensten Mysterien seines berühmten Oheims thun ließ , und uns das unaussprechliche Wort seiner Philosophie50 vertraute . Denn die Idee ist der Schlüssel zu allen Geheimnissen der Natur in und außer dem Menschen . - Ich gestehe mit Beschämung , sagte Euphranor , daß dieser Schlüssel mir nichts aufschließt . Ich begreife nichts von einer Idee , die ich in mir trage , ohne zu wissen weder daß ich sie besitze noch wie ich zu ihr gekommen bin , also auch ohne gewiß zu seyn , daß ich sie habe . - Wundert dich dieß , Euphranor ? versetzte der junge Athener lächelnd ; du hast also , wie es scheint , nie wahrgenommen , wie vieles in dir ist , dessen Daseyn und Beschaffenheit dir nur durch seine Wirkungen offenbar wird ? Die ungelehrtesten Menschen empfinden , erinnern sich des Empfundenen , vergleichen und unterscheiden , bilden sich Begriffe und machen Schlüsse , ohne zu wissen , wie sie dabei zu Werke gehen ; und der gelehrteste weiß im Grunde nicht viel mehr davon als sie . Die Idee des Schönen erweiset sich in dir und in uns allen durch ihre Wirkungen ; sie selbst ist so wenig anschaulich , als es z.B. die Kraft ist , mit welcher du urtheilst , ob du zu dem , was du malen willst , einen feinern oder gröbern Pinsel nehmen und ihn in diese oder jene Farbenmuschel tauchen sollest . - Es mag vielleicht seyn wie du sagst , erwiederte Euphranor : aber wessen ich sehr gewiß bin , ist , daß ich mich , wenn ich eine Galatea malen oder einen Mercur bilden sollte , auf eine Idee , die ich in mir herumtrage , ohne es zu wissen , nicht verlassen dürfte . Daß ich die Verhältnisse und Formen des männlichen und weiblichen Körpers , die bei den Griechen für die schönsten gelten , studirt habe ; daß ich genau weiß , wie ein Arm oder Schenkel gestaltet seyn muß , um von jedermann für schön erkannt zu werden , und wie jedes Gliedmaß nebst allen übrigen , die mit ihm in Verbindung stehen , sowohl in Ruhe als in jeder Art von Bewegung und Stellung , aus jedem Gesichtspunkt betrachtet erscheinen muß ; daß ich weiß , wie man den Pinsel und den Meißel handhaben muß ; daß ich , wenn ich male , jedem Gegenstande seine wahre Gestalt , Farbe und Haltung , Charakter und Ausdruck , jedem Theil sein rechtes Verhältniß zu den übrigen , jedem Muskel sein gehöriges Spiel zu geben , Licht , Farben und Schatten richtig und zweckmäßig zu vertheilen , und das Ganze auf seinen gehörigen Ton zu stimmen weiß : alles das sind Dinge , deren ich mir sehr klar bewußt bin , wovon ich Rechenschaft geben kann , und ohne welche ich nichts machen könnte , das des Sehens werth wäre . Auch bin ich mir eben so klar bewußt , wie ich zu dem , was ich weiß und kann , gelangt bin : nämlich nicht durch den magischen Einfluß einer Idee , die mir selbst unsichtbar ist , sondern durch emsiges forschendes Betrachten der Natur und der Kunstwerke trefflicher Meister , öfteres Besuchen der Gymnasien und Kampfspiele , hartnäckigen Fleiß , viele Uebung , Liebe zur Kunst , und brennenden Wetteifer mit denen , die ich anfangs nur nachzuahmen suchte . Und was den Maßstab der Grade des Schönen betrifft , wozu bedürfte ich eines andern als der bestimmten Gestalten einer kleinen Anzahl von Personen , die in ihrer Art für vorzüglich schön gelten , und des feinen Gefühls des Gehörigen , Gefälligen und Genugsamen , das durch beständige Uebung des Kunstsinns an der Natur selbst erworben wird ? Ich habe , wiewohl ich noch nicht dreißig Jahre zähle , das Schönste gesehen , was in den vornehmsten Städten der Griechen zu sehen ist ; aber ich erinnere mich nicht , irgendwo ein Bild eines Gottes , eines Homerischen Helden , einer Göttin oder Nymphe gesehen zu haben , welches ( das Conventionelle abgerechnet ) schöner wäre , als gewisse Personen , die ich kenne . So ist z.B. dieser Faun nach einem jungen Arkadischen Ziegenhirten - dieser Bacchus nach einem sehr schönen Jüngling , mit welchem ich zu Sicyon öfters badete , und die schlummernde Mänas nach einer Sklavin der Frau dieses Hauses gebildet . - Und dieß weißt du so gewiß ? fragte Speusipp . - » So gewiß , als daß nicht der berühmte Alexis von Sicyon , wie Lais im Scherz vorgab , sondern der noch unberühmte Euphranor von Korinth diese Gruppe , die du selbst mit deinem Beifall beehrtest , gearbeitet hat . Hätte ich eine mit dem Gürtel der Venus geschmückte Juno zu malen , so weiß ich sehr wohl , an welche sichtbare Göttin ich meine Gelübde richten würde . « - In der That , sagte Speusipp mit der Attischen Miene , die du als ein Vorrecht der edeln Theseiden51 kennst , es ist nicht zu läugnen , daß wir ein wenig lächerlich sind , indem wir uns an der Tafel der schönsten Frau in Griechenland die Köpfe darüber zerbrechen was schön sey ; denn , welche Bewandtniß es auch mit dieser Frage haben mag , dieß ist gewiß , daß jeder , der sie sieht , seine höchste Idee der Schönheit in ihr verkörpert finden wird . Sobald das Gespräch eine solche Wendung nahm , war es hohe Zeit , ihm ein Ende zu machen . Auf einen Wink , den ich kurz zuvor einer Aufwärterin gegeben hatte , trat in dem Augenblick , da Speusipp das letzte Wort aussprach , die schöne Lasthenia an der Spitze meiner oben erwähnten jungen Nymphen in den Saal ,