auch vor Gericht aussagen , ich will alles gestehen , und ich will auch Seiner Durchlaucht selber mein Geständnis ablegen . Ja , ja , es ist so , wir beide – ich und Fritz , wir haben ebenfalls die deutsche Republik gründen und Seine Durchlaucht als deutschen Kaiser an die Spitze stellen wollen , – wir haben uns unser Wort darauf gegeben , und Fritz hat einen Ring mit einer Haarlocke von mir . « Der Legationsrat hatte sich auf dem Wege nach der Isenburger oder Sachsenhäuser Warte überlegen wollen , was er nach seiner Nachhausekunft der Tante sagen könne , aber nicht , was vor dreißig Jahren in jener schrecklichen Nacht die Tante sagte . » Ich versuche vergeblich , es von mir zu weisen « , murmelte er jetzt . » Es ist stärker als ich , und mir ist schlecht zumute ! Ich hätte doch nach dem Bahnhof gehen sollen . Es war meine Pflicht . Den Verdruß über den Nachbar Nürrenberg hätte ich mir auf eine andere Art von der Seele schütteln können , als durch dieses tolle Gerenne ins Blinde . Da ist die Warte , und es ist mir , als ob mir eine Gerichtspedellenhand die Kehle zusammendrücke . Setzen muß ich mich einen Augenblick ; ich komme sonst gar nicht wieder nach Hause – wenigstens nicht lebendig . « Er arbeitete sich schwer und mühsam dem alten Turme zu , und scharf und hell vernahm er während dieser letzten hundertfünfzig Schritte die Stimme seiner seligen Mutter : » Ich will dir etwas sagen , Karoline . Morgen mittag , sobald dein Koffer gepackt ist , schaffe ich dich aus der Stadt ; hörst du ? ! Ich werde dich selbst der Tante Nebelbohrer in Bernburg bringen . Du bleibst mir keinen Augenblick länger als nötig ist , im Hause . Bilde dir ja nicht ein , vielleicht den Papa allmählich durch Trotz oder Krokodilstränen herumzubringen . Dafür bin ich auch noch da ; – nach Bernburg gehst du morgen mittag , und jetzt gehst du auf der Stelle zu Bett , und ich gehe mit dir , um die Tür hinter dir zu verriegeln – in diesem Leben traue ich dir nicht wieder . O Vater , Vater , ist es denn möglich , daß wir diese Nacht überleben ? « – Das war doch möglich gewesen . Am folgenden Morgen hatte Alex Nebelung das Protokoll beim ersten Verhör seines Schul- und Universitätsgenossen Fritz Hessenberg zu führen und war seiner Aufgabe in einer Weise nachgekommen , die ihm die Achtung aller seiner Vorgesetzten erwarb . Am Nachmittage befand sich Linchen Nebelung verstockt und leider gänzlich reulos auf dem Wege in die Verbannung . Selten von jener Nacht an hatten sich die Geschwister wiedergesehen und seit zwanzig Jahren gar nicht . Im Verlaufe dieser zwanzig Jahre waren die Eltern gestorben ; Alex Nebelung war als Legationssekretär nach Frankfurt geschickt worden und Lina nach Amerika gegangen . Fritze Hessenberg hatte einige Jahre still auf der Festung eines benachbarten größeren Staates ( es lohnte sich doch nicht , seinetwegen eine im Heimatlande zu bauen ! ) zugebracht und war dann auch in die Fremde verschwunden . Einmal kam das Gerücht , er habe geheiratet . Daß er seine erste Liebe nicht geheiratet habe , stand jedoch fest . – Alexius der Dreizehnte war auch gestorben , und heute schrieb man den 22. Mai 1858 . Wie doch die Jahre und die Leben vergehen ! – Der Legationsrat hatte die Isenburger Warte erreicht , und der Atem zum Rückwege mangelte ihm in der Tat . Dazu wühlte es immer seltsamer in ihm . Was er widerwillig Rührung nannte , hätten andere wahrscheinlich Verdrießlichkeit benamset . Sentimental angehaucht war er augenblicklich , allein nur zu einem Drittel , was die anderen beiden Drittel anbetraf , so krittelte er sich , und zwar nicht allein über sich . Wie ein von Entozoen und Epizoen geplagter diplomatischer Lachs suchte er sich durch einen Schwung und Sprung Luft zu verschaffen und in seine gewöhnliche Seelenstimmung zurückzuschnellen . Mit giftiger Energie rief er sich ins Gedächtnis zurück , was der satanische Nachbar und Kommerzienrat am Nachmittag in der Jasminlaube verbrochen hatte . Nur um einen Augenblick die Tante Lina aus dem Gewissen los zu werden , malte er es sich noch mal recht grell aus , und in das Wirtschaftslokal guckend , rief er : » Einen halben Schoppen Äpfelwein ! « Der wurde schnell gebracht , und ein Glas des edlen Trankes in die Abenddämmerung emporhebend , brachte der Legationsrat einen Trinkspruch aus und sagte laut und feierlich-grimmig : » Es lebe Alexius der Dreizehnte ! « – – als worauf sich etwas ganz Kurioses ereignete . An einem Nebentisch im Grün unter dem alten Wachtturm horchte ein anderer Gast – ein breitschultriger , jovialer Herr mit einem dicken Eichenstock zwischen den Knien und in einem langen blauen Rock – hoch auf , erhob dann gleichfalls sein Glas Eppelwei ’ , erhob sich selbst , trat an den erstaunten Diplomaten heran und sagte : » Hören Sie , Herr , wenn wir denselben Landesvater im Sinn haben , so stoße ich mit Ihnen an auf den fidelen alten Hahnen . Vivat Alexius der Dreizehnte ! « » Mein Herr ? « stammelte der Legationsrat . » Na , na , « sagte der andere gutmütig , » kommen Sie , setzen Sie sich hierher , hier zieht es am wenigsten . Wissen Sie , ich bin ein Schweizerbüger und habe längst keinen Konnex mehr mit Ihren respektiven Landesvätern . Aber auf den stoße ich doch an , und noch gar in diesem angenehmen Getränke . Sie sind wohl auch ein 0x0burger ? Wissen Sie , vor dreißig Jahren war ich auch mal einer . Damals war ich ein forscher Studente , eben frisch von Göttingen her , und hatte das Jus studiert . Heute aber bin ich Lohgerber in Romanshorn am Bodensee und habe daselbst ein forsch , florierend Ledergeschäft