, der neben ihr auf der Bank lag und große Lust zum Spielen zeigte . „ Es ist himmelschreiend ! “ eiferte die Gouvernante weiter . „ Da hat die arme , alte Person , die Wirthschafterin , unglücklicherweise verrathen , daß sie abergläubisch ist , und seitdem spukt es allabendlich im ganzen Schlosse , auf allen dunklen Gängen und finsteren Corridoren , so daß Niemand von den Leuten sich mehr aus der Thür wagt und Frau Schwast beinahe krank geworden ist vor Schreck . Sie werden noch einmal ein Unglück anrichten mit ihren heillosen Einfällen ! “ „ Es spukt im Schlosse ? “ fragte Lucie , indem sie den Kopf hob und ihre Gouvernante mit der unschuldigsten Miene von der Welt anblickte . „ O , das ist ja merkwürdig ! “ „ Merkwürdig ? Abscheulich ist es ! Denken Sie , ich wüßte nicht , wer die gottlosen Jungen des Inspectors wieder zu der Gespensterkomödie angestiftet hat und wer eigentlich den ganzen Geisterapparat erfindet und leitet ? Aber ich werde Herrn Günther die Sache vortragen , und dann gnade Gott den Gespenstern , wenn ihm eins davon in die Hände fällt ! “ „ Ach nein , sagen Sie nur Bernhard nichts davon ! “ rief Lucie erschreckt ; „ es soll nicht mehr spuken , gewiß nicht mehr ! “ Fräulein Reich schüttelte grollend das Haupt . „ Also läßt man sich doch endlich zum Geständniß herbei . Sie sollten sich schämen , Lucie , so mit den Knaben herumzutollen , während Sie doch schon eine erwachsene junge Dame sein wollen , aber Ihnen steckt die Kinderei noch ganz und gar im Kopfe . Das ist überall und nirgends , das dreht und wendet sich mir unter den Händen mit Lachen und Schmeicheln , und während ich Sie wegen des einen Postens zur Rede stelle , sinnen Sie schon wieder auf einen neuen , der sicher hinter meinem Rücken ausgeführt wird . Das ganze Haus hilft Ihnen ja leider Gottes dabei , Alles haben Sie mit Ihren Thorheiten angesteckt , Alles ist im Complot mit Ihnen , man müßte hundert Augen und Hände haben , um solch einer Quecksilbernatur Herr zu werden . Sie werden mir das Zeugniß geben , daß ich nicht zu den Schwachen und Nachsichtigen gehöre , ich hatte auf der Schule in N. eine ganze Classe widerspenstiger , lärmender Schüler in Ordnung zu halten , und ich habe sie in Ordnung gehalten , aber mit einem solchen Wildfang wie Sie fertig zu werden , das versuche eine Andere – ich gebe es auf ! “ „ Was geben Sie auf ? “ fragte plötzlich Günther ’ s Stimme , der unbemerkt den Gang heraufgekommen war , und jetzt in die Laube trat . Lucie fuhr von ihrem Sitze empor und sprang ihm entgegen , ohne sich im Mindesten darum zu kümmern , daß sie dabei die Zeichenmappe vom Tische herabriß und die Blätter nach allen Richtungen hin auseinanderflatterten . „ Bernhard , vor einer Stunde war ein Bote des Baron [ 39 ] Brankow hier , der Dir persönlich einen Brief übergeben wollte . Wir wußten nicht , wohin Du geritten warst . Hat er Dich gefunden ? “ Günther nahm ruhig seine Schwester beim Arm und drehte sie nach dem Tische herum . „ Willst Du nicht vor allen Dingen die . Güte haben , Deine Zeichnungen wieder aufzunehmen ? – Was wollten Sie ein für alle Mal aufgeben , Fräulein Reich ? “ Das Fräulein schien in dem heftigen Erguß von vorhin ihren Vorrath an Zorn so ziemlich erschöpft zu haben , und zum Ueberfluß stahl sich nun auch Lucie , die eiligst die umhergestreuten Blätter aufgerafft hatte , an ihre Seite . Sie legte schmeichelnd den linken Arm um ihre Gouvernante und lehnte den Kopf an deren Schulter , das Fräulein machte zwar einen unwilligen Versuch , sich zu befreien , aber es blieb bei dem Versuche , denn die kleine Hand hielt fest und die Antwort fand demzufolge auch in bedeutend herabgestimmtem Tone statt . „ Ich habe Lucien wieder einmal eine Vorlesung halten müssen , sie ist leider unverbesserlich ! “ „ So , nun da werde ich wohl einschreiten müssen ! “ meinte Günther , dem das Manöver seiner Schwester nicht entgangen war . „ Ich wollte Sie ohnedies bitten , nach auf einem Gang durch den Garten zu begleiten , da ich mit Ihnen etwas zu besprechen habe ; Lucie mag inzwischen weiter zeichnen . “ Die kleine Hand lag noch immer schmeichelnd auf dem Arme , und jetzt unterstützten auch die Augen sehr beredt jene stumme Bitte ; das Fräulein wandte denn auch zwar mit einer ärgerlichen Bewegung den Kopf seitwärts , aber aller Groll war aus ihren Zügen verschwunden , und triumphirend und gänzlich unbesorgt über den Ausgang des Gesprächs kehrte Lucie zu ihrem Sitz zurück , – weiter zu zeichnen . Sobald ihr die Beiden nämlich aus dem Gesicht waren , warf sie den Stift bei Seite , hob ihren kleinen Hund auf den Tisch , setzte ihn mitten unter die Zeichnungen und begann ihn zu necken , mit dem ersten Besten , was ihr in die Hände fiel , in diesem Falle mit dem Sonnenschirm ihrer Gouvernante , der unglücklicherweise neben ihr auf der Bank lag , und den sie nun ganz rücksichtslos den Pfoten und Zähnen des Thieres preisgab . Die Besitzerin des mißhandelten Sonnenschirms schritt mittlerweile an Günther ’ s Seite durch den Garten . Seit seinem Erscheinen war in dem Wesen des Fräuleins eine merkwürdige Veränderung vorgegangen , sie zeigte sich nicht im mindesten geneigt , sich auf die vorhin so eifrig herbeigewünschte Autorität zu stützen , im Gegentheil , sie setzte sich ihr gegenüber in eine Art Kriegsbereitschaft , augenscheinlich entschlossen , ihren eben noch so hart gescholtenen Zögling auf Tod und Leben zu vertheidigen . Ob Günther etwas davon ahnte , oder ob er die Taktik des Fräuleins bereits kannte , genug , er ließ den