von dem niemand ahnen durfte , daß ihre Gedanken sich damit beschäftigten . In dem Zimmer mit dem hübschen Blumenerker , das die Eltern neu eingerichtet und ihr als Eigentum übergeben hatten , baute Agathe alle ihre Konfirmationsgeschenke feierlich auf . Herweghs böse Sturmgesänge waren beim Buchhändler gegen eine Gedichtsammlung mit dem Titel “ Fromme Minne ” eingetauscht . Martin nannte sie verächtlich nur : die fromme Minna . Er hatte Heidlings nach abgelaufenem Militärjahr auf seiner Reise zur Universität besucht . Aber Agathe verstand sich nicht mehr mit ihm . Er gewöhnte sich eine rohe Art an , über alles , was sie schön fand , zu höhnen und bei jeder Gelegenheit in ein lautes wildes Lachen auszubrechen . Infolge seines unliebenswürdigen Wesens wurde es Agathe noch zweifelhafter , ob Revolution und Christentum sich vereinigen lasse . Sie studierte mit Eifer die Zeitungen , verschob es aber vorläufig noch , sich bestimmt für eine Partei zu entscheiden . Sie wollte sich erst recht gründlich unterrichten . . . . . . . . Wie neckisch auf dem Geschenktisch der kleine rote “ Liebesfrühling ” zwischen den vertrockneten Blumensträußen und den Lederetuis mit den Schmucksachen hervorblickte ! Aber über allem thronte als Mittelpunkt der Prachtband : “ Des Weibes Wirken als Jungfrau , Gattin und Mutter . ” Seine reiche Vergoldung strahlte in einem sanften , mystischen Glanz . Der jetzige Zustand war ein Noviziat , das der Einweihung in die heiligen Geheimnisse des Lebens voranging . Die einfachsten häuslichen Pflichten führten Agathe ein in den gottgewollten und zugleich so süsüßen , entzückenden Beruf einer deutschen Hausfrau . Durfte sie am Sonntag ein Tischtuch aus dem schönen Wäscheschrank der Mutter holen und die Bettbezüge und Laken für den Haushalt verteilen , that sie es mit froher Andacht , wie man eine symbolische Handlung verrichtet . In der Bodenkammer unter dem Dach wanderte ein feiner Sonnenstrahl durch die kleine Fensterluke über Spinneweben und Staubwust . Keck und lustig vergoldete er da ein Eckchen und dort ein Zipfelchen von dem alten überflüssigen Plunder , der hier pietätvoll aufbewahrt wurde : Bilder aus dem Haushalt der Großeltern und verblaßte Rückenkissen , Walters Schaukelpferd , und Ballschuhe , in denen die Regierungsrätin als Braut getanzt hatte . Sie konnte sich nie entschließen , sich von einem Dinge , das ihr einmal lieb gewesen , zu trennen , und so wanderte der Inhalt der Bodenkammer auch bei jedem Wohnungswechsel der Familie Heidling getreulich mit . Zu den köstlichsten Andenken vergangener Zeiten begrub Agathe nun ihr Spielzeug , das sie in eine Kiste sorgsam mit Kamphorsäckchen verpackte . Die ganze Miniaturausgabe einer Kinderstube ging so noch einmal durch ihre Finger , bis zu den Wickeln und Windeln , der Badewanne und den Wärmfläschchen , — den vielen zierlichen Gegenständen , die zur Pflege der Allerkleinsten nötig sind und durch deren Handhabung bei phantasievollem Spiel die geheimsten Empfindungsnerven des werdenden Weibes in erwartungsvoll zitternde Schwingungen versetzt werden . Träumerisch erinnerte sich Agathe , indem sie ihre Lieblingspuppe zum Abschied leise auf die Stirn küßte , des atemlosen Entzückens , mit dem sie oft ihr Kleid geöffnet hatte , um das harte kalte Wachsköpfchen an die winzigen Knospen ihrer Kinderbrust zu drücken und es trinken zu lassen . Verlegen lächelnd tastete sie nun über die weiche Rundung ihres Busens . Nie konnte ihr die Schneiderin die Taille eng genug machen , sie schämte sich der ungewohnten Fülle ihrer Formen . Auf dem Grunde der Kiste , unter einer verblichenen rosenroten Decke , lagen die kleinen Sachen , die sie selbst und die gestorbenen Geschwisterchen einmal getragen hatten . Das alles wurde aufbewahrt bis zu dem Tage , wo es Agathe einmal herausnehmen durfte zum Gebrauch für ihre eigenen lebendigen kleinen Kinder . Neugierig hob sie die rosenrote Decke ein wenig und zog ein feines , winziges , spitzenbesetztes Hemdchen hervor . Nein — wie süß ! Wie süß ! Sie streckte ihre Finger in die Ärmelchen und lachte es an . — — War das alles rätselhaft , seltsam — ein tiefes Wunder . . . . . Und was sie hörte , was sie träumte , machte alles nur unbegreiflicher . . . . Ach , die schweigsam selige Erwartung in ihr — Tag und Nacht — Tag und Nacht Im Gegensatz zu der Mattigkeit und Schlafsucht , gegen die Agathe während ihrer Pensionszeit beständig zu kämpfen gehabt hatte , erfüllte sie jetzt ein immerwährendes Verlangen nach Bewegung und Thätigkeit . Sie fühlte sich oft namenlos glücklich , auch ohne eine besondere Ursache . Beim Abstäuben der Möbel konnte ihr heller Sopran sich plötzlich zu lautem Jubel aufschwingen . Unzähliges wurde zu gleicher Zeit begonnen : Kunstgeschichte , Schneiderei , Musik und Besuche bei Freundinnen und bei armen Leuten , denen die Ersparnisse ihres Kleidergeldes zuflossen . Ach ja — so recht praktisch , liebevoll , aufopferungsfreudig und dabei gescheut und von gediegener Bildung ! Um das zu erreichen , mußte man sich schon tummeln ! Alles , alles für ihn — den geliebten , herrlichen , zukünftigen Unbekannten ! — Für sich allein , nur aus Freude an den Dingen — nein , das wäre doch Selbstsucht gewesen ! Und es war ja auch so schön , so süß , für andere zu leben . Agathe schloß sich mit neuerwachter Zärtlichkeit ihrer Mutter an . Sie fand reizende kleine Aufmerksamkeiten für ihren Vater . Der Regierungsrat begann seine Tochter mit stiller Verliebtheit zu betrachten . Er fühlte jene herzliche Freude an der beständigen Nähe eines frischen , jungen Mädchens , die älteren Männern das Heim mit einem neuen sonnigen Zauber verklärt , einem Zauber , welcher ungestört von sinnlichen Stürmen , kaum weniger hold , nur friedvoller ist , als der der ersten Ehejahre — ein Zauber , der wie zarter Frühlingsduft die Eltern umspielt , zur Form erstarrte Innigkeit , zur Gewohnheit vertrocknete Zuneigung mit wärmer pulsierendem Leben erfüllend . In Agathes wohlig durchheiztem Erkerzimmer feierte sie ihren siebzehnten Geburtstag , umgeben von blühenden Rosen